Semantik und leere Mitte

Thomas Gross hat den Stand der Web-Dinge begutachtet und in der Zeit sieben Thesen zur digitalen Zukunft aufgestellt. In These 4 – Öffentlichkeit individualisiert sich – gefällt mir nach dem ersten Lesen und Nachdenken seine Einschätzung zur letztlichen Aussichtslosigkeit der Versuche, mit User-Tracking, raffinierten Algorithmen oder gar dem semantischen Web so etwas wie eine neue Ordnung des Wissens in das individualisierte Web-Klicken und -Publizieren zu bringen.

Suchmaschinen sollen helfen, indem sie unablässig im Meer der Information fischen, sie zeigen Trefferquoten und ordnen das Wissen von oben nach unten: Was häufiger angeklickt wird, wandert auf die Spitzenplätze, der Rest sinkt gen Grund. Kommerzielle Anbieter liefern mittlerweile schon aus Eigeninteresse Orientierungshilfe: Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, interessieren sich auch für den Künstler XY – und rufen Sie bitte auch Ihre persönlichen Empfehlungen ab! Ein Algorithmus versucht, die Netzbewegungen des Surfers mit anderen abzugleichen und zu einem aussagekräftigen Bild zu verrechnen. Doch das semantische Web, von dem die Programmierer träumen, wird vorerst Illusion bleiben. Solange kein künstliches Denken die reale Vernetzung der Information zu erfassen vermag, erleiden die Versuche, das Unhierarchisierbare zu hierarchisieren, regelmäßig Schiffbruch.

Die tatsächliche Bewegung im Netz folgt einer Logik des Epidemischen, die von Bloggern, Zukunftsforschern und Mediaunternehmern als „Schwarmintelligenz“ beschrieben wurde. Das Bild ist schief, weil es die mediale Ausweitung des Körpers mit natürlichen Vorgängen in eins setzt. Tatsächlich handelt es sich um einen Netzwerkeffekt: Der Schwarm schwimmt einfach nur in die Richtung, in die alle anderen auch schwimmen beziehungsweise klicken. Dennoch ist damit etwas Richtiges benannt: Die Art und Weise, wie Internet-Inhalte sich verbreiten, folgt keinem steuernden Subjekt. Der Prozess ist reine Dynamik, er kreist um eine leere Mitte.

Ich empfehle, den Text im Zusammenhang mit F.I.C.C. the WWW bei Telepolis zu lesen. Dort gibt es einige super Vorschläge für neue semantische HTML-Tags. Was durchaus ein produktiver Ansatz ist, weil doch offenbar selbst der unermüdlich für das semantische Web werbende Vordenker Tim Berners-Lee den potenziellen Nutzen nicht plausibel erklären kann.

Mir gefällt besonders

<ZEN></ZEN> synonym zu <IGNOREALL></IGNOREALL>
Blendet sämtliche textliche und multimediale Informationen aus. Im usermode sieht der Nutzer unabhängig von der angesteuerte Website ein leeres Browserfenster.


4 Comments

  1. Heiko Freitag, 15. September 2006

    Klingt interessant.

    ( Könntest du der Schriftfarbe der Links, ein wenig mehr Kontrast zum restlichen Text geben. )

  2. sabbeljan Freitag, 15. September 2006

    der text gehört zu meiner vorbereitung auf die veranstaltung medien 2.0 von der bpb, wo ich mit illustren leuten auf dem podium sitzen darf…

    • jl Freitag, 15. September 2006

      wenn schon Werbung, dann richtig
      http://www.bpb.de/veranstaltungen/Z8QMRS,0,Medien_2_0.html

      btw: mir geht dieses 2.0 ziemlich auf den senkel. jetzt gibt’s sogar egovernment 2.0 und life 2.0! – es wird zeit fuer eine gegenbewegung / neubewertung, vielleicht 0.99b

      • sabbeljan Freitag, 15. September 2006

        ich hab den titel ja nicht gewählt. egov 2.0 liegt auch schon neben mir….langweilig.

        so, gehe dann mal politik 2.0 fürs life 2.0 machen 🙂

        wie wäre es mit “net 2.0” (hessisch ausgesprochen)

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