Novembersätze

Nach Nummern ohne wirkliche Glanzlichter entschädigt mich die Zeit diesmal mit einigen wirklich guten Beiträgen. Merkwürdigerweise im Feuilleton.

Die Exil-Iranerin Marjane Satrapi (»Persepolis«) unterläuft mehrmals im Interview die Erwartungen der Fragerin, weist die westliche Deutungshoheit hinsichtlich korrektes Gebaren zurück. Und: sie hat „immer noch Sterne in den Augen“.

Der rumänische Film »4 Monate. 3 Wochen. 2 Tage.« von Christian Mungiu, eine ungeschönte „subjektive Bestandsaufnahme des Kommunismus in Rumänien“ gewann überraschenderweise in diesem Jahr die Goldene Palme. – Frau Radisch meint, vermutlich zutreffend:

Dass im glitzernden Cannes ausgerechnet dieser nackte, ganz auf die menschlichen und filmischen Grundbausteine reduzierte Film die Goldenen Palme gewann, erzählt nebenbei noch von einer anderen, ernst zu nehmenden Tragödie: vom Überdruss des Westens an sich selber, von der Sehnsucht nach einem Leben jenseits der Mattscheibe.

Dumm baut gut. So ist der Artikel über den Dresdner Elbbrückenbau-Skandal überschrieben. Dieser handelt von der typisch sächsischen Melange aus Korruption, Naivität, Obrigkeitsglauben und Hemdsärmeligkeit, handelt von eigenartigen Rechenkünsten, dem Betrug an den Bürgern sowie der Verweigerung eines Santiago Calatrava oder Norman Foster. – Evelyn Finger bringt für mich in diesem Artikel das gegenwärtige Ostdeutschland mit seinem Drang zu sinnlosen infrastrukturellen Großprojekten auf den Punkt, und zwar mit der Feststellung:

Weil auch die Brücke ein Symbol ist. Sie steht für Beschleunigung, Zweckoptimismus und Wachstumswahn im schrumpfenden Ostdeutschland. Sie ist eine Chiffre der trügerischen Hoffnung, dass man die real existierende Stagnation durch einen utopischen Kapitalismus beheben könne. Wo der Euro nicht mehr richtig rollt, wird künstlich Bewegung erzeugt. Denn das sind die großen Ängste der Brückeneuphoriker: vom Fortschritt abgehängt zu werden. Im Grünen Gewölbe hocken zu bleiben.


2 Comments

  1. Holger Samstag, 24. November 2007

    Beide Filme würde ich gerne sehen, vielleicht in zwei Wochen in Berlin?

    • jl Sonntag, 25. November 2007

      Na dann hoffen wir ‘mal, dass diese dann noch im Programm sein werden!

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