Kaffeehaus-Lektüre II

Geht man zu Ringvorlesungen der Kulturwissenschaftler an der Humboldt-Uni zu Berlin, dann läuft man Gefahr, trotz eines spannenden Themas langatmig und artifiziell-unverständlich etwas im Wortsinne vorgelesen zu bekommen. Eine Ausnahme hinsichtlich Didaktik und Esprit (und informativer Homepage) ist Hartmut Böhme.

Die NZZ hat heute in der Rubrik Literatur und Kunst den Schwerpunkt „Langsamkeit“. Darinnen findet sich Böhmes Beitrag »Schildkröten spazieren führen«. Vordergründig bedient Böhme nicht die kulturkritische Klage – als deren Kronzeugen er Benjamin und Nietzsche zitiert – über das zu hohe Lebenstempo. Schon gar nicht in der materiellen Sphäre, da seien die Grenzen durch selbstregulierende Systeme evident:

Technische Entwicklungen führen zwar zu Verwerfungen im kulturellen Gefüge von Raum, Körper und Bewegung, aber sie haben innere Grenzen.

Der Mensch erweist sich dabei als das Tier, das evolutionsgeschichtlich deswegen so erfolgreich war, weil es eine fulminante Fähigkeit zur Anpassung an veränderte Umweltbedingungen aufweist. Mit der Materie teilen wir eine heilsame Trägheit. Sie schützt auch vor übermässigen Anforderungen der Akzeleration. Es ist diese materielle wie historische Trägheit, die mit der Fähigkeit zur Distanz zusammenwirkt: Abstand nehmen zu können auch zu unmässigem Tempo, ist eine unverwüstliche kulturelle Ressource, die tief in unserer anthropologischen Ausstattung begründet ist.

Doch die Epoche der „schweren“ Moderne ist vorbei, Böhme sieht uns zunehmend und zumindest teilweise im „transhumanen Raum“. Transhuman, weil er unbetretbar, abstrakt, virtuell, mathematisch ist.

In diesen Raum sind indes alle wesentlichen Aktivitäten verlagert: Wissensgenerierung, Verwaltung, Finanzströme, Entertainment, Kommunikation; selbst die Religion, die Politik oder der Krieg sind von diesem System abhängig. Die Architektur, die mathematische Modellierung und der Datenverkehr sind jeder Anschauung entzogen, weil sie mit einer Geschwindigkeit arbeiten, die durch keinen menschlichen Akt der Vorstellung nahegebracht werden kann. Dies zeigt, dass die Technokultur dabei ist, die Dimension des Menschlichen prinzipiell zu überschreiten.

Doch, hey, das ist nicht trostlos, da ist Hoffnung:

Betrachtet man […] den Verlauf der letzten zwanzig Jahre, so muss man indes auch konstatieren, dass die Menschen das Neue eigentümlich ungerührt weggesteckt haben. Es könnte ja sein, dass wir im Innersten nicht sonderlich davon erregt werden, dass eine Welt entsteht, die transhuman ist und von uns nicht mehr bevölkert werden kann. […] So leben wir dahin in unserer biophysischen Langsamkeit und lassen, wie wir den Göttern ihr Göttliches liessen, den Elektronen ihre aussermenschliche Geschwindigkeit.


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