Posts Tagged: Angela Fensch

15 Jahre später

Was soll man zu solch einem Tag sagen, muss man zum 3. Oktober etwas sagen? Die vielen überflüssigen Wörter über die Ostdeutschen und Westdeutschen und ihre Mauer in den Köpfen, das einzige große Gerede, zu dem die Debatte verkommen ist, wird mit Recht beklagt. Fotos können nicht sprechen, man kann, muss sich seine Gedanken selber machen.

Ich möchte auf ein Buch von Angela Fensch mit Porträts hinweisen, dessen Vorläufer 1989 in der Schweiz erschien und mich schon 1990 begeisterte.

Die Fotografin porträtiert darin in eigenwilligen, mitunter auch irritierenden Bildern 51 Frauen aus der DDR gemeinsam mit ihren Kindern. Es sind starke, schöne, Gelassenheit und Selbstbewusstsein ausstrahlende Frauen, die in fotografischen Inszenierungen voller Erotik individuelle Gegenwelten zur prüden, erstarrten Wirklichkeit des »realen Sozialismus« entwerfen.

Schönheit als Widerspruch zur Realität. 2005 hat Angela Fensch fast alle dieser Frauen mit ihren Kindern wieder porträtiert.

Fünfzehn Jahre und einen grundlegenden Systemwechsel später zeigen sich hier ebenso starke, charmante Frauen, die offensichtlich auch nach der Wende ein selbstbewusstes Leben führen. In der veränderten – persönlichen wie auch gesellschaftlichen – Lebenswelt wählen sie eine andere, in der Regel distanziertere Form der Selbstdarstellung. Nicht zuletzt in dieser gewandelten Beziehung zum eigenen Bild eröffnen sich faszinierende, vielschichtige Einblicke in die Geschichte von fünfzehn Jahren deutscher Einheit.

Ich habe aus dem Klappentext zitiert, weil hier in aller Kürze und treffend gesagt wird, worum es geht im Buch. Matthias Flügge hat ein sehr schönes und kenntnisreiches Vorwort geschrieben:

Ohne Zweifel sind die Bilder Zeugnisse einer Komplizenschaft, Zeugnisse von Nähe und Offenheit und zugleich einer Camouflage. Sie zeigen ebenso viel, wie sie verbergen, denn es gehört zum Selbstverständnis dieser Frauen, dass sie nicht nur die Hoheit über ihr Leben und ihren Leib behaupten, sondern auch die über ihr Bild – trotz oder gerade wegen der scheinbaren Freizügigkeit der Blicke, die dem Betrachter gewährt werden.