Humboldt in Bologna?

Bologna ist der namengebende Ort für einen europäischen Prozess, der die Hochschullandschaften radikal verändert (hat): Umstellung auf Bachelor / Master, studienbegleitende Prüfungen, Credit Points, Konzeption der Studiengänge vom Workload her, Ausrichtung auf die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, auf „employability“ sowie schließlich ein etwas merkwürdiges qualitätssicherndes Akkreditierungssystem. Wilhelm von Humboldt prägte Anfang des 19. Jahrhunderts die klassische deutsche Universitätsidee, wozu auch die Rede von der „Einheit von Forschung und Lehre“ gehört. Der Bologna Prozess soll dafür sorgen, dass die Hochschulen dem Umstand Rechnung tragen können, dass heute weitaus mehr Studenten einen Abschluss begehren als noch in den 60er Jahren1), vor allem um im späteren Berufsleben eine größere Chance zu haben. Hinter Humboldt verschanzen sich die Bewahrer einer alten elitären Idee, die funktioniert hat, als man noch weitgehend „unter sich“ war, als fast nur Kinder aus bildungsbürgerlichem Hause studierten, vornehmlich um im Bildungswesen Berufskarriere zu machen, als die kulturelle Hegemonie des Bildungsbürgertums noch ungebrochen war.

Der Soziologe Uwe Schimank entlarvt in einem ausführlichen, lesenswerten Diskussionsbeitrag den Streit Bologna vs. Humboldt als Interessenskonflikt zwischen gesellschaftlichen Gruppen: „Humboldt: Falscher Mann am falschen Ort“.

Zusammengefasst: Humboldt lieferte die Ideologie derer, die ihren gesellschaftlichen Statuserhalt als relativ privilegierte Gruppe sichern wollten; Bologna hingegen ist die Ideologie derer, die sozialen Aufstieg durch akademische Bildung bewerkstelligen wollen. Doch dieser Konflikt ist bis heute von den ihn austragenden gesellschaftlichen Gruppen ebenso wie von den sie repräsentierenden politischen Kräften weitgehend unthematisiert geblieben. Man hat von Anfang an so getan, als gebe es ihn gar nicht.

Nebenbei kennzeichnet Schimank übrigens die Rede von der „Einheit von Forschung und Lehre“, dieses oft bemühte Humboldt-Ideal, als Euphemismus: niemand war an guter Lehre interessiert, weder die Professoren noch die Studenten. Unverständlichkeit etc. galt als Zeichen von Wissenschaftlichkeit, stärkte das Zugehörigkeitsgefühl, hatte systemerhaltende Funktion.

Wieder spricht also ein Soziologe mit demokratischem Gesellschaftssinn über die Hochschulreform; vor etwas über einem Jahr las und zitierte ich hierzu schon Dirk Baecker zur „nächsten Hochschule“2).

Pragmatiker sagen zum Bologna Prozess übrigens: nur kein roll back, aber ein paar Jahre Ruhe zur Konsolidierung sind unabdingbar!

1) 1966, in dem Jahr als die Beatles ihr letztes Konzert in den USA gaben, begann der Wissenschaftsrat eine Hochschulreform zu fordern. Mit dem Bologna Prozess wurde etwa 30 Jahre später diese gestartet.
2) Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Suhrkamp, stw1856, 2007, S. 98-115


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