Karl-Markus Gauß: Im Wald der Metropolen

Der Fortschritt macht aus Gefängnissen am Ende Museen.
Karl-Markus Gauß, »Im Wald der Metropolen«, S. 123


»Im Wald der Metropolen« (Paul Zsolnay Verlag Wien, 2010) ist der erste Text, das erste Buch von Karl-Markus Gauß, das ich gelesen habe. Den Anstoß gab die Rezension in der NZZ vom 3. September, gelesen auf dem Rückflug aus Barcelona. Am liebsten hätte ich das Buch noch an Bord bestellt.

Gauß macht eine imaginäre und zugleich reale Reise durch die Landschaften, die Kulturen und Literaturen Mitteleuropas, er reist durch sein Bücherregal und durch Bibliotheken, durch ein Mitteleuropa aus österreichischer Perspektive. Das schließt aus historischen und geografischen Gründen schon einmal Orte und Personen ein, die aus deutscher Sicht nicht unbedingt naheliegend sind. Hinzu kommt als Leseanreiz, für mich jedenfalls, sein ausgeprägtes Interesse für und sein Fokus auf Randständiges, auf nicht genügend Beachtetes oder Vergessenes, auf Arabesken. Gauß erklärt es mit seinem schon frühen Faible, eine Literaturgeschichte des Scheiterns – eine “imaginäre Geschichte der gescheiterten Bücher, der aufgegebenen Projekte, der Erfolge mit bösen Folgen, der untergegangenen Talente” – schreiben zu wollen. (S. 256)

Was ist das nun für ein Buch, was ist das für eine Sorte Text? Spannende Reisebeschreibung, biografische Bruchstücke, anschauliche Geschichte, interessante Miniaturen zur Literatur-, Sprach-, zur Kulturgeschichte, gar Ethnografisches kann ich identifizieren, alles wird vom Autor gekonnt gemixt; der Klappentext nennt es zutreffend “eine Kulturgeschichte Europas, wie wir sie bisher noch nicht gekannt haben, geschrieben in einer Prosa, für die es keinen Vergleich gibt”. Zumindest habe ich derartiges noch nicht in solcher Perfektion gelesen. (Klaus Theweleit schaffte manches Mal eine ähnlich gelungene Verquickung, aber das ist lange her.) Gauß gliedert einerseits den Text in 13 Kapitel, die wiederum mehrseitige Abschnitte enthalten. Diese jedoch sind vom Ganzen nicht isoliert, Motive und Personen und Orte tauchen später erneut auf. Das kam mir gelegentlich wie wohlüberlegt gesetzte, medienuntypische Hyperlinks vor. Es gibt zur Freude des Lesers sehr elegante Übergänge zwischen den Kapiteln und Abschnitten. Und so wird der Lesefluss nicht beeinträchtigt, auch wenn Gauß die Kapitel gerne mit Abschnitten anreichert, die in der Überschrift als Apropos, Addendum, Postskriptum, Epitaph, Fußnote, oder gar als Noch ein Schritt zur Seite gekennzeichnet sind. – Das Buch ist voller Seitensprünge, kleiner Schritte zur Seite – wie schon bei Karl von Ligne, einem seiner Protagonisten. (S. 295) Dabei kommt Gauß, egal ob er auf Seiten des gemeinen Lesers voraussetzbar Bekanntes oder vermutlich nur Spezialisten Geläufiges erzählt, völlig ohne didaktischen Zeigefinger aus; der detailreiche und atmosphärisch dichte Text liest sich so unterhaltsam, dass es, wie schon gesagt, eine Freude ist.

