Glücksproduktion

Ich habe das Buch von Holm Friebe | Sascha Lobo: »Wir nennen es Arbeit, Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung« gelesen & bedacht und sondere jetzt hier ‚mal so etwas wie ein erstes Resümee ab. Ein erstes nur, denn da ist nichts abzuhaken, das Thema bleibt evident.

Das Buch hat etwas von einem Manifest, einer Bestandsaufnahme, einer Versicherung hinsichtlich des Standes der Dinge. Die Autoren verorten sich und die gesamte digitale Bohème in der Geschichte & im Heute, wissen um die Relevanz ihrer Position in und für die Gesellschaft. Der Text ist eine einzige Feier des Ideals vom selbstbestimmten Leben und Arbeiten, der Aufhebung des Gegensatzes zwischen Leben und Arbeit. Eines Gegensatzes, der meiner Meinung nach die Ursache für viel Unzufriedenheit ist und manch psychische Unbill sein kann. Es kommt im Text zu notwendigen Überspitzungen, die weitgehende Beschränkung auf die digitale Sphäre verstellt nicht den Blick auf die gesamte auch herkömmlich analog bestimmte Sphäre.

Bei der Suche nach Lösungen für die nachindustrielle Arbeitsgesellschaft ist die digitale Bohème schon ‚mal ein Stück vorangegangen, auf Erkundung. Ich bin versucht, dafür den etwas altmodischen Begriff „Avantgarde“ hervorzuholen. Dabei erscheinen die Bobos von einer arrivierten Position aus sicher als unreif, als ewige Kinder, suspekt wegen ihrer zur Schau getragenen Weigerung, „normal“ zu werden und sich einzuordnen. Insofern sind sie auch ein Spiegel, eine wandelnde Kritik an der festgefahrenen und unproduktiven Situation. Dabei, bei dieser Kritik, kommen Muster, Prototypen heraus, die jeder für sich auf Tauglichkeit begutachten mag.

»Wir nennen es Arbeit« ist ein sehr gut geschriebenes Buch, der Text macht Spaß, der dramaturgische Aufbau der Kapitel hat Sogkraft, der häufige Bezug auf aktuelle und historische Quellen bringt oft interessante historische Referenzen zu Tage. Das Spektrum des digitalen Lebens heutzutage wird flächendeckend ausgeleuchtet.

Zum Ende hin, im letzten Kapitel, lässt die Spannung etwas nach. Dort findet sich auch die einzige, unverzeihliche bullshit-artige Worthülse (S. 269)

[…] ist die digitale Bohème in jedem Fall gut aufgestellt.


Auf „Das Prinzip Boheme“ folgt das Kapitel „Der unflexible Mensch“, in dem sich Friebe und Lobo mit der Angestelltenmentalität und -kultur sowie dem zunehmenden Anachronismus Festanstellung auseinandersetzen. Strukturell hat sich da seit der Bestandsaufnahme durch Kracauer in seinem Essay »Die Angestellten« (mit dem bezeichnenden Untertitel „Aus dem neuesten Deutschland“) von 1930 nichts geändert. Die Ausdifferenzierungen wie Gleitzeit und Arbeit in Projekten sind einerseits Motivation, andererseits Mittel, mehr Arbeitsleistung aus den Angestellten ‚rauszuholen. Doch auch Flexibilität ist keine Erfolgsgarantie: wer ist allgemein flexibler als die Angehörigen der Generation Praktikum? Die Automation der Dienstleistungen schafft tendenziell mehr Arbeitsplätze ab als entstehen; die Dienstleistungsgesellschaft erweist sich nicht als Beschäftigungsbringer.

Es gab ‚mal eine Zeit, da wurde der Reichtum einer Gesellschaft, der gesellschaftliche Fortschritt daran gemessen, wie der Anteil der frei verfügbaren Zeit gegenüber dem zur Existenzsicherung notwendig mit Erwerbsarbeit verbrachten Anteil stieg. Das war, wenn ich mich an einst Gelesenes recht erinnere, bei Marx so, es galt im Industriezeitalter. Im Prinzip konnte man also damals schon wissen, dass das mit der Vollbeschäftigung und Festanstellung für alle auf Dauer nichts werden konnte.

