Lesen, heute

Die Brille

Korf liest gerne schnell und viel;
darum widert ihn das Spiel
all des zwölfmal unerbetnen
Ausgewalzten, Breitgetretnen.

Meistens ist in sechs bis acht
Wörtern völlig abgemacht,
und in ebensoviel Sätzen
läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen.

Es erfindet drum sein Geist
etwas, was ihn dem entreißt:
Brillen, deren Energieen
ihm den Text – zusammenziehen!

Beispielsweise dies Gedicht
läse, so bebrillt, man – nicht!
Dreiunddreißig seinesgleichen
gäben erst – Ein – – Fragezeichen!!

Christian Morgenstern, »Galgenlieder«, 1905 [1]


Am Gutenberg-Museum Mainz

Der Berg gekaufter und zu lesender Bücher auf dem Regal wird immer größer, statt kleiner. Und das trotz selbst auferlegter Beschränkung beim Anschaffen und entspanntem Bemühen beim Lesen. Was soll man machen, gibt es doch überall Links, die einen dann zu weiteren Entdeckungen führen…

Doch das ist ein persönliches Luxusproblem. Ein Leidens- oder die Sinnfrage stellendes Problem könnte es für beruflich, wissenschaftlich mit Literatur befasste Menschen sein. Jedenfalls insofern sie sich nicht den neuen Möglichkeiten stellen (wollen): Literatur rechnen, statt lesen. Wie soll man eine Geschichte der Weltliteratur schreiben können, ohne alles, wirklich alles gelesen zu haben? Selbst für Literaturgeschichten einzelner Sprachkreise stellt sich diese Frage; der von wem auch immer aufgestellte Kanon reicht nicht als Datenbasis.

Warum also nicht von der Genetik lernen? Wissenschaftler wie J. Craig Venter sequenzieren „ins Blaue hinein“ das Meer, die Luft – und finden Spezies, die wahrscheinlich niemals ein Mensch als Individuum wird sehen können. Es sind spezifische Muster im Text. Und, alles ist Text! Und, die Menge der Daten macht herkömmliches wissenschaftliches Arbeiten unmöglich. [2]

Was kann man konkret tun? – Zum Beispiel gibt es das Projekt MONK, erläutert in einem spannenden Arbeitspapier [3], das ein Schlaglicht auf die Arbeit, von Computerlinguisten usw. in Sachen Literature Mining wirft.

Und für diese computerisierte Art des Herangehens an die Textmenge können sich offensichtlich auch deutsche Philologen begeistern, wie ich – den Berufststand doch etwas vorurteilsbehaftet sehend – heute lesen konnte! Der Göttinger Philologe Gerhard Lauer schrieb einen sehr lesenswerten Artikel [4], dem wiederum alle anderen hier zitierten Quellen entnommen sind:

Nur Computer sind die zukünftigen Leser, die Millionen Bücher distanziert lesen, verblüffenderweise so, dass sie dabei etwas entdecken können, was wir beim „dichten Lesen“ so nicht erkennen können.

Das wird mir beim Abarbeiten meines Bücherstapels nicht helfen. Die Größenordnung dieser Texte liegt aber auch nur im Mega-, nicht im Petabyte-Bereich.

[1] zitiert nach »Die Deutsche Gedichte-Bibliothek«
[2] »The End of Theory: The Data Deluge Makes the Scientific Method Obsolete«, Chris Anderson, Wired, 23. Juni 2008
[3] »How Not to Read a Million Books«, Tanya Clement u. a., Graduate School of Library and Information Science, Illinois Informatics Institute, University of Illinois
[4] »Lektüre im Computerzeitalter«, Gerhard Lauer, FAZ, 26.08.2009, Seite N3


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