Osterhammels 19. Jahrhundert

„Das Restaurant demokratisierte den guten Geschmack. […] ein relativ prosaischer Vorgang: Die Französische Revolution […] machte eine große Zahl von Privatköchen der enteigneten und geflohenen Aristokratie arbeitslos. So entstand ein neues Angebot auf einem neuen Markt: Die Kochkunst wurde einem zahlungskräftigen städtischen Bürgertum zugänglich.“
Jürgen Osterhammel, »Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts«


Warum nur kann man sich in diesen Zeiten mit dem 19. Jahrhundert beschäftigen? Oft genug blickte ich in verständnislose Gesichter, erzählte ich von meiner Lektüre. Vielleicht hätte Name dropping überzeugt, die Liste ist ziemlich beeindruckend…

Jürgen Osterhammel hat im Verlaufe der Jahre 2002 bis 2008 mit »Die Verwandlung der Welt« eine mehr als beeindruckende Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts erarbeitet. Das materialsatte Epochenporträt, das der Autor als Interpretationsangebot versteht, ist bei C. H. Beck in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung erschienen. Die Ausgabe ist technisch durchaus von hoher Qualität, man erfreut sich z.B. an exakten Registerverweisen und zwei praktischen Lesebändchen (zumindest in der 2. Auflage).

Die Verwandlung der Welt gliedert sich nicht nach Regionen, Nationen, Zivilisationen, Großräumen; auch Kolonialismus und Imperialismus werden nicht in eigenen Kapiteln besprochen, sondern immer mitbedacht. Migration, Ökonomie, Umwelt, internationale Politik und Wissenschaft nehmen als Themen breiten Raum ein. Den herausragenden Stellenwert des 19. Jahrhunderts in der Geschichte verdeutlicht er durch plausible Rück- bzw. Vorgriffe ins 18. bzw. ins 20. Jahrhundert.

Osterhammel sieht das 19. Jahrhundert als ein Jahrhundert Europas:

„Die Geschichte des 19. Jahrhunderts wurde in einem Maße in und von Europa gemcht, wie sich dies weder für das 18. noch für das 20. Jahrhundert sagen lässt, von früheren Epochen ganz zu schweigen. Niemals hat Europa einen ähnlichen Überschuss an Innovationskraft und Initiative, gleichzeitig auch von Überwältigungswillen und Arroganz freigesetzt.“

Trotzdem, trotz einer vorhandenen Europa-Zentriertheit, legt Osterhammel großes Augenmerk vor allem auf den asiatischen Raum, vor allem auf China, aber auch auf Indien und Japan.

Die drei Teile des Buches [1] heißen

  • Annäherungen
  • Panoramen
  • Themen

»Annäherungen« meint hier Voraussetzungen, allgemeine Parameter für

  • Gedächtnis und Reflexion, also
  • Sicht- und Hörbarkeit: z.B. Oper (als europäischer Kulturexport) und Stadtbilder,
  • Erinnerungshorte und Speichermedien: Archive, Bibliotheken, Museen, Weltausstellungen usw. sowie
  • Beschreibungen: Photographie, Soziologie und Statistik
  • Zeit: Kalender, Periodisierungen, Uhr, Beschleunigung
  • Raum: das Raum-Zeit-Verhältnis, Interaktionsräume, Raumordnungen, Grenzen, Frontiers

Schon die 180 Seiten Annäherungen sind unglaublich spannend geschrieben, und machen Lust auf den „Rest“ von reichlich 1100 Seiten (ohne Anhang).

Im »Panoramen« genannten zweiten Teil bietet Osterhammel in acht Kapiteln jeweils einen weltweiten Überblick zu einem Thema. Dazu gehören z.B. die Kapitel

  • Lebensstandards (mit extra Unterkapiteln zur Entstehung der kulinarischen Mobilität, zum Aufkommen von Warenhäusern und Restaurants)
  • Städte (z.B. Pilgerziele, Badeorte, Bergbaustädte, Hauptstädte, Residenzen, Industriestädte, Hafenstädte, Kolonialstädte,…)
  • Imperien und Nationalstaaten

In den sieben Kapiteln der »Themen«, des dritten Teils des Buches, bietet Osterhammel eher essayistisch formulierte Diskussionen einzelner Aspekte an. Wieder einige wenige Beispiel-Kapitel:

  • Energie und Industrie (das Jahrhundert der Kohle!)
  • Netze (u.a. Verkehr, Kommunikation, Handel, Geld)
  • Wissen (z.B. die Universität als europäischer Kulturexport)

nennen.



Alles in Allem ist es eine sehr spannende, soghafte Lektüre – die man auch in kleinen Portionen genießen kann. Tiefgründige und fachkundige Rezensionen kann man in den überregionalen Feuilletons [2] nachlesen.

Für erwähnenswert halte ich noch Osterhammels Aussage zur Entstehungsgeschichte des Werkes:

„Dieses Buch ist auf unzeitgemäße Weise entstanden: als ein Einzelunternehmen abseits von Drittmittelbetrieb und geisteswissenschaftlicher Verbundforschung. Ich […] habe keinen Projektantrag geschrieben, mich daher auch keiner Begutachtung unterzogen und war davon entlastet, Rechenschaftsberichte zu verfassen.“

Dennoch konnte das Buch natürlich nur durch großzügige Förderungen entstehen; wie es sich für ein Nachwort gehört, werden alle diese Förderer aufgelistet.

[1] Eine vollständige Übersicht zur inhaltlichen Gliederung kann man sich auf dieser Seite verschaffen: Osterhammels 19. Jahrhundert
[2] Übersicht zu Buchbesprechungen beim Perlentaucher: Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt


2 Comments

  1. Burkhard Schirdewahn Dienstag, 31. Januar 2012

    „Die Ausgabe ist technisch durchaus von hoher Qualität, man erfreut sich z.B. an exakten Registerverweisen und zwei praktischen Lesebändchen (…)“

    Als ich das Buch neulich noch einmal in Augenschein nahm, hätte ich mir sogar noch ein drittes Lesebändchen gewünscht: der umfangreiche, vorbildliche Apparat – neben 120 Seiten Anmerkungen und dem Verzeichnis der zitierten Literatur auch noch ein Personen- und ein Ortsregister – verlangt geradezu danach..

    Apropos-: 1.600-Seiten-Schinken vs. „content“: schwer vorstellbar für mich, solch ein Werk auf einem e-reader zu lesen: die Praxis des ständigen Wechselns zwischen Text & Apparat; der sichtbare Lesefortschritt durch das „Haupt-Lesebändchen“ in diesem voluminösen Buch-Block, die überaus lesefreundliche Typographie nebst eines „vernünftigen“ Satzspiegels – bisher habe ich noch keine gelungene digitale Umsetzung eines derartigen Projektes gefunden in der „neuen Welt“ des Lesens – und bin mit der traditionellen, gerade bei diesem besonderen Buch, sehr zufrieden.-

    • jl Dienstag, 31. Januar 2012

      Zum Apropos: Ich bin mir sicher, Bücher dieser Anmutung und diesen Kalibers nicht auf einem der heute verfügbaren eReader lesen zu wollen. Elektronisch ja, wenn man komfortabel hin- und herspringen kann zwischen Inhaltsverzeichnis, Registern, Fußnoten und Text. Mag sein, das kommt irgendwann. Aktuell geht das Lesen eines derart gut gemachten Buches auf die herkömmliche nichtdigitale Art einfach besser vonstatten.

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