Herzblut und Bologna

Studiengebühren werden von Befürwortern als Regelgröße angesehen, über die man Einiges beeinflussen kann. Neben fragwürdigen Effekten wie die Selektion, wirken Gebühren im Allgemeinen und vor allem bei den Studierenden, die es „nicht so happig“ haben, auch auf die Intensität, mit der studiert wird. Man kann sich ein spätes Umorientieren oder ein Bummeln nicht mehr leisten.

Eine andere Regelgröße sei Herzblut, Leidenschaft. Das meint Gunter Dueck in seiner Kolumne Dueck-ß-Inside (Dezemberheft Informatik Spektrum, online [non-public] im Oktober publiziert). Darinnen geht es um die vielerorts gezogene, ernüchterte Zwischenbilanz im Bologna Prozess.

Die Professoren wollten das Projekt nie, weil sie sich vorher und hinterher nicht für die Lehre stark interessieren. Die Studenten wollten eine bessere Ausbildung und interessante Vorlesungen. Die Wirtschaft schimpfte damals, dass die Studenten durchschnittlich 15 Semester bis zum Diplom brauchten. „Wenn im Durchschnitt 7,5 Jahre an etwas gearbeitet wird, wofür theoretisch 4,5 Jahre gebraucht werden – was können wir dann an Leistung im Betrieb erwarten? Soll alles erst in 166 Prozent der Zeit gelingen?“

Kann mehr Herzblut die Leiche beleben?

Was lief, was läuft schief? Dueck:

Die Strukturen waren immer da. Sie wurden nicht wirklich gelebt. Professoren sollen gut lehren, Studenten engagiert arbeiten und sich während des Studiums schon einmal klar machen, was sie später wollen. Alle sollten Herzblut haben! Wer als Student je Herzblut hatte, machte das Diplom mit links. Wer als Professor je Herzblut einbrachte, konnte sich vor guten Studenten kaum retten. Was war schief? Das Herzblut fehlte, die Arbeitskultur.
Was wurde getan? Man baute die Diplomstruktur, die nicht gut lebte, zu einer neuen Leiche um. Die lebt wieder nicht. „Jetzt mault die Industrie, aber sie wollte doch eine Verkürzung!“ (Die Industrie hat eigentlich gewollt, dass man ein Diplom nach den vorgesehenen 4,5 oder meinetwegen 5 Jahren ablegt und nicht irgendwann im hohen Alter. Die Industrie kritisierte das Leblose der Leiche, nicht die Leiche an sich.) „Die Studenten brechen noch häufiger ab, weil das Studium noch uninteressanter verschult wurde!“ – „Die Mehrheit der Professoren unterläuft die Ziele des Bologna-Prozesses.“ (Diese letztere Äußerung stand wörtlich so als Meinung in der SZ.)
Warum basteln wir immerfort an neuen Strukturen, die nicht geliebt und dann nicht gelebt werden? Alle diese Strukturen kranken an Energiemangel, an Einigkeit der Beteiligten, an Inkonsistenz. Kurz: Kaum einer hat wirklich Lust drauf.

Natürlich, Herzblut ist nicht hinreichend für den Erfolg eines Projektes. Aber das Fehlen sei hinreichend für den Misserfolg, führe zu toter Struktur. (Da, wo etwas gelingt, sei Herzblut im Spiel: Opensource, Web 2.0, Ebay, Amazon, Facebook, XING, Google, iPhone, …)

alle Zitate aus: Gunter Dueck, Projekte, Strukturen und Herzblutenergie, in: Informatik Spektrum, 31 (6) 2008, S. 613ff

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