Knowledge Management

Das, was unter informationstechnischen Aspekten seit einiger Zeit in den Bibliotheken abgeht und noch kommen wird, finde ich faszinierend: RFID, Roboterbibliothek, radikale Digitalisierung, Web 2.0 sind Beispiele.

Die Möglichkeiten der Social Software des Web 2.0 werden in kaum einem anderen Gebiet so intensiv und produktiv genutzt, so dass sich gar der Charakter der Bibliothek zu verändern beginnt: weg von der hermetisch abgeriegelten Bibliothek und den passiven Nutzern hin zu einer konsequenten Ausrichtung der Dienste am Nutzer, zur Mitarbeit des Nutzers. Wer will kann sich einen Eindruck beim Lesen von Bibliothek 2.0 – Die Zukunft der Bibliothek? oder zahlreicher Blogs wie z.B. netbib oder infobib verschaffen. (Insider tummeln sich schon seit 1994 in der Mailingliste INETBIB – Internet in Bibliotheken.) Kataloge werden mit MashUps von IMDB, Amazon und GoogleMaps aufgemotzt, über RSS-Feeds werden Alerts und Suchanfragen bereitgestellt, man kann Rezensionen schreiben, Bewertungen abgeben, munter taggen, sprich: der Katalog 2.0 wird Realität, OPAC muss nicht dröge sein. Dass Standards und Schnittstellen und deren Einhaltung konkreten Nutzen bringen, kann man auch am ZAK-Gateway, einem Suchportal für alle angeschlossenen Bibliotheks- und Verbundkataloge sehen.

[Update, via netbib:] Web2.0-affine Bibliothekare erschließen ihre fachlichen Online-Quellen mit Social Bookmarking bei del.icio.us, z.B. die Pariser Sorbonne.

Auf unserer Open Access Veranstaltung Ende Oktober lernte ich Prof. Walther Umstätter als eloquenten Redner und Diskutanten kennen. Inzwischen ist der leidenschaftliche Verfechter der Digitalen Bibliothek Emeritus und erfährt zahlreiche Würdigungen. Bei LIBREAS gibt es ein sehr lesenswertes, redaktionell aufbereitetes Gespräch mit Umstätter, in dem er u.a. für die vollautomatische Bibliothek und eine radikale Digitalisierung plädiert.

„Wir diskutieren doch gerade über das Problem der vollautomatischen Bibliothek. Die Sache ist doch die: Wenn Sie die Bestände über automatische Schnittstellen abrufen, brauchen Sie hier auch keinen Mensch mehr in der Bibliothek. Wirtschaftlich sinnvoll wäre es, alle Bücher zu digitalisieren und die alten Bücher weitgehend auszusondern. Dabei muss man ermitteln, was gebraucht wird und dies vorrangig digitalisieren.“ Selbstverständlich muss man auch Originale bewahren, aber das „planlose Verhalten“ einiger Leute, die einen „ganz wichtigen Bestand“ retten wollen, kritisiert Umstätter heftig: „Keiner weiß wofür, keiner weiß warum, aber es muss gerettet werden! Warum sollte man alles zu hohen Kosten aufheben, wenn wir es digitalisiert haben. Es wurde schon immer durch Abschreiben archiviert. Die Bücher, die Sie kennen, die ich kenne, sind alles abgeschriebene Bücher. Sie kriegen im Normalfall nie ein Original in die Hand.“ Die Digitalisierung ist dabei die zeitgemäße Form der Abschrift.

Spitzwegs Bücherwurm wird also langsam aber sicher zum Anachronismus, genau wie die in Umstätters Augen Tautologie „Bibliotheks- und Informationswissenschaft“ – weshalb er für Knowledge Management oder Wissenschaftswissenschaft als Bezeichnung ist. Womit nun auch die Überschrift hergeleitet wäre.

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