Loslabern

Ja, ja, »Loslabern« ist ein alter Hut – in Anbetracht der Halbwertzeit feuilletonesker Texte. Den Herbst 2008 behandelnd, im Herbst 2009 erschienen, kurz danach im Begleitschreiben aufgefallen (als die Rezension noch kommentarlos da stand), verschwand es aus meinem Radar. Warum sollte ich einen Rainald Goetz lesen, warum Zeit mit einer literarisch daherkommenden Bedeutungshuberei, mit einer an den zwielichtigen Bereich zwischen gedrucktem Boulevard und Life Style – Hauptsache Pop – verschwendeten Text-Produktion vertändeln? Aber Goetz‘ Büchlein ist dann unlängst (doch wieder) durch des Umblätterers Verweis auf die 10 Minuten bei Harald Schmidt in meinen Fokus geraten. Goetz‘ merkwürdiges, hyperaktiv-überreizt vorgetragenes, doch ehrfürchtig erscheinendes Labern über und gegen die „maßgebende Stelle“, die da spricht – das FAZ-Feuilleton – machte mich neugierig.

Es ist, wie schon gesagt, ein Bericht über den Herbst 2008, konkret über seine Erlebnisse auf der Frankfurter Buchmesse und auf dem FAZ-Herbstempfang in Berlin. Alles, fast jeder Satz, ist vom Rauschen der Großen Krise überlagert, natürlich. Und, um das vermutlich für sich historisch einzuordnen, palavert Goetz penetrant und angewidert über die auf die schreckliche Zeitenwende 99/00 folgenden Nullerjahre. Man wundert sich einerseits, dass er sie überlebt hat. Andererseits, vielleicht braucht er dieses obsessive Aufpumpen der Nullerjahre mit Bedeutung, mit Metaphysik auch, für sein Ego, sein Selbstbild? (Dass da ein paar Komplexe mitschwingen, merkt man, wenn es in »Loslabern« um den anderen schreibenden Arzt und dessen Turm geht…)

Ich gebe zu, die Schlüssellochperspektive seines Textes über den FAZ-Herbstempfang mit Genuss goutiert zu haben. Das Hotel de Rome ist natürlich nicht mit Ostrom zu verwechseln, die maßgebende Stelle, die da in ersterem Hof hält im Herbst 2008, spricht facettenreicher und ist intellektuell anpassungsfähiger als die untergegangene im Ostrom Tellkamps je dachte und sein konnte bzw. sein wollte.

Es bleibt der Eindruck, »Loslabern« ist ein feuilletoneskes Kabinettstückchen, ein Thomas-Bernhard-fixiertes, also wütendes Traktat. Und es ist wohl literarisch belanglos.

2 Comments

  1. Gregor Keuschnig Donnerstag, 29. Juli 2010

    Tatsächlich würde ich von heute aus sagen: Es stimmt, “Loslabern” ist literarisch belanglos. Aber: Was heißt das eigentlich? Wer legt diese Schwelle fest? Die Nähe zu Bernhard ist klar. Ist damit Bernhard auch literarisch belanglos? Ich zweifle. Und falls ja: Wieviel von dem, was man heut liest, ist tatsächlich in zwanzig Jahren vergessen? Will man das wirklich? Also schafft sich der Betrieb (und auch der Leser) Anker. Ich fürchte fast, Goetz ist ein solcher Anker. Warten wir mal ab.

    • jl Freitag, 30. Juli 2010

      Es ist natürlich nur meine subjektive Meinung, belanglos für die “interne Rangliste”. Er hat sich bei mir nicht als Schriftsteller von solchem Rang etabliert, bei dem ich möglichst alles Publizierte von ihm zur Kenntnis nehmen würde. Seine Texte sind für mich gute Feuilleton-Stücke, die ich mir in einem niveauvollen Magazin (das es nicht gibt) vorstellen kann.
      Zu Thomas Bernhard weiß ich fast gar nichts. Hat mich nie zum Lesen gereizt. Außer: Der Untergeher, wegen des Gould-Backgrounds. Es hat mir ganz gut gefallen. Aber ausgerecht der Untergeher wird von H. Krausser, der seit einem Jahr etwa für mich so ein angesprochener Anker ist, total verissen…
      Ach, es ist doch egal, was in zwanzig Jahren in oder out ist. Das wird doch mit der Zeit auch nicht objektiver, das bleibt immer abhängig von den Moden und Begierden des Literaturbetriebes, wen man gerade aus der Versenkung hervorholt oder dorthin zurückstößt. Ein paar “Heilige” bleiben immer, klar, sie sind das Fundament, damit das Kartenhaus nicht einfällt.

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