Straßen von Marseille #2

Marseille – gelbes, angestocktes Seehundsgebiß, dem das salzige Wasser zwischen den Zähnen herausfließt. Schnappt dieser Rachen nach den schwarzen und braunen Proletenleibern, mit denen die Schiffkompanien ihn nach dem Fahrplan füttern, so dringt ein Gestank von Öl, Urin und Druckerschwärze daraus hervor. Der ist vom Zahnstein, der an den wuchtigen Kiefern festbackt: Zeitungskioske, Retiraden und Austernstände. Das Hafenvolk ist eine Bazillenkultur; Lastträger und Huren menschenähnliche Fäulnisprodukte. Im Gaumen aber sieht es rosa aus. Das ist hier die Farbe der Schande, des Elends. Bucklige kleiden sich so und Bettlerinnen. Und den entfärbten Weibern der rue Bouterie gibt das einzige Kleidungsstück die einzige Farbe: rosa Hemden.
Walter Benjamin, Marseille, 1929


Marseille-Links:

Walter Benjamin, Marseille
Sabine Günther: Passage de Lorette. Walter Benjamin in Marseille
Martin R. Dean: Liebeserklärung an den Süden: In Marseille lerne ich den Schmutz zu lieben (Wobei mir das mit dem Schmutz etwas übertrieben scheint, Mr. Dean.)
Martin Woker: Die Grenzen der Stadtentwicklung

Bilder aus Marseille, 21.-26. August 2017

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