Selbstständigkeit als Subversion?

Ich gestehe, ich war nah dran, mir »Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung.« von Holm Friede und Sascha Lobo zu kaufen und zu lesen. Mich störte der missionarische Eifer der Kampagne, das Deja vú, wenn ich an die Endneunziger denke und an meinen gescheiterten Selbstversuch. Und so ließ ich es sein.

Es bleibt nach der zufälligen Lektüre von Roman Schmidts Anmerkungen (Lesebefehl!) und Ingo Arends Rezension dabei, ich verkneif‘ mir auch jegliche Polemik.

So richtig Lobos und Friebes Idee ist, dass im Postfordismus die Voraussetzungen gegeben sein könnten, um die ewige Alternative von Lohnarbeit oder Prekarisierung zu durchkreuzen, so richtig bleibt, dass sich derlei schlecht in der künstlerischen Ich-AG herbeibloggen lässt.

Claudia Klinger bloggt über Selbstständig arbeiten: Rationalisierung als Abenteuer jenseits von Bohème.

7 Comments

  1. Sascha Lobo Montag, 11. Dezember 2006

    Ja. Also. Roman Schmidt, mit dem ich lustigerweise zusammen, bzw. eher zeitgleich studiert habe an der Universität der Künste, trifft durchaus zwei oder drei Punkte in seinem Text im Freitag. Das nur als Anfangsbemerkung.

    Ein grosses Problem aber steht im Raum und macht mich ratlos: Warum die linke Publizistik, als da wäre Jungle World, konkret, Freitag (Texte bitte selbst googlen), praktisch geschlossen (ausser Schmidt, zum Teil) aus einer schmerzhaft dogmatischen Position heraus argumentiert. Nämlich der Ansicht, dass Freiberuflichkeit immer und überall und jederzeit neoliberal sein müsse und überhaupt das Volk in die Festanstellung gehört. Diese Argumentation ist sich dann auch nicht zu schade, um die sozialen Schwerpunkte, die wir im Buch setzen, einfach zu übersehen oder als “viel zu kurz abgehandelt” zu übergehen. Wie kann man die Forderung nach einem Bürgergeld, verbunden mit einem Mindestlohn, als marktliberal bezeichnen? Wie kann man die explizite, mehrfache Forderung nach einem “starken Staat, vor allem im sozialen Bereich” absichtlich übersehen?

    In meinen Augen kann es im Umgang mit der wirklich und wahrhaftig vorhandenen Veränderung der Arbeitswelt nur den Weg geben, eine politisch flankierte Individualisierung der Arbeit anzustreben. So, wie die Individualisierung der Konsum- und Freizeit-Welt das 20. Jahrhundert geprägt haben – nur diesmal auf gerechte Art und Weise. Und damit man dorthin kommt, hilft weder Schönrederei noch die stete Klage, die in den genannten Medien, bzw. den dort zum Buch veröffentlichten Artikel von einer relativ erbärmlichen Art des Stellvertretenden Selbstmitleids geprägt war. Die Mehrzahl der Autoren, die die Artikel geschrieben haben, arbeiten nämlich nach exakt den Mechanismen, die wir beobachtet haben – und würden niemals eine Festanstellung dagegen tauschen.

    • jl Montag, 11. Dezember 2006

      Vielleicht, weil die dogmatische oder konservative Linke immer schon wusste, was fuer das Vok gut ist, und was nicht? Vielleicht hat Skepsis egal von wem eine gewisse Berechtigung, weil nicht alle, zumal die bildungsferneren Menschen mit Verantwortung für sich selbst klar kämen? Weil nicht alle, gleichgültig welchen Berufes und mit welcher Bildung begnadete Selbstvermarkter sind?

      Ich finde ein bedingungsloses bzw. repressionsfreies Grundeinkommen wäre eine gute Basis für eine “neue” Form Arbeitsgesellschaft. Ob Selbstständigkeit oder Festanstellung oder beides abwechselnd – Hauptsache Arbeit und Leben sind “eins”, die Zustände machen einen nicht schizophren. Und der zu verteilende bzw. auf dem Markt zu ergatternde Arbeits-Kuchen wird nie für alle reichen, deshalb muss Grundeinkommen sein. Mir ist egal, ob jemand das liberal nennt.

      Ich finde, Schmidt zeigt wirklich auf “wunde Punkte”, z.B. mit: “Es wäre dann sicherlich auch von Prekarität zu reden – von den etwas Älteren, die vom Jahresdurchschnittsverdienst der KSK-Versicherten von knapp 11.000 Euro leben, und von den Jüngeren, die vom massiven Transfervolumen einer relativ wohlhabenden Elterngeneration im Ruhestand abhängig sind.”

  2. Sascha Lobo Montag, 11. Dezember 2006

    Ich möchte zunächst mal kurz auf die “11.000 Euro der KSK” eingehen, weil die ein verbreitetes Missverständnis sind. Die KSK ist ein sehr gutes Modell, wird leider politisch zurückgefahren, beruht aber auf der Selbstangabe der Versicherten, bzw. auf der Schätzung, was man im nächsten Jahr denn so verdienen werde. Kontrollen finden de facto nicht statt. Es liegt nahe, dass Werte angegeben werden, die niedriger sind, um möglichst wenig Abzüge bezahlen zu müssen. Dass dann später auch weniger Leistungen ausgezahlt werden können, ist ein zu diskutierender Punkt.

    Es ist jedoch klar, dass der Verdienst in vielen Fällen über dem selbst angegebenen Satz liegt und damit diese Zahl nicht unbedingt zur Diskussion taugt.

    Skepsis ist grundsätzlich gut, wenn man auch fähig ist, Positives zu entdecken und zu benennen. Das ist ein Problem, das ich mit einigen der Artikel habe, nämlich dass es Kritik um der Kritik willen ist, die eben die guten Punkte ausblendet. Die Skepsis aber greift zu kurz, wenn sie uns unterstellt, wir wollten mit der Beschreibung der digitalen Bohème ein Modell für alle Menschen ins Feld führen. Das wollen und können wir explizit nicht, ebensowenig, wie wir die Festanstellung abschaffen wollen. Es geht dabei weniger um Selbstvermarktung als um das Bewusstsein, dass die eigene Arbeit zunächst als erfüllendes Moment und nicht als Pein angesehen werden sollte. Was für ein verqueres Menschenbild steckt dahinter, wenn man die Schaffenskraft verdammt, sowie sie einem Freude bereitet?

    Dass der Ansatz eher für gebildete Menschen in Frage kommt, ist klar und wurde von uns nie bestritten. Im Gegenteil führt das zu der Massgabe, die wir im letzten Kapitel versuchen zu entwickeln, nämlich, dass für alle Menschen Bildung der einzige Fortschritt sein kann. Und gar nicht so wenige davon fühlen sich eben in freien Strukturen besser aufgehoben. Nicht mehr und nicht weniger.

    • jl Montag, 11. Dezember 2006

      ok, ich werd’ euer Buch doch lesen! 😉

  3. Sascha Lobo Montag, 11. Dezember 2006

    Ja, aber lieber erstmal in der Bibliothek ausleihen, nicht, dass meine Kommentare bei Nichtgefallen als billiges Direktmarketing enttarnt werden 🙂

  4. Dirk Donnerstag, 17. Januar 2008

    Werden Sie nicht habe das Buch gelesen neuelich und fand es sehr interessant.

  5. Sebastian Freitag, 11. Mai 2012

    Hallo Zusammen,

    mein Kommentar etwas verspätet 😉 habe das Buch aber auch gerade durch… kann es nur empfehlen!

    Beste Grüße
    Sebastian

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