Fussball und Fetischismus

Hartmut Böhme wendet seine in »Fetischismus und Kultur« dargebrachte Deutung der Moderne trendgemäß aber passend auf den Fussball an. Da wird der Kult in vielen seiner Ausprägungen gewürdigt, die Stadien als moderne Kathedralen, die Orgie der Ansteckung, die Bekreuzigungen der Spieler, das magische Berühren des Rasens und anderes im religiösen Patchwork.

In seinen Deutungen des Spektakels, pop-kultureller Großereignisse als erlebnisintensive Sinn- und Gemeinschaftserfahrung ist er sich mit Theweleit – der andere Intellektuelle, von dem ich auch Auslassungen zum Fussball akzeptiere, mag – offenbar einig.

Lesenswert ist der ganze Essay, klar. Ich mag den Schluss besonders:

Das Tor gehört ja nicht eigentlich zum Spielfeld; es ist vielmehr ein typischer Taburaum, eine merkwürdige Leere, in der sich irgendwie das Allerheiligste des Kollektivs konzentriert.
Das begründet auch die archaische Sonderstellung des Torwarts, des Hüters von was auch immer: dem Heiligen, dem Schatz oder der Weiblichkeit, die in diesem Spiel der Männer eine Art abwesende Anwesenheit darstellt, das Unberührbare, das zu berühren der einen Seite orgiastische Triumphe und der anderen Demütigung und Schmach einbringt. Von diesem Taburaum aus erklären sich die erotischen Rhythmen des Spiels, das Eindringen und Zurückziehen, das Verlangsamen und Beschleunigen des Tempos, das Überwinden der Abwehr und die verbissene Verteidigung der Reinheit dieses seltsamen Torraums.
[…] Wenn es denn stimmt, dass Kultur abgezweigte libidinöse Energie ist, dann ist Fußball eine Allegorie der Kultur.

(via metamorphine)

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