Warum trotzdem dieses Streben danach, warum ist dies auch heute noch nicht nur bei Gewerkschaften sondern auch auf Seiten der Arbeitgeber so? Vollzeitarbeit und Festanstellung sind das beste Vehikel, um die Seele der Menschen zu bekommen, um die Kontrolle über die Arbeitnehmer zu behalten, meinen die Autoren. Zum Gleichschalten, Corporate Identity einhauchen muss man unmittelbar verfügbar sein. (Das ist typisch Deutsch, darum haben auch Teilzeitarbeit und Sabbaticals in Deutschland kaum eine Chance.) Anwesenheit, Facetime zählt, die Arbeits- bzw. Anwesenheitszeit steigt allgemein sogar wieder an, obwohl die eigentliche Arbeitsleistung mehr und mehr von Subunternehmern, Freelancern, Praktikanten und Azubis erbracht wird.

In einem späteren Kapitel, „Work in Projects“, gibt es eine hübsche Polemik auf den in der Gründerszene allgegenwärtigen Zwang zu Businessplänen, auch bei Gründungen ohne externen Finanzbedarf. (S. 104) Statt dessen sei Agilität gefragt; die Dinge entwickeln sich sowieso anders im Leben und im Projekt. (Was irgendwie das Gleiche ist.) Illustriert wird hier mit Brecht: „Ja, mach nur einen Plan / sei nur ein großes Licht / und mach dann noch ’nen zweiten Plan / gehn tun sie beide nicht.“

Im Kapitel „Bohème und Big Business“ findet sich eine schöne Passage wider den Mythos der Gegenkultur, deren symbolische Handlungen dem Kapitalismus letztlich immer nur genützt haben, der bisher alle gegenkulturellen Trends sich einverleiben konnte. Heath & Potter konstatieren demzufolge 2005 in „Konsumrebellen“

dass der Markt schon seit Jahrzehnten nicht dem Konformismus gehorcht, sondern der Rebellion

Die digitale Bohème unterscheidet sich von der Alternativkultur auch dadurch, dass ihr Fokus nicht auf Konsum oder Politik liegt, sondern auf Produktion und Arbeit, auf selbstbestimmten Arbeitsbedingungen: so zu arbeiten, wie man leben will. Da die digitale Bohème nicht der Modus zu leben und zu arbeiten für alle ist, braucht sie den Humus von Konzernen und Mittelstand, von öffentlicher und kultureller Infrastruktur.

Im Kapitel „Das soziale Netz“ wird das Phänomen Web 2.0 betrachtet – und der Begriff auf das zurückgeführt, was sein Wesen ist: nicht Technik, sondern Partizipation, Konvergenz, Remixability, Standardisierung, Design, Wirtschaft, Usability. (S. 165, nach Angermeier, 2005)

User generated Content ist zweifelsohne ein Fortschritt gegenüber statischen Firmenwebseiten und privaten Homepages. Der wunde Punkt – Glaube an die Schwarmintelligenz – wird benannt (S.184):

Das Kollektiv ist im Internet ebensowenig ein taugliches Allheilmittel wie strikte Basisdemokratie in der Politik. […] Das Web 2.0 bedeutet vor allem, dass die soziale Reichweite des Einzelnen größer ist als die Reichweite der eigenen Stimme. […] Was damit erreicht wird, andere Menschen, wirtschaftliche Erfolge mit Nischenprodukten oder eine Bedrohung der Freiheit, hängt weniger von der Technologie ab, sondern davon, was die Menschen damit anstellen. Wie bei allen anderen Erfindungen auch.

Zum Beispiel Beton.

Im Kapitel „Kommunizierende Röhren“ werden Blogs betrachtet, das, was die Blogosphäre ist: ein soziales Kommunikationsnetz, eine reale Instanz von Brechts Radiotheorie aus den 1920er Jahren (S.193).

