Roberto Bolaño: Lumpenroman

Alles Geschriebene ist Schweinerei.
Die Leute, die das Unbestimmte verlassen, um zu versuchen, irgendetwas von dem, was in ihrem Geist vorgeht, zu präzisieren, sind Schweine.
Das ganze Literatenvolk ist schweinisch, und besonders dasjenige dieser Zeit.

Antonin Artaud, »Frühe Schriften / Die Nervenwaage«


Obiges stammt vom surrealistischen Theatermann Antonin Artaud, Bolaño hat es als Motto vor seinen im August auf Deutsch erschienenen Text (aus dem Nachlass) gesetzt. Die Selbstironie, eine durchaus distanzierte Sicht auf das eigene Tun, liegt für mich auf der Hand.

Das Buch als Buch überraschte mich zunächst einerseits durch seine fast luxuriöse Ausstattung. Andererseits hat das Marketing des Hanser-Verlages für meinen Geschmack zu dick aufgetragen: Der Text ist gewiss kein Roman, eher eine Novelle. (Das spanische Original heißt »Una novelita lumpen«.) Und wenn man das XVI. Kapitel gelesen hat, dann hatte man genau 90 bedruckte Seiten vor Augen – während fast überall von 110 Seiten die Rede ist. (Was für einen Roman immer noch wenig ist.)

Doch genug der Erbsenzählerei.

Bolaño hatte mich vor einem Jahr mit seinem unvollendeten Werk »2666« fasziniert. Alles, was ich danach und bisher von ihm las, hinterließ bei mir dagegen kaum Eindruck, konnte mich nicht begeistern, enttäuschte teilweise gar. Und nun also der bei berufsmäßigen Rezensenten (NZZ, DIE ZEIT) euphorisch aufgenommene »Lumpenroman«, ich war gespannt.

Worum geht es?

Jetzt bin ich Mutter und auch eine verheiratete Frau, aber vor gar nicht langer Zeit war ich eine Kriminelle. mein Bruder und ich hatten unsere Eltern verloren. In gewisser Weise rechtfertigt das alles. Wir hatten niemanden. Und das alles buchstäblich von heute auf morgen.

So beginnt der »Lumpenroman«, und in der Folge erzählt die Ich-Erzählerin Bianca vom gemeinsamen Leben mit ihrem Bruder in der elterlichen Wohnung in Rom: wie sie die Schule zunächst vernachlässigen und später ganz aufgegeben, wie sie sich Hilfsjobs suchen (Friseursalon, Fitnessclub) um die Rechnungen bezahlen zu können, von den endlosen gemeinsamen Stunden vor dem Fernseher (Pornofilme, Quizshows) – von der Banalität und Tristesse des Lebens also, wie man es bei sogenannten bildungsfernen Schichten vermutet. Später nisten sich zwei merkwürdige Freunde des Bruders bei ihnen ein, deren Verhalten als raffiniert und parasitär beschrieben werden kann. Diese hecken den Plan aus, Bianca als Prostituierte zu einem erblindeten Ex-Bodybuilder und Ex-Star in Sandalenfilmen (Giovanni Dellacroce alias Franco Bruno bzw. Maciste; neben der Ich-Erzählerin Bianca der einzige Klarname in der Novelle) zu schicken, damit sie dort in seiner riesigen, verdunkelten und schmutzigen Wohnung den vermuteten Tresor ausfindig macht. Die Suche ist vergebens, und nach etwas emotionalem Hin- und Her entschließt sich Bianca zum Rückzug. Sie wirft die beiden zwielichtigen Kumpel des Bruders aus der Wohnung, nicht ohne diese selbst des vermuteten Tresors wegen zu Maciste zu schicken…, und es hat mit den (fast) letzten Worten des Textes den Anschein, als suche sie eine optimistische Wende in ihrem Leben herbeizuführen.

Diese Nacht war nach langer Zeit wieder eine wirkliche Nacht, dunkel und zerbrechlich und von Ängsten gesäumt, und alle, die wir in dieser nacht wach blieben, waren schwache, müde Geschöpfe, die gern noch einmal das Morgengrauen sehen wollten, die schwankende Helligkeit der Piazza Sonnino.

So weit, so uninteressant. Jedenfalls kann ich den ausführlichen Schilderungen des Alltags der Geschwister nichts abgewinnen. Auch die Umsetzung des Stoffes überzeugt mich nicht. Da ist zunächst Bolaños Blick auf die Szenerie, seine Genauigkeit in der Beschreibung, die mich zu einem mir unangenehmen Voyeurismus verführt. Andererseits gibt es Unstimmigkeiten. So spricht Bolaños Ich-Erzählerin von Lobotomie (Kapitel XV, Seite 99), auf sich bezogen, wenn sie sich ein Leben an der Seite von Maciste vorstellt. Was ich merkwürdig finde, ist ihre Sprache ansonsten erstens fast fremdwortfrei, und zweitens wird diese Operationsmethode zur zeit der Handlung schon lange nicht mehr angewendet. Aber vielleicht hat sie dieses Wissen ja aus dem Sehen der vielen Quizshows (Kapitel III, S. 26) gewonnen. Auch dass Bianca den kleinen, verwahrlosten Garten vor Macistes Haus mit den Worten

in dem die Pflanzen sogar nachts um einen nicht vorhandenen Lebensraum kämpften

beschreibt (Kapitel IX, S. 64), will mir nicht recht zur Figur passen.

Im kommenden Jahr soll übrigens, gleichfalls aus dem Nachlass, Bolaños »Das dritte Reich« erscheinen.

(s.a. »Lumpenroman« bei wilde-leser.de sowie die Bolaño-Seite des Hanser-Verlages)


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