Spannende Bücher über Wirtschaft

         

Doch, es gibt sie: spannende Bücher über Wirtschaft, die auch für wirtschaftswissenschaftliche Laien faszinierend sind. Zum Beispiel:

Eric D. Beinhocker, »Die Entstehung des Wohlstands«.
Beinhocker bringt Darwin (Die Entstehung der Arten) und Smith (Der Wohlstand der Nationen) zusammen, indem er in seinem Buch ausführt, wie Evolution die Wirtschaft antreibt. Beinhocker räumt mit verbreiteten Grundannahmen (vernünftiger, rational handelnder Homo oeconomicus; Gleichgewichtsmodelle; fixe Idee von der Berechenbarkeit) auf. In einer komplexen und unberechenbaren Welt plädiert Beinhocker dafür, die Rechnung mit dem wahren Wesen des Menschen zu machen. Dieser handelt nämlich nie vollkommen rational und verfügt auch kaum jemals über alle denkbaren Informationen, um Entscheidungen zu treffen. Wie können in einem offenen und dynamischen System auf der Basis unvollständiger Informationen aber vorteilhafte Entscheidungen gefällt werden? Wie wird und bleibt man lern- und anpassungsfähig? – Jede wirtschaftliche Entscheidung, Produkte und Geschäftsmodelle, alles muss sich über Versuch und Irrtum durchsetzen. Erfahrung, Wissen ist der Ursprung des Wohlstands, und der Ursprung von Wissen ist Evolution: Evolution produziert Ordnung, bestehend aus Informationen (Bauplänen), die sich vervielfältigen lassen. Weil wir ökonomische Vorgänge nicht vollständig steuern können, empfiehlt sich Risikostreuung durch Variation. Möglichst viele der denkbaren Entwürfe sollten in den Evolutionsprozess eingespeist werden… Wie Beinhocker über das komplexe, adaptive, von einem Gleichgewicht weit entfernten System Wirtschaft schreibt, das hat schon etwas Nerdiges.
(s.a. NZZ)

Frank E. P. Dievernich, »Achtung Organisation! Vorsicht Management!«
Über die Essays des Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlers Dievernich hatte ich hier schon einmal berichtet, der Nachhall ist aber immer noch da, und deshalb kommt das Bändchen hier in die kleine Liste. Die 14 Essay enthalten manche Perle, zum Beispiel der zweite Essay, “Re-Activate the Management – Zur Verantwortung des Beobachters”. Dievernich beruft sich hier auf Heinz von Foerster, auf dessen Figur des Beobachters. Alles was wir beobachten, sind Beobachtungen eines Beobachters, nicht die (objektive) Realität! Wir konstruieren uns die Wirklichkeit, spielen unsere Beobachtungen in das System (Unternehmen, Organisation) ein – und sollten dafür, für die geschaffene Wirklichkeit die Verantwortung übernehmen. Und da, wo im System qua rationaler Logik sich die Entscheidungen nicht selbst treffen können, da sind wir gefragt. Nach von Foerster können wir eh nur die unentscheidbaren Fragen entscheiden.

Nun noch zwei brandaktuelle Bücher:

Heike Faller, »Wie ich einmal versuchte, reich zu werden – Mein Jahr unter Spekulanten«
Die Journalistin der ZEIT schreibt über ihren Selbstversuch: Kann ich mein Geld in zwölf Monaten verdoppeln? Faller beschreibt auf eine wunderbar leicht zu lesende Art sehr präzise, was die fast ausschließliche Beschäftigung mit Geld für einen bedeutet. Sie spielt mit einem Mathematiker an der Seite Roulette in Baden-Baden (und gewinnt), recherchiert im Kunstmarkt, in der Gold-Szene, an der Londoner Canary Wharf nach dem Lehman Crash, macht Gewinne an der Börse im Irak und trifft am Ende des Jahres gar den von ihr verehrten George Soros.
(s.a. DIE Zeit, FAZ)

Und, ganz frisch:

Stefan Frank, »Die Weltvernichtungsmaschine«
Der “konkret”-Redakteur schreibt nicht über die Weltvernichtungsmaschine aus Kubricks »Dr. Seltsam«, sondern lakonisch bis heiter über die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise – und das nicht im linksradikalen sondern im ordoliberalen Tonfall. Frank beschreibt verständlich Wesen und Instrumente (mit einer gewissen Bewunderung für die Kreativität der Finanzingenieure) des kreditgetriebenen Aufstiegs und des Niedergangs, zeichnet die Chronik der aktuellen Ereignisse nach. Frank vertritt die Überzeugung, dass Krisen der kapitalistischen Kreditdynamik nicht äußerlich, sondern wesentlich seien. Demzufolge gelte: “Eine Rezession beseitigt die Fehler des Booms.” (Also sind Rettungspakete und Konjunkturprogramme Unsinn.) Ironisch wird’s, wenn Frank zur Mobilisierung privater Spender, auch zur Aktivierung der üblichen Verdächtigen aufruft, etwa zu “Benefizkonzerte mit Herbert Grönemeyer, BAP und Peter Maffay”. Damit er Staat sich nicht an den Schulden überhebt.

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