Posts Tagged: Arbeit

What’s Keeping Women Out of IT?

Frauen sind in der Informationstechnologie unterrepräsentiert. Ihr Anteil hat sich in den letzten Jahren gar verringert, in den USA zum Beispiel von 36% in 1986 auf 17% in 2004. Die Programmiererinnen Ada Lovelace und Admiral Grace Murray Hopper wirken nicht mehr als Vorbild. Hierzulande das gleiche Dilemma, MINT wird vermutlich auch nicht viel ändern.

Warum ist das so? Anna Martelli Ravenscroft nennt in einem sehr interessanten Artikel im IEEE USA Today’s Engineer folgende Gründe: Diskriminierung, geringes Selbstvertrauen, negative Wahrnehmung der IT, geringere Vertrautheit im Umgang mit IT, das Fehlen von Rollenmodellen und Mentoren, das Geek-Stereotyp und letztlich die Selbstdefinition von IT. Das sind in meinen Augen soziologisch motivierte und evidente Erklärungen; der letzte Grund kritisiert die Selbstdarstellung der IT:

Finally, IT is frequently defined too restrictively, excluding or ignoring areas such as Web design, animation, bioinformatics, statistical processing, educational technology, and experimental design. This too-narrow definition tends to exclude those who might otherwise enter through a „non-traditional“ pathway.

s.a. „The EE Gender Gap Is Widening“, dort vor allem die Kommentare!

Digitale Bohème und Grundeinkommen

Holm Friebe hat als Sprecher der Digitalen Bohème Forderungen in Sachen „Von der Grundsicherung zum Grundeinkommen“ formuliert. Er bezeichnet ein bedingungsloses Grundeinkommen als gebotenen zivilisatorischen Standard, ohne das damit ein gutes Leben abgesichert wäre. Das Dilemma sei, dass das Grundeinkommen für die emanzipatorische Politik so etwas sei, wie die „Blaue Blume“ für die Romantik es war: fast alle finden es erstrebenswert – aber gleichzeitig nicht durchsetzbar und praktikabel.

Die meisten Forderungen zielen auf bessere Rahmenbedingungen für Freiberufler und Selbstständige ab. Alle betreffend sind die mir sehr sympathischen Punkte „Abschied vom Normalarbeitstag“ sowie „Freies W-LAN“:

Am besten im gesamten Stadtgebiet. Insbesondere an sozialen Brennpunkten und in Armutsquartieren macht sich die digitale Spaltung als Bildungsgefälle mit allen sozialen Konsequenzen bemerkbar. Gerade für den Problemstandort Berlin würde eine derartige Initiative – nach dem Vorbild der Luftbrücke oder des 100-Euro-Laptops für Afrika – Sinn ergeben. Es wäre ein Schritt, der siechen Hauptstadt auf die Sprünge zu helfen, an dem Infrastruktur-Anbieter, Grosskonzerne, Stiftungen und die öffentliche Hand gemeinsam guten Willen beweisen könnten. Was Tallinn und Malaga können, können wir schon lange.

(via Wir nennen es