Melodien

Gedanke: Es wird eine Musik geben aus elektrisch-chemischen Impulsen, die direkt ›ins Blut‹ gehen, die nicht nur auditiv, sondern auch, und vor allem, neuronal funktioniert, eine Mischung aus Musik und Nervendroge, eine interaktive Giftsymphonie.
Helmut Krausser, Substanz, Köln 2010, S. 37


Helmut Krausser lässt in seinem zwischen Dezember 1990 und Juli 1992 entstandenen und in der eher späteren Renaissance in Oberitalien angesiedelten Roman »Melodien« den Alchimisten Castiglio nach Melodien suchen, die den Menschen im Guten wie im Schlechten direkt zu beeinflussen vermögen. Immer neue Prototypen verschiedener Wirkung ersinnt Castiglio [1]:

Tropos, welcher
1. In einem Menschen Liebe weckt
2. Eines Mächtigen Mitleid erwirkt
3. Zu kühnen Taten reizt
4. Glückliche Erinnerung hervorruft
5. Furcht verscheucht
6. Einem stolzen Herzen Vergänglichkeit eingibt
7. Ausdauer und Trotz stärkt
8. Ein bedeutendes Werk einweiht
9. Wunden schneller heilen lässt
10. Gottergebung erleichtert
11. Triumphe vergrößert
12. Sündige zur Reue treibt
13. Die Größe Gottes verherrlicht
14. Plagedämonen vertreibt
15. Um einen Bedeutenden angemessen trauert
16. Die Sinne verwirrt und Furcht schafft
17. Den Hunger mindert
18. Eine Leibesfrucht gedeihen läßt.

Mit diesem Vorhaben und seiner Überlieferung entsteht ein Mythos, der bis in die (Roman-) Gegenwart reicht. Ich habe augenblicklich erst 247 der gut 800 Seiten des fesselnden Buches gelesen; statt also verfrüht zu resümieren kommt mir wieder eine meiner unausgereiften Lieblingsideen in den Sinn, der zufolge gesehene, also subjektive Bilder vom Auge ohne Umweg über einen Aufnahmeapparat persistent ins Gehirn gelangen und von dort zur weiteren Bearbeitung und Ausgabe dann abrufbar sind.

[1] siehe in der Rowohlt-Taschenbuchausgabe auf Seite 228


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