Offshoring

In den letzten beiden Ausgaben der Informatik Spektrum (Organ der GI, und leider – das ist das Einzige, was ich der GI derzeit vorwerfen kann – nur ein papiernes Journal, es sei denn, man sitzt hinter dem Gateway einer Organisation, die Springer online abonniert hat) geht es in Hauptbeiträgen um das Thema Offshoring, um die Verlagerung von IT-Dienstleistungen in andere Regionen wie Indien und China oder Ost- und Mittelosteuropa („Nearshoring“). Einerseits werden die Internationalisierungs- und Standardisierungsprozesse in der Softwareentwicklung und bei den IT-Dienstleistungen als notwendig und sinnvoll beschrieben. Andererseits ist für erfolgreiche, und das heißt nachhaltige, Offshoring-Projekte die kooperative Unterstützung der hiesigen IT-Beschäftigten notwendig. Und da springt der Interessenskonflikt einem sprichwörtlich ins Auge. (Ich habe etwas eigene Erfahrungen mit halbherzigen Offshore-Frickeleien, Indien, Bulgarien, Weißrussland.)



Bei diesem Thema gilt es Unterschiede zwischen den USA und Europa zu beachten. Die deutschen Mitglieder der amerikanisch dominierten „Job Migration Task Force“ der Association for Computing Machinery (ACM) haben diese in o.g. Journal gut herausgearbeitet.

• ein US-Dollar, der via Offshoring nach Indien transferiert wird, generiert einen Netto-Rückfluss von mehr als 14 US-Cent (durch exportierte Soft- und Hardware)
• Deutschland verliert bei einer vergleichbaren Verlagerung pro Euro etwa 25 Cent (wegen der hiesigen Friktionsarbeitslosigkeit, der durchschnittlich längeren Zeit, die ein Informatiker unproduktiv ist)

Wenn die IT-Industrie der USA vom Offshoring profitiert und die deutsche durch Offshoring Nachteile erleidet, muss sich per Saldo der Rückstand der Deutschen gegenüber den Amerikanern vergrößern. Und: während in Deutschland ohne Arbeit bezogene Sozialleistungen zunehmend in Frage gestellt werden, raten die Amerikaner der „Job Migration Task Force“ dazu, ebensolche Einkommen zu schaffen bzw. zu erhöhen.

Fragt man nach den besonderen Chancen und Verteidigungspositionen der Deutschen, so kann man sich an die im Bericht verschiedentlich auftauchenden Hinweise halten, dass die hohe Qualität von Forschung und Lehre und insbesondere die Angewandten Informatiken (z. B. Medizininformatik, Verkehrsinformatik, Wirtschaftsinformatik) und eingebettete Systeme ein Standortvorteil bleiben könnten. So gibt es eine Wirtschaftsinformatik in Indien allenfalls in embryonalem Stadium. Eingebettete Systeme oder Prozesssteuerung verlangen die Nähe zum Maschinenbau, zur Elektrotechnik, zur Pharmaindustrie usw.; diese Branchen bzw. Technologien sind in Indien und anderen Schwellenländern eher schwach ausgeprägt.

Zudem gibt es Analysen, wonach die Mitteleuropäer für Integrationsaufgaben aller Art besser vorbereitet sind als die mehr in Details denkenden Asiaten. Aber: Zufriedenheit ist auch hier die Feindin des Fortschritts, denn viele einflussreiche Persönlichkeiten in den Schwellenländern sind sich ihres Nachteils durchaus bewusst und haben die Losung ausgegeben: „Climbing up the Value Chain!“ Für Deutschland gilt es also – gerade im Jahr der Informatik – dafür zu werben, dass von Bund, Ländern und Wirtschaft gezielt Investitionen in Forschung, Entwicklung und Lehre getätigt werden. Nur so kann der Vorsprung durch hohe Qualifikation erhalten oder gar ausgebaut werden.


One Comment

  1. Micky Donnerstag, 14. Juni 2007

    Hallo,

    den Bemerkungen kann man sich nur anschleißen, wenn man die Erfahrungen dieses aktuellen Beitrages http://blog.intervista-ag.de/?p=96 liest merkt man, dass Bildung allein nicht ausreicht. Kultur, Zeitunterschied und kulturell gepägtes Verhalten kompensieren fast alle Vorteile. Damit fällt die Grundannahme – die Leistung sei austauschbar – in sich zusammen und die reine Aufrechnung der Stundensätze wird nur noch ein Faktor in der gesamten Formel der Vergleichsbetrachtung.

    Meine Erkenntnis ist: NIchts ersetzt Kundennähe!

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