Gravitube

„Für den Massentransport gab es in erster Linie Eisenbahnen und Luftschiffe. Die Eisenbahnen waren schnell und bequem, vermochten aber nicht die Ozeane zu überqueren. Die Luftschiffe konnten große Entfernungen überwinden, fuhren aber relativ langsam und waren sehr wetterabhängig. In den fünfziger Jahren brauchte man etwa 10 Tage, um Neuseeland oder Australien zu erreichen. Deshalb wurde im Jahr 1960 mit der Entwicklung eines neuen Verkehrssystems begonnen, das unter dem Namen Gravitube patentiert wurde. Es versprach störungsfreies Reisen an jeden Ort des Planeten. Die Reisezeit war stets dieselbe: etwas über vierzig Minuten, ob es nun nach Auckland, Rom oder Los Angeles ging. Es war möglicherweise die größte Ingenieurleistung, die sich die Menschheit je vorgenommen hatte.“
Vincent Dott, »Das zehnte Weltwunder: Die Gravitube«
Jasper Fforde, »In einem anderen Buch«

40 Jahre Mondlandung – nun ja. Die Strecke London – Sydney in etwa 40 Minuten zurücklegen zu können, finde ich im Augenblick spannender.

Dies ist theoretisch möglich. Galileo gab 1842 die korrekte Antwort auf die physikalische Frage, die zu jener Zeit viel diskutiert wurde: Was passiert, fiele man durch ein Loch, das genau durch den Mittelpunkt der Erde ginge? – Man würde bis zum Erdmittelpunkt mit zunehmender Geschwindigkeit und abnehmender Beschleunigung fallen, dort wäre die Beschleunigung Null. Danach ginge es mit abnehmender Geschwindigkeit und zunehmender Bremswirkung bis zum Austrittspunkt, bevor man wieder zurück fiele, und so weiter, und so fort – und unter der Voraussetzung, dass Luft- und sonstige Reibungswiderstände und die Corioliskraft vernachlässigt werden. [1]

Und so fiel Alice das Loch des Kaninchenbaus hinab. Sie fiel, fiel, fiel, und überlegte sich dabei, wie viele Meilen es bis zum Erdmittelpunkt wohl sein mögen, und ob sie wohl gänzlich durch die Erde hindurch fallen würde und bei welchen Längen- und Breitengraden sie ankommen würde. Sie fiel, fiel, fiel. Es gab nichts weiter zu tun, …

Das ist so, seit Lewis Carroll es um 1864/65 so wollte. »Alles über Alice« enthält u.a. die Texte »Alices Abenteuer im Wunderland«, »Durch den Spiegel und was Alice dort fand« sowie »Der Wesperich mit Perücke«. Der Band ist mit Tenniels Originalillustrationen versehen. Vor allem jedoch beeindrucken Martin Gardners unglaublich fundierte und detaillierte Annotationen [2], die einen ziemlichen Sog entfalten. [3]

Thursday Next [4] hat es 120 Jahre später in ihrem aufregenden Leben als Literatur-Agentin immer noch mit Figuren zu tun, denen schon Alice auf ihrer Reise begegnete. Und Next reist „wirklich“ mit der Gravitube von London nach Sydney! Die Stewardess leiert vor der Deep Drop genannten Reise die Sicherheitsbestimmungen herunter; so dürfen die Toiletten erst benutzt werden, wenn mindestens 40% der Schwerkraft zurückgekehrt sei. Der Shuttle wird in einer Luftschleuse eingeschlossen, dann erfolgt eine Dekompression, damit der freie Fall ohne Reibung erfolgen kann. Ein starkes Magnetfeld sorgt dafür, dass während der zurückzulegenden 8000 Meilen die Seitenwände nicht berührt werden und dass die Keramikröhre im Magma-Kern der Erde nicht schmilzt.

Thursday Next wird eine Visite in der Parallelwelt angedroht, dort fliegt man noch mit Jets um die Erde und braucht von London nach Sydney über 20 Stunden statt 40 Minuten, was ihr einigermaßen absurd erscheint.

Was würde sie wohl erst zum Phänomen Jetlag sagen?

[1] zur Physik dieses Gedankenexperiments siehe Hole Through The Earth Example
[2] Ich habe die deutsche Übersetzung aus dem Europa-Verlag gelesen. Im Web findet sich die englische Originalversion der Anmerkungen, »The Annoted Alice«.
[3] Und so hangelt man sich von Website zu Website; »Sylvie und Bruno« wird im Blog von Conrad H. Roth »Varieties of unreligious Experience« sehr schön analysiert. Dies, und Gardners Anmerkung Nummer 4, macht mich neugierig auf »Sylvie und Bruno«:
Carrolls Interesse an dem Problem läßt sich an der Tatsache ablesen, daß er im siebten Kapitel der Fortsetzung von »Sylvie und Bruno« außer anderen vertrackten wissenschaftlichen und mathematischen Kniffligkeiten (einem Möbiusband, einer projektiven Ebene und so weiter) auch eine bemerkenswerte Methode beschreibt, Züge mit der Schwerkraft als einziger Antriebskraft fahren zu lassen. Der Schienenstrang verläuft durch einen absolut geraden Tunnel von einer Stadt zur anderen. Da der Tunnel in der Mitte notwendigerweise dem Erdmittelpunkt näher ist als an den Ausgängen, rollen die Züge bergab bis in die Mitte und entwickeln dabei hinreichenden Schwung, um die andere Hälfte des Tunnels damit bewältigen zu können. Kurioserweise würde ein solcher Zug (wenn wir den Luftwiderstand und den Reibungswiderstand der Räder vernachlässigen) für die Fahrt ganz genauso lange brauchen, wie ein Gegenstand für den freien Fall durch den Mittelpunkt der Erde – etwas über zweiundvierzig Minuten. Diese Zeitspanne bleibt konstant, ganz gleich, wie lang der Tunnel ist.

Und man findet, auch dank Googles Book Search, vermutlich sehr interessante, jedenfalls vielversprechende Bücher: »Wittgenstein’s beetle and other classic thought experiments« von Martin Cohen sowie vielleicht auch »Hesiod’s Anvil: Falling and Spinning through Heaven and Earth« von Andrew J. Simoson.
[4] Jasper Fforde, »In einem anderen Buch« (Band 2 der Thursday-Next-Reihe)


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