Ein Vorschlag zur Umfunktionierung des Rundfunks: Der Rundfunk ist aus einem Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat zu verwandeln. Der Rundfunk wäre der denkbar großartigste Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens, ein ungeheures Kanalsystem, das heißt, er wäre es, wenn er es verstände, nicht nur auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen, und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn in Beziehung zu setzen.

Hier, in diesem Kapitel hätte ich gerne auch einen Verweis auf Vilém Flusser und seine Kommunikologie (1987) gesehen, auf seine Systematik der Medien nach diskursiven Medien (Theater-, Pyramiden-, Baum-, Amphitheaterdiskurse) und dialogische Medien (Kreis-, Netzdialoge)

[…] ist klar, daß nur Netzsysteme den Massenmedien die Stirn bieten könnten.

(bei Flusser, S. 288)

Ich glaube nicht, dass wirklich, wie von Friebe und Lobo postuliert, alle Menschen, die nicht in eigener Sache im Web publizieren, schon bald wirken werden wie heute die versprengten, leicht wunderlichen Handyfeinde (S. 211) Das könnte übertrieben sein, jeder kann, aber nicht jeder will oder hat etwas zu sagen. Ist ja analog auch so. Zum Glück, vielleicht.

»Wir nennen es Arbeit« ist ein Wirtschaftsbuch, keine Technologiefibel. Die Kapitel „Virtuelle Mikroökonomie“ und „Money for Nothing“ enthalten sehr spannende Ausführungen wie z.B. zu den digitalen Geschäftsmodellen nicht nur der großen Drei (Google, Amazon, ebay), zu Prosuming und kostenloser Arbeit im Wirtschaftskreislauf, zum möglichen Sieg der Nischenprodukte über den Mainstream (Realität ist das zum Beispiel bei Amazon: mit den 130.000 beliebtesten Produkten wird weniger als die Hälfte des Umsatzes gemacht.) sowie die Diskussion über das Ende der Massenproduktion.

Oder die Gaming-Branche, die weltweit mehr Umsatz macht als Hollywood. „Schöne neue Welten“ der Massive Multiplayer Online Role Playing Games (MMORPGs) wie „Second Life“ und deren virtuelle Bruttosozialprodukte (s.a. den zweiseitigen Artikel im Wirtschaftsteil der aktuellen Zeit) werden dargestellt. Es gelten in den MMORPGs die gleichen Marktgesetze wie im RL. Ok. Nur muss jeweils irgendwer reales Geld und Leistungen initial eingespeist haben in diesen virtuellen Kreislauf. Was passiert, hier wie dort, wenn er dieses, den Stöpsel, abzieht?

Das Buch schließt mit dem Kapitel „Die parallele Gesellschaft“. Merkwürdig finde ich da, auf S. 266, dass eine quasi-homogene gesellschaftspolitische Position der Mitglieder der digitalen Bohème postuliert wird. Ist die Position der Autoren repräsentativ für die Mitglieder der digitalen Bohème? Dann wäre es wirklich so eine Art Manifest. Die digitale Bohème – alles nur Freunde? Oder nicht vielleicht doch etwas heterogener zusammengesetzt, auch mit Partialinteressen?

Und wieso die globalisierungskritische ATTAC den Denk- und Handlungsweisen der digitalen Bohème, die Globalisierung als Existenzvoraussetzung hat, (eher) entsprechen soll (S. 279) , ist mir ein Rätsel geblieben. – Ist’s ein Anlehnungsbedürfnis, gar der Drang zur Organisation?

Auf jeden Fall stimmt es, dass die digitale Bohème

vielleicht ein paar Antworten auf Fragen parat [hat], die in Zukunft noch weitaus größere Teile der Bevölkerung beschäftigen werden.

Das Schlusskapitel finde ich wie gesagt etwas schwach, nicht nur wegen des oben schon erwähnten gut-aufgestellt-sein-Bullshits. „Wir nennen es Arbeit“ ist ein wichtiges, modernes, lesenswertes, informatives, anregendes Buch zum Thema Arbeiten & Leben, also zu Allem. Das Lesen hat Spaß gemacht. Der Status Quo ist nicht das Nonplusultra, das Buch und die Ideen haben die notwendige Subversivität.

Ich möchte Lesebefehl erteilen!

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