Auffällig sind auch solche Nebenhandlungsstränge wie »Die Neulateiner I-V«, in diesen Abschnitten werden kurz Literaten, Aufklärer, Wissenschaftler der Zeitgeschichte mit, das ist entscheidend, Affinität zum Lateinischen als Lingua franca der Zeit, porträtiert. Oder die plötzlich gehäuft auftretenden Erwähnungen der Kategorie Schönheit, zum Beispiel auf den Seiten 68/69, über den slowenischen Schriftsteller Ivan Cankar schreibend:

Es ist nicht die Hoffnung auf politische Veränderung, die das Dunkel erhellt, sondern die Sehnsucht des Menschen nach Schönheit. […] Ein Kind der Armut, hat Ivan Cankar im Dreck und Elend, im Schlammtal des versehrten Lebens, niemals die Überzeugung verloren, dass es die Menschen nicht nur nach Brot und Gerechtigkeit, sondern auch nach Schönheit hungert. […] Über jedwede soziale und nationale Forderung hinaus behauptet er in der Anrufung von Vrzdenec den Anspruch des Menschen auf Schönheit. Die Schönheit ist weder eine akademische Frage, für die Professoren der Ästhetik zuständig, noch ein Reiz, auf den Dandys abonniert sind. Sie ist nichts anderes als ein Anrecht des Menschen, gleich dem auf Brot, Behausung, Bildung, und dieses Anrecht muss er sich durch keine Verdienste erwerben, es fällt einem jedem schon durch seine Geburt zu.

Was porträtiert, verknüpft Karl-Markus Gauß im Einzelnen? Eine sicherlich unvollständige Auflistung der Gaußschen Reisestationen und Themen…

Orte: Beaune im Burgund, Wien, Belgrad, Jasenovac an der kroatisch-serbischen Grenze, Dragatuš an der slowenisch-kroatischen Grenze, Siena in der Toskana, Prešov in der Slowakei, Sélestat im Elsass, Brünn / Brno in Mähren, Bukarest, Oppeln / Opole sowie Ratibor / Racibórz in Schlesien, Neapel, Lavrone an der ehemaligen Grenze zwischen Italien und Österreich-Ungarn, die griechische Insel Patmos, Istanbul, Tours an der Loire, Fontevraud im französischen Anjou, Arnstadt in Thüringen, Brüssel

Themen: die “Charakterköpfe” des österreichischen Bildhauers Franz Xaver Messerschmidt (passend dazu übrigens heute das NYR-Blog mit »Messerschmidt’s Mad Faces«), die geistige Erschaffung Jugoslawiens durch slowenische, kroatische und serbische Dichter und Gelehrte im Wien der k.u.k.-Monarchie, die Geschichte Serbiens, der Zerfall Jugoslawiens Ende des letzten Jahrhunderts, die Geschichte des KZ des kroatischen Ustascha-Regimes in Jasenovac, das Leben des slowenischen Schriftstellers Ivan Cankar, die Roma in Siena, in Rumänien, in Tschechien – in Europa, der humanistische Dichter, Frei- und Feingeist Enea Silvio Piccolomini – und spätere Papst Pius II., ein Schwächeanfall des Autors in Sélestat, der Dichter Ivan Blatny, der Spielberg und die Kapuzinergruft in der Stadt Brünn, ein Taxifahrer in Bukarest und ungarische Juden, die große rumänische Patrioten waren, die historisierenden Häuser nicht nur am Marktplatz in Opole, der schlesische Esperantist Jan Fethke, über Schlonsaken, Wasserpolaken und Lachen sowie alten und neuen Nationalismus, eine merkwürdige Theaterperformance in Neapel, über laute Stille und gleißendes Licht sowie einen Militärfriedhof auf der Insel Patmos, napoleonischer und späterer Vandalismus an der größten europäischen Klosteranlage und späterem Gefängnis Fontevraud, eine Puppenstadt in Arnstadt, der überdimensionierte Jusztizpalast in Brüssel, das Marollen-Viertel und die Afrikaner aus dem Kongo, der bizarre Sprachenstreit der Wallonen und Flamen, ein kleines aber heftiges Plädoyer wider den Regionalismus und für Nationalstaaten – am belgischen Beispiel

Und damit ist natürlich längst nicht alles über das fast 300-seitige Buch und den Autor gesagt.

Das Zitat im Motto stammt aus dem besprochenen Buch, S. 123; es geht dort um die ehemalige Kaserne und das spätere Gefängnis am Spielberg, dem Stadtberg von Brünn / Brno in Tschechien.

s.a. Bücher des Autors, Leseproben etc. bei Hanser-Verlage sowie Bücher und Rezensionen beim Perlentaucher; Interview mit Gauß im Standard


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