Schießen Sie nicht auf den Touristen!

Das kleine, aber nicht leichtgewichtige Büchlein des Italieners Duccio Canestrini »Schießen Sie nicht auf den Touristen« ist eine Kulturkritik des unbefleckten Reisenden entlang der „Achse des Bösen“.

Reisen war immer schon eine verdammt unsichere, gefährliche Sache. Das reicht von der strapazierten Figur des Reisenden, der im Kochtopf endet, über die Wegelagerei zu Lande und Piraterie auf See bis zur früher schon und heute immer noch einträglichen Geiselnehmerei. Hinzu kommt die problematische Stellung, das Unbehagen, das ein Fremder, ob nun Pilger, Händler, Soldat, Missionar, Journalist, Einwanderer, Wanderarbeiter oder eben Tourist, in einer mehr oder weniger geschlossenen Gesellschaft erzeugt.

Canestrini beleuchtet den Status des westlichen Touristen in dieser Welt, sieht zum Einen Parallellen zu dem des Diplomaten: Neben der Tatsache, dass für Touristen die in der Fremde in der Patsche sitzen, das Außenministerium zuständig ist, sei hier an den Ex-Kanzler Schröder erinnert, für den Ferien (ob in Italien oder Hannover) keineswegs eine Privatsache waren. In armen Gegenden zumindest präsentiert der Tourist sich als Herold der Überflussgesellschaft – wo gehungert wird, sind Touristen nun mal nichts anderes als wandelnde Geldsäcke.

Der Mensch ließ sich bisher nie in seinem Mobilitätsdrang bremsen. Die Sicherheitsversprechen von Politik und Wirtschaft tragen dazu bei – und führen zu einer allgegenwärtigen Aufrüstung. Canestrini lässt das ganze Arsenal Revue passieren: Überwachungskameras, biometrische Identifizierung („fleischgewordenes Passwort“), Sicherheitskontrollen, Check-Ins, elektronische Fußfesseln, Datenbanken, bewaffnete Eskorten als Begleitung (wie zu Zeiten der Postkutschen und Massenpilgerfahrten, der ersten „Gruppen“-Reisen), Versicherungen, eingezäunte Ferienanlagen usw. Huxleys „Schöne neue Welt“ und Orwells „1984“ lassen grüßen. All das bildet auch eine Art „Airbag-Kultur“ heraus, bei der die Fetischisierung von Sicherheitsvorkehrungen und Versicherungen zu verantwortungslosem Handeln auf verführt.

Operation Enduring Holidays. Krisenfeste und gepanzerte Ferien. Natürlich wohlverdient, und deshalb auch gerecht und nicht verhandelbar, ebenso unverhandelbar, wie es der Lebensstil der westlichen Länder ist. Tourismus mit Schutzschild, Urlaub um jeden Preis?

Canestrini schließt sein sehr lesens- und bedenkenswertes Buch mit der Darstellung zweier alternativer Szenarien. Diese sind das Szenario der Abriegelung unter Aufsicht, mit fortschreitender Militarisierung des Tourismus, sowie das Szenario der Integration, ein nicht immunisierter, durchlässiger Tourismus. Beide Szenarien existieren parallell nebeneinander, man kann sich entscheiden, welches man persönlich vorzieht.

s.a. Der Mensch als Tourist bei Telepolis.
About Homo turisticus, Canestrinis Website:

Travel myths and holiday rythes are my personal field. Both with a scientific and an ethical approach.


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