Open Access – The Road to Hell?

Unter dieser Überschrift hat die Zeitschrift B.I.T. vor einiger Zeit ein Thesenpapier von Dr. Rafael Ball, seines Zeichens Leiter der Zentralbibliothek des Forschungszentrums Jülich GmbH – einer öffentlichen Forschungseinrichtung in der Helmholtz-Gemeinschaft – veröffentlicht. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag aus dem Jahre 2005 und hat folgendes Abstract.

Sieben Jahre nach der ersten Definition von Open Access hat die Realisierung des freien Zugangs zu wissenschaftlichen Informationen ganz konkrete Formen angenommen. Dabei sind die verschiedensten Wege beschritten worden. Die Bandbreite reicht vom Ideal des „freedom of information“ bis zur gnadenlosen Kommerzialisierung etwa durch die Open-Choice-Varianten einiger wissenschaftlicher Verlage. Der Beitrag zeigt anhand von sieben Thesen, dass Open Access in der Realisierung der „Golden Road“ ein Irrweg ist, Verlage keine Teufel sind und die wissenschaftliche Kommunikation gar keiner Revolutionierung durch Open Access bedarf.

Nun, die sieben Thesen sind mehr oder weniger Open-Access-Paradigmen, keine Thesen von Herrn Ball, aber von ihm in dieser zugespitzten Form präsentiert. Er zerpflückt diese vielmehr in seinen Augen, mit teils ziemlich merkwürdigen Argumenten. Ball will den angeblichen „Mythos Open Access“ entzaubern und sonnt sich dabei in den Anfeindungen von Open-Access-Protagonisten.



Zunächst für Ortsunkundige etwas zu den Straßennamen: mit Green Road wird die Open-Access-Variante umschrieben, institutionelle Repositories (Dokumentenserver) einzurichten, auf denen die an der jeweiligen Institution entstehenden wissenschaftlichen Dokumente sowie die andernorts von den Angehörigen bereits veröffentlichten Beiträge im Volltext online verfügbar gemacht werden. Diese Variante des Open Access wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt. Individuelles und domänenspezifisches Archivieren sind ergänzende Varianten. Die Golden Road ist, wie schon der Name vermuten lässt, nicht ganz so pragmatisch ausgelegt; wer nicht vom Wege abkommen will, darf nur in Open-Access-Journals publizieren. – Siehe dazu auch „The green and the gold roads to Open Access“ bei nature.com.

These 1: Open Access ist ein Anliegen der Wissenschaftler

Die Ausgangssituation sei auch nach Ball klar: Die Preise für Zeitschriftenabos steigen ins Unermessliche, die Bibliotheksetats schrumpfen oder stagnieren, diese Schere manifestiere sich in ungezählten PowerPoint-Folien. Open Access diene den Bibliotheken rein als Moneymaker zur Lösung der Zeitschriftenkrise, des Schließens der Schere. Niemand aus der bibliothekarischen Community habe die Absicht, den Publikationsprozess, den Weg der wissenschaftlichen Kommunikation zu reformieren.

Na und? Ich kenne mich in der genannten bibliothekarischen Community nicht aus, sehe es aber prinzipiell nicht als Nachteil, dass man ganz unideologisch, auch aus rein monetären Gründen für Open Access sein kan. Ball polemisiert da gegen eine Schimäre, gegen eine nicht vorhandene ideologisch unterfütterte „Lizenz“.

Weiter argumentiert Ball mit der Schutzfunktion von Open Access hinsichtlich Autorenrechte. Diese würden von Autoren meist unwiederbringlich an Verlage abgetreten. Doch wer den Zustand kritisch hinterfrage müsse anerkennen, dass die wenigsten Autoren dies störe. Die ganze Diskussion um Rechte erreichte ihre jetzige Brisanz erst im digitalen Zeitalter, mit der Möglichkeit des Autors, seine Texte wiederzuverwerten. Der etablierte Publikationsprozess hingegen werde von Wissenschaftlern nicht hinterfragt, diese hätten lediglich Optimierungswünsche.

Dies stimmt, dazu gibt es inzwischen auch empirische Studien. Aber es ist kein Gegenargument zu Open Access, es ist einfach unlogisch. Eine Parallelle: Nur weil Menschen über ihre Rechte nicht informiert sind, weil einigen diese sogar aus welchen Gründen auch immer (meist sind es Privilegien) gleichgültig sind, sind die Rechte nicht falsch. – Vielleicht wehrt sich Herr Ball gegen den vermuteten oder befürchteten sanften Zwang zu Open Access aus monetären Gründen. Das sagt er aber nicht.

