Sangrado

»Sangrado« von J. M. R. Lenz soll nach Heinrich Bosse ein „obskurer Bildungsessay“ sein. Das klingt schon ‚mal interessant. Im Interview (Merkur 759) macht er folgende Aussage zu seinen im Herbst 2012 erscheinenden Aufsätzen »Bildungsrevolution 1770-1830« und gibt en passant den erklärenden Hinweis:

[…] ein Grundthema dieser Aufsätze ist: Erziehung zum Fortschritt. Ich sehe Fortschritt als eine Veranstaltung der Erziehungseinrichtungen und Bildungsdiskurse. Ich habe mich manchmal gefragt, ob man nicht doch die Frage stellen sollte, warum sich die aufgeklärten Autoren so willfährig beteiligen. Es klingt vielleicht wie Hosentaschenpsychologie, aber im Grunde geht es um die Frage nach der Macht, die wir von Foucault gelernt haben, nach der Macht der Beamten und Autoren. Ich denke, indem die aufgeklärten Männer Bücher schreiben und ihren Lesern die Bereitschaft zum Fortschritt einimpfen, erhalten sie eine ungeheure menschenformende Kraft. Das ist viel besser als Regieren. Aber der einzige Autor, von dem ich weiß, dass er das auch sagt, ist J. M. R. Lenz in einem obskuren Erziehungsessay. Ich denke jedenfalls, es ist eine Machterweiterung der Intellektuellen oder Autoren, den Leuten sagen zu können, wie sie sich verhalten oder fühlen sollten, um den Fortschritt zu bewirken.

Bosse nennt als Quelle: Jakob Michael Reinhold Lenz, Sangrado. In: J. M. R. Lenz, Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Franz Blei. Band 5. München: Müller 1913.

Das stimmt mit der Angabe der Forschungsstelle J. M. R. Lenz an der Universität Mannheim überein, wobei dort eine Einzelpublikation genannt wird: Sangrado. Eine Schutzschrift wider Irrthümer und Augenschwächen. An die beyden verkannten grossen Männer unserer Zeit.
In: Für Leser und Leserinnen. Zweyter Band. Siebentes bis Zwölftes Heft. December 1780 bis May 1781. Mitau, gedruckt bey Johann Friedrich Steffenhagen. [Stücktitel:] Für Leser und Leserinnen. Zehntes Heft. März 1781. Mitau, gedruckt bey Johann Friedrich Steffenhagen. S. 249-267.
Mit „L*.“ unterzeichnet. – Der Text wird Lenz zugeschrieben von Franz Blei (Hrsg.): Jakob Michael Reinhold Lenz: Gesammelte Schriften. Bd. 5. München, Leipzig: Müller 1913, S. 299-312, 392. – UZ

Die Mainzer Stadtbibliothek hat die weitaus ältere dreibändige Ausgabe, herausgegeben von Ludwig Tieck, Berlin 1828, im Bestand. Dort ist »Sangrado« leider nicht enthalten.

One Comment

  1. […] letztens hier erwähnten Essay »Sangrado« von J. M. R. Lenz spricht dieser fiktiv die Kardinäle Richelieu und Feury in […]

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