Open Source Jahrbuch 2007

In wenigen Tagen erscheint das »Open Source Jahrbuch 2007«. Dieses wurde, wie in den vergangenen Jahren, von einem Team um Bernd Lutterbeck am Lehrstuhl Informatik und Gesellschaft der TU Berlin editiert, und reflektiert wieder die neuesten Entwicklungen in den Bereichen Freie Software, Open Source, Open Access und Open Content. Es geht nicht um technischen Geek Stuff, sondern um historische, kulturelle, ökonomische und rechtliche Grundlagen oder Überbau, je nach Blickwinkel. Mehrere prominente Autoren konnten gewonnen werden, z.B. Richard Stallmann, Bruce Perens, Gundolf S. Freyermuth und Franz Nahrada (1, 2, 3).

Bisher habe ich „nur“ einen Überblick über die Kapitel „Open Access“ und „Das Prinzip Open Source“ gewonnen. In Letzterem finden sich mit Freyermuths und Nahradas Beiträgen mich überraschende Perlen.

Nahradas Beitrag „Piazze telematiche, Video Bridges, Open Coops – der mühsame Weg zu den Globalen Dörfern“ ist der Versuch, ausgehend von der Tatsache fehlender allgemeingültiger Open-Source-Konzepte für die materielle Produktion,

ein in sich konsistentes und zugleich zugegebenermaßen noch visionäres Modell einer auf Open-Source-Prinzipien basierenden Produktionsweise vorzustellen, in dessen Kontext sich das freie Wissen quasi naturwüchsig als Leitprinzip ergibt.

Kriterien bzw. Zugangshürden diagnostiziert Nahrada im Zugang zu den Ressourcen sowie der Fähigkeit zu produzieren. Weiter erschwerend kommen die Umstände hinzu, dass Open Source (Software) endemisch mit viel unbezahlter Arbeit und gleichzeitig ungenügenden Ressourcen für die Produktpflege geschlagen sind. Alle bisherigen Konzepte wider das Dilemma, auch Nahradas zahlreichen, interessanten und teils symphatischen Vorschläge im Text, sind utopisch auch im Sinne ihrer Akzeptanz jenseits von sozioökonomischen Nischen. Individuelle Maßfertigung und kooperatives Basteln mag manchen Bedarf in Nischen decken. Utopien sind dazu da, den Status quo nicht als unveränderbar hinzunehmen, die Auswirkungen globalisierter Produktion & Konsumtion sind allerdings erdrückend übermächtig.

Freyermuth bietet mit „Offene Geheimnisse – Die Ausbildung der Open-Source-Praxis im 20. Jahrhundert“ genau das, was der Titel verspricht: einen gründlichen historisch-systematischen Rückblick, wobei er sich auf drei Schwerpunkte konzentriert. Diese sind
• Organisation der Wissensarbeit (These: Open Source als strukturbildende Leitidee, wie der Taylorismus bzw. Fordismus der industriellen Epoche)
• Verfügung über die Produkte der Wissensarbeit (These: Open-Source-Varianten der Regelung des geistigen Eigentums suchen erträglichen und fruchtbaren Ausgleich zwischen divergierenden Interessen)
• digitale Kultur der Einzelnen (These: Personalisierung des Gebrauchs und Privatisierung der Verfügung über die digitalen Mittel und Produkte)

Freyermuth sieht sechs Innovationen, die die Open-Source-Praxis hervorgebracht hat, auf die er in seinem Aufsatz ausführlich eingeht:

Die erste Innovation Der Wille der Nutzer, Souveränität im Umgang mit digitaler Technologie zu erlangen, wie er sich zuerst in den Hacker- und Time-Sharing-Bewegungen der sechziger Jahre zeigte […]
Die zweite Innovation Das Streben der Nutzer nach Kompatibilität und Standards, das sich in der Frühzeit digitaler Vernetzung offenbarte […]
Die dritte Innovation Der Wunsch nach egalitärer Kooperation, wie sie erst entortete dialogische Echtzeit-Kommunikation in Kombination mit dem Prinzip des Peer-Review ermöglicht […]
Die vierte Innovation Das Verlangen nach geistigem Gemeineigentum, insofern es Informationen über Produkte betrifft, die in Arbeit und Alltag genutzt werden […]
Die fünfte Innovation Das Streben nach Selbstorganisation […]
Die sechste Innovation Die Verschränkung von Konkurrenz und Kollaboration im Interesse der Beschleunigung und Verbesserung kreativer Arbeits- und Entwicklungsprozesse […]

Indirekt fordert Freyermuth auf, Nahradas Ideen ernst zu nehmen. So wie einst die Taylorisierung von der Fabrikarbeit auf das gesamte Wirtschaftsleben, selbst auf vorindustrielle, auf künstlerische und auf wissenschaftliche Arbeit ausstrahlte, muss es denkbar und kann es möglich sein, dass die Modelle der digitalen Wissensarbeit modifiziert auf eben diese genannten Bereiche rückwirken.

In der Ausformung und Erprobung neuer Arbeits-, Verkehrs- und auch Rechtsformen, innovativer Managementverfahren, Eigentumsregelungen und Verhaltensweisen konturieren sich Strukturen einer neuen digitalen Ordnung, die nicht nur erhebliche Produktivitäts- und Wettbewerbsvorteile bietet, sondern auch Einzelnen ein größeres Maß an Freiheit einräumt, sie in höherem Maße motiviert und zu kreativer Partizipation befähigt.
Die Open-Source-Bewegung operierte so während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an vorderster historischer Front. […] Der damals oft recht unduldsame Enthusiasmus der Open-Source-Fans, der bei einer so prosaischen Angelegenheit wie der Software-Produktion befremdete, die bisweilen penetrante Mischung aus genialem Gestus, religiöser Erweckung und politischem Eifer, die sich bei einschlägigen Treffen beobachten ließ (und bisweilen noch lässt) – das alles wird unter dieser Perspektive zwar nicht erträglich, aber doch verständlicher: als Ausdruck des berechtigten Bewusstseins, Teil einer bahnbrechenden Avantgarde zu sein.

(s.a. golem.de)

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  1. Albert Riedinger Donnerstag, 16. August 2007

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