These 2: Wir brauchen Open Access, um als Bibliotheken auf dem Informationsmarkt eine Marktmacht zu etablieren

Ball konstatiert kurz und bündig, dass es keinen echten Wettbewerb im Informationsmarkt gibt. Es gibt meist keine echten Substitutionsprodukte und somit keine Macht der Wettbewerber. Die Kundenmacht ist äußerst gering, wozu föderale Systeme und daraus folgende Zersplitterung (keine Einkaufsgemeinschaften) sowie heterogene Kundeninteressen beitragen. Die Lieferanten – die Wissenschaftler – erhalten unmittelbar keine Geld für ihre Beiträge, ihre Währung ist das Image: Publish or perish. Die Macht der Kunden und Lieferanten, also der Bibliotheken und Wissenschaftler, nachhaltig zu stärken, würde nur über die Golden Road – Open-Access-Journals – funktionieren. Ball sieht aber eine Sensibilisierung der Wissenschaftler in ihrer Position als Content-Lieferanten, als Gutachter und Herausgeber bei den etablierten Verlagen als zielführender an.

Diese Argumentation ist in sich widersprüchlich. Eingedenk der skizzierten ökonomischen Lage: Mit welchen Argumenten sollen denn die Content-Lieferanten auftreten? Das mutet wie eine Skizze zu einem Theaterstück namens „Fürstenerziehung“ an.

These 3: Die Wissenschaft braucht ein neues Modell der Wissenschaftskommunikation

Mit Open Access soll das herkömmliche Publikationsmodell umgekrempelt werden. Doch niemand brauche und will ein wirklich neues System der Wissenschaftskommunikation. Die Wissenschaftler seien zufrieden. Die gesamte Geschichte der institutionalisierten Organisation und Verbreitung von Wissen, beginnend mit dem ersten wissenschaftlichen Journal 1665, sei eine sehr junge Entwicklung. Es existiere ein funktionierendes System der Wissenstrukturierung und -verbreitung, jeder IT-Spezialist würde rufen: Never change a running system!

Da habe ich erst ‚mal keine Lust drauf einzugehen und nehme deshalb These 4 hinzu.

These 4: Open Access ermöglicht den Zugriff auf Informationen auch für jene, die sich kostenpflichtigen Content nicht leisten können

Ball diffamiert dies als sozial intendiert, als Dritte-Welt-Hilfsprogramm. Weil es in Entwicklungsländern Korruption gibt, dort das komplette System der Hochschulen und Behörden falsch finanziert sei, müsse dies zunächst geändert werden. Nicht die Publikationsmöglichkeiten seien eingeschränkt, sondern die Finanzierung der Erkenntnisgewinnung, der Lehre, der dazu gehörenden Institutionen. Open Access könne also nicht helfen, die strukturellen Probleme des Wissenschaftssystems von Entwicklungsländern zu lösen und das soziale Scheinargument sei ein Scheinargument.

Das ist, gemeinsam mit These 3. das, pardon, dümmste und arroganteste Palaver, was ich in jüngster Zeit im akademischen Umfeld gelesen habe! So dem realen gegenüber ignorant kann man eigentlich nur in einer Königsposition befindlich daherschwätzen. Wahrscheinlich hat die Zentralbibliothek des Forschungszentrums Jülich keine Etatprobleme und finanziert skrupellos mit Hilfe der Gesellschaft den wissenschaftlichen Output der Mitarbeiter doppelt oder gar dreifach. (Brandenburgs Ministerin Wanka vor einiger Zeit dazu: Der Staat finanziere einen großen Teil der wissenschaftlichen Forschung, bezahle die Gehälter der Autoren und müsse anschließend die Kosten für die Abonnements der wissenschaftlichen Zeitschriften aufbringen. “Eigentlich bezahlen wir die Publikation dreimal”, meint die Ministerin, deshalb sei für sie eine Kostenreduktion durch Open Access Publishing “unbedingt auch im Interesse der öffentlichen Kassen”.) Herr Ball kann sich offensichtlich nicht vorstellen, dass auch in der nicht zur Dritten Welt gehörenden Bundesrepublik es nicht ala Jülich priveligiert-versorgte Wissenschaftler, Studierende und andere Interessierte gibt, die am „Betrieb“ partizipieren möchten. Und er nimmt selbstverständlich an, dass als Antwort auf Preissteigerungen per se keine neuen Modelle tauglich sind sondern nur mit höheren Etats reagiert werden sollte. Das ist Propaganda für: die Gesellschaft als Geisel der Verlage.

These 5: Open Access ist eine Alternative zum etablierten Publikationsprozess

Ball singt das Lied der kompetent agierenden Verlage mit Professionalität in Gestaltung, Produktion und Vertrieb. Und hat nur Spott übrig für den angeblich semi-professionellen Output von Open-Access-Journals und dem Content auf institutionellen Dokumentenservern. Er diffamiert die Golden Road, die Publikation in Open-Access-Journals, als sozialistisches Einheitsmodell und Geldvernichtungsmaschine. Staatliche Mittel würden für eine Eigenproduktion ausgegeben, was ein Profitunternehmen viel besser und kostengünstiger könne. Die Oberaufsicht über die Publikationsserver der Open-Access-Journale liege in der öffentlichen Hand und würde von Bürokraten verwaltet und zentralistisch strukturiert. Die Golden Road Server seien „Volkseigene Open Access Betriebe“. Man ginge von einem fairen Input/Nutzen-Verhältnis aus, wenn alle etwas einstellen und alle alles nutzen dürften. Zudem verlören die Publikationen auf dem Dokumentenserver dramatisch an Wert und seien in der Wissenschaftscommunity genau so viel wert wie eine Hauspublikation von IBM, nämlich gar nichts.

