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Die künstliche Intelligenz des Weltkrieges (Turing und die NSA)

Der Medientheoretiker Friedrich A. Kittler veröffentlichte bereits 1990 einen Text, der mir zur aktuellen Spionageaffaire zu passen scheint; nicht nur Hacker u.a. haben es schon immer gewusst:

Die unmittelbare Nachkriegszeit dagegen verfügte über ganze zwei Computerplätze, einen im englischen und einen im amerikanischen Geheimdienst. […]
Aber die britische Medienmacht ging ohnehin zu Ende. Die Geheimhaltung aller Weltkriegskryptoanalyse war einer von Trumans ersten Erlassen, die Gründung der National Security Agency einer seiner letzten. Als geheimster der drei amerikanischen Geheimdienste übernahm die NSA mit ihren 80000 Angestellten durch europäisch-amerikanischen Technologietransfer Turings Innovation. Der Computererfinder durfte in den Blausäure-Apfel Schneewittchens beißen, damit sein Werk die Weltherrschaft antreten konnte.
Einer ihrer seltenen Public-Relation-Aktionen zufolge hat die „NSA das Heraufkommen des Computerzeitalters mit Sicherheit beschleunigt“. Aber schon weil die amerikanische Privatwirtschaft der Nachkriegszeit, allen Gerüchten zum Trotz, die Computerentwicklung als „profitloses Abenteuer ansah“, ist wohl die Feststellung zutreffender, daß „die NSA in den fünfziger und sechziger Jahren die weltweite Führung bei Computerausrüstungen übernahm und über die öffentlich zugänglichen Technologien weit hinausging“. Ihre Spionagesatelliten fangen Telephonie, Telegraphie und Mikrowellenfunk, also die Post aller Erdteile ab, ihre Computer entschlüsseln eventuell eingeschaltete Codiermaschinen, Scrambler usw., speichern die Botschaft automatisch ab und durchforsten sie automatisch nach Verdächtigen Schlüsselworten. Mit dem Ergebnis, daß 0,1 Prozent aller Fernmeldeverbindungen auf diesem Planeten in der künstlichen Intelligenz NSA aufgehen. Was dann mit ihnen geschieht, weiß niemand. Geheimhaltungsvorschriften werden wie üblich erst in dreißig Jahren aufgehoben werden. Aber womöglich sind sie dann gar nicht mehr nötig. Das Wort, das am Anfang war, verschwindet in Computerdatenbänken ohnehin. Wenn alles, was Leute auf diesem Planeten reden, in Bits aufgegangen sein wird, ist Alan Turings Universale Diskrete Maschine vollbracht.

Das ist das Ende des Textes »Die künstliche Intelligenz des Weltkrieges: Alan Turing«, zuerst erschienen 1990, hier zitiert nach Friedrich A. Kittler, Die Wahrheit der technischen Welt, stw 2073, erschienen 2013. Die in Anführungszeichen geklammerten Stellen sind Zitate Kittlers Dritter, die dort in den Fußnoten gefunden werden können.

eVoting, Berechenbarkeit et.al.

Die papierne Computerzeitung bringt einen Artikel zum Stand der Diskussion in Sachen stationärer Wahlcomputer und eVoting (weiterhin am Pranger). Die Redaktion lässt keinen eigenen Standpunkt erkennen, hofiert die befürwortende Industrie, gibt als GI-Mitglieder-Präsent den kritischen Stimmen innerhalb der GI aber ebenfalls eine Stimme. – Online gibt es eine kleine Quellensammlung: Literatur und Links zu elektronischen Wahlsystemen.

Dabei habe ich ein etwas älteres Interview mit dem Sprecher des Fachbereiches „Informatik und Gesellschaft“ Martin Warnke anläßlich der Tagung „Kontrolle durch Transparenz / Transparenz durch Kontrolle“ gefunden, in dem er sachlich und informativ auf ziemlich unbedarfte, teils dümmliche Fragen antwortet.

Gödel

Im Informatikjahr kann man ruhig auch ‚mal seine Gedanken noch ein paar mehr Dekaden als hier letztens beschrieben zurück fokussieren. Ende des Monats, am 28. April, ist der hundertste Geburtstag des Mathematikers und Logikers Kurt Gödel. Gödel bewies in den 30ern des vorigen Jahrhunderts den Unvollständigkeitssatz, der gaaaanz kurz zusammengefasst bedeutet, dass es formal unentscheidbare Sätze (Aussagen) innerhalb eines jeden (Formel-)Systems gibt. Noch griffiger ist’s vielleicht mit Der Kreter Epimenides sagt: „Alle Kreter sind Lügner.“ gesagt. Mit seiner Arbeit »Über formal unentscheidbare Sätze der Principia mathematica und verwandter Systeme« erschütterte er damals die Grundüberzeugungen führender Mathematiker, denen zufolge ihre Wissenschaft in sich selbst logisch beweisbar sei.

Gödels Unvollständigkeitssätze (es gibt noch einen zweiten) und seine sonstigen Arbeiten zur Logik waren in seiner Zeit essenziell für die aufkommende moderne Computerwissenschaft sowie die Kybernetik / Artificial Intelligence / Künstliche Intelligenz (Gödel im Stammbau des „Künstlichen Lebens“, zwischen Alan Turing und John von Neumann). Von Heinz von Foerster, einem anderen hero dieser Zeit, stammt das auf Gödel zurückgehende Paradox „Nur die Fragen, die prinzipiell unentscheidbar sind, können wir entscheiden.“

s.a. Das Ende der Idylle (Christian Kirsch in der iX), Hofstadters Gödel, Escher, Bach, Gödel auf Dammbecks Website zu seinem Film »Das Netz«, sowie ein gut verständlicher Schul(!)-Aufsatz zum Unvollständigkeitssatz.