Realitätsmodell und Eventkultur

Mehr oder weniger intellektuelle Texte zum Thema Fußball sind allgegenwärtig. Vom zwanghaften Dabeiseinwollen hebt sich Klaus Theweleit angenehm authentisch und kompetent ab, u.a. mit seinem 2004 erschienenen Buch „Tor zur Welt„. Theweleit erzählt dort seine Kindheitsgeschichte im Wirtschaftswunderland als komplett am Fussball ausgerichtete Geschichte mit imaginären Tabellen. In die Zukunft weisen seine Darlegungen zum Raumverständnis, das sich an digitalen Spielen herausbildet und schult.

Das war 2002 bzw. 2004. Pünktlich zur Weltmeisterschaft 2006 war Klaus Theweleit gestern an der berliner FU zu einem Vortrag, der sich der Funktion sportlicher Events als Kulturträger widmete. Ein paar Stichworte: Es ging um Sport und insbesondere Fussball als Mittel zur Abfuhr der gesellschaftlich erzeugten Gewalt, um die gemeinschaftliche Gewaltentladung z.B. im Schrei. Darum, dass der Fussball kriegerische Potenziale zivilisiert – und dass menschen mit pazifiziertem Körperverhalten Fussball als brutal empfinden. Es ging um geschlechtsspezifische Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei Fans und Fussballer(innen), um die divergierenden Entwicklungen von kultivierter und filigraner gewordenen Spielweisen auf der einen Seite sowie martialischer und raumgreifender werdenden Feierzeremonien nach erzielten Toren andererseits.

Im Vortrag, Replik und Diskussion wurde auch Fan- und Massen-Eventkultur, Patriotismus und / oder Party sowie die mediale Verschleimung all dessen thematisiert. – Es war ein interessanter Abend, das interessierte Publikum am Theaterwissenschaftlichen Institut der FU Berlin überwiegend ein weibliches.

(s.a. Graduiertenkolleg „Körper-Inszenierungen“)

One Comment

  1. sabbeljan Mittwoch, 14. Juni 2006

    na, das hat sich ja gelohnt. ich war erst nach 21:00 wieder zurück in berlin.

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