Mat(ur)ana

Wir tun immer das, was wir wollen, auch wenn wir behaupten, eigentlich gegen unseren Willen gehandelt und zu etwas gezwungen worden zu sein. Dann wünschen wir uns die Folgen, die sich aus unserem Handeln ergeben, auch wenn wir im Moment nicht mögen, was wir tun.
Benjamin Stein, »Replay«, S. 152


»Replay« ist eine von Benjamin Stein grandios erzählte Dystopie. Stein, von dem ich bisher nichts las, verblüfft mich mit knapper sprachlicher Präzision und fachlicher Exaktheit.

Die Handlung startet in der Gegenwart, es gibt dann zweimal Sprünge jeweils etwa 15 Jahre in die Zukunft. Der Ich-Erzähler Ed Rosen war in seiner Jugend von Zahlenmystik begeistert, studierte dann Informatik, modellierte die Realität für Maschinen verständlich, interessiert sich für die Mensch-Maschinen-Interaktionen, landet folgerichtig (?) in Juan Matanas Firma UniCom, die allgemein zur Schnittstelle zwischen biologischen und elektronischen Systemen forscht und speziell zunächst ein Augenimplantat entwickelt, das die visuellen Daten direkt ins Gehirn einspeist. Rosen ist der ideale Early Adopter, ist er doch selbst von Geburt an auf einem Auge blind. Er wird die erste Versuchsperson, die Prothese wird immer weiter entwickelt, Rückkopplungsmöglichkeiten („und natürlich konnte man sich auch in die lebendige audiovisuelle Wahrnehmung eines Augenblicks zurückversetzen, den man selbst zuvor aufgezeichnet hatte.“ [S. 114]) werden implementiert, die Akzeptanz steigt immer weiter, die Firma wird extrem erfolgreich, was sich u.a. darin ausdrückt, dass 70% der Bevölkerung freiwillig Prothesenträger – UniCom-Bürger – werden.

Nein, die Kunden zahlten nicht mehr für die Kommunikation. Selbst das Implantat hätte man ihnen schenken können. Die Einnahmequelle waren die Inhalte, die die Kunden auch noch zum großen Teil selbst erzeugten und kosten- und damit tributpflichtig weitergaben. Das Geld wuchs gewissermaßen auf den ungeheuren Bergen von Daten, eingesammelt von Millionen Geräten und gespeichert in den Datenzentralen der Corporation. (S. 116)

Für mich ist die eigentliche Hauptfigur der chilenische Wissenschaftler Juan Mantana, und es ist kein Zufall, dass ich den Namen durchgehend als Maturana gelesen habe… Mantana ist einerseits die treibende Kraft, der Visionär, der erfolgreiche Wissenschaftler und Unternehmer. Er interessiert sich für die Koppelung zwischen Maschinenwelt und menschlichem Verhalten. Und er ist es, der die Entwicklung kritisch beobachtet, den Stein originelle Reflexionen (negative Rückkopplung als notwendiges Regelprinzip beim Wattschen Dampfregler, dominante Optionen für ausschließlich positives Feedback in Sozialen Netzwerken, die Abhängigkeit der Realität vom Beobachter und die Notwendigkeit, das Beobachten zu beobachten, um zu lernen, usw.) einflechten lässt, und der schließlich aussteigt.

Für Rosen – Minister in einem transparenten, luxuriösen Gefängnis, einem architektonischen Juwel, beschützt von privaten und staatlichen Sicherheitsdiensten – jedoch geht dieses Leben weiter. Das Communication System lässt sich nicht wirklich abschalten, auch wäre es trostlos, fehlt doch dann der Input für neue Replays. „Die Corporation lässt niemanden treiben ohne einen Freund an seiner Seite.“ Dieser bringt ihn wieder online.

Wir haben uns für Transparenz entschieden und diesen Entschluss in Gesetze verpackt, die für alle gelten, ob sie es nun schätzen oder nicht und ob sie es wissen oder nicht. Alle, das schließt auch Minister ein, warum nicht gerade sie? (S. 168)



s.a. Rezension bei Bonaventura, Replay beim Perlentaucher, das Buch bei Amazon (mit Lese-Videos), das Buch beim Verlag C.H.Beck (auch mit Videos), ANH in »Die Dschungel« über das Buch: Miszellen des Totalitären

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