Mal abgesehen davon, dass das wirtschaftsliberales Geschwätz in einer Dreistigkeit und Engstirnigkeit ist, die ich selbst von FDP-Protagonisten so lange nicht mehr gehört habe, dass diese Argumente von Vorurteilen und verbalen Griffen in die Gerümpelkammer des kalten Krieges nur so gespickt sind und die Sehnsucht nach einer irgendwie anderen Gesellschaft zum Ausdruck bringen…, mal abgesehen von all dem: Herr Ball sagt nichts darüber, worin sich die Währung „Image“ real ausdrückt: im Impact-Faktor einer Publikation. Dieser ist bei elektronischen Publikationen tendenziell höher. (Und das bei der kurzen Geschichte von Open Access.) Und er sagt nichts über die Qualitätssicherung bei Online-Publikationen, die nicht schwächer sein müssen als bei konventionellen Publikationen.

These 6: Open Access ist ein immer währender Prozess

Herr Ball führt nicht aus, woher er diese Behauptung hat. Er schließt hier „permanente Diskussion“ mit „immer währendem Prozess“ kurz. Ich habe kaum Lust darauf einzugehen, weil das ist irgendwie in der Nähe einer Tautologie: Auch Wenn ich die Diskussion über etwas abschließe und es danach praktiziere ohne zu diskutieren ist’s doch ein etablierter Prozess, oder? Wahrscheinlich ist’s bei Ball ideologische Voreingenommenheit.

These 7: Mit Open Access gewinnen alle

Ball bezweifelt den Zugewinn an Information für Benachteiligte und die Entlastung der Bibliotheksetats der Hochschulen und öffentlichen Einrichtungen durch Open Access. Und er sieht die eigentlichen Gewinner bei einem freien Zugang zu Wissen in der Industrie und deren Research & Development Abteilungen. Bisher war die Industrie ein guter Kunde der Verlage und Agenturen, nun bekäme sie via Open Access den Output öffentlich finanzierter Forschung kostenlos.

Oh, ist das scheinheilig! Hochschulen, Wissenschaftler, Studierende dürfen den Output öffentlich finanzierter Forschung nicht kostenlos bekommen, weil die böse Industrie den ja dann auch kostenlos bekäme. Ich höre zum ersten Mal, dass die Industrieforschung so arm und unterfinanziert sei, dass dies überhaupt eine Relevanz für sie habe. (Als ob die Hochschulen und Fraunhofer-institute nicht sowieso schon ihren Output kostenlos oder mehr als kostengünstig transferierten.)

Zusammenfassung:
Herr Ball fasst zusammen, dass Open Acces definitiv keine Revolution in der wissenschaftlichen Kommunikation darstelle und es an der Zeit sei, dass die bibliothekarische Community sich mit wichtigeren Dingen befasse.
Ich fasse für mich zusammen, dass der Herr Ball Argumente, Schein-Argumente, Vorurteile, Ignoranz und Halbwahrheiten zu einem Hohelied auf die Produktionsweise der etablierten Verlage arrangiert hat.

UPDATE: s.a. Peter Suber, Open Access News, Jürgen Plieningers Replik auf Ball, Klaus Grafs Kritik sowie die Diskussion (war ‚mal, ist jetzt unter /dev/null) bei Atakans Zeitenläufte

3 Comments

  1. Dr. Klaus Graf Freitag, 13. Oktober 2006

    Sehr einverstanden!

  2. B.-C. Kaemper Samstag, 14. Oktober 2006

    In These 5 schreibt Ball: ‘Die Golden Road Server sind “Volkseigene Open Access-Betriebe” und agieren nicht auf dem Markt. Wie fragil ein solches System ist, haben wir alle beim Umzug und Beinahe-Verlust des renommierten Los Alamos Preprint Servers gesehen.’ Das ist kompletter Unisinn, dahin geblubbert wie der ganze Rest dieses unsäglich konfusen Thesenpapiers überhaupt. Das arxiv wurde und wird gefördert von der National Science Foundation und der American Physical Society, der Umzug geschah nach eingehender Beratung mit dem Advisory Board und den Geldgebern, war sorgfältig geplant, es gab null Unterbrechung und von einem Beinahe-Verlust kann überhaupt nicht die Rede sein. Primary site und verantwortlich für den Betrieb ist jetzt die Cornell University Library, Los Alamos ist weiter Spiegelserver, weltweit gibt es 16 weitere Spiegelserver. Im übrigen scheint Ball völlig die Orientierung im OA-Dschungel verloren zu haben, wenn er im Zusammenhang mit dem arxiv von Golden Road Servern spricht.
    Ablage P.

  3. CH. Sonntag, 15. Oktober 2006

    Da die Trackbackfunktion anscheinend nicht funktionierte, erlaube ich mir mal, direkt zu verlinken.

    http://atakan.blogg.de/eintrag.php?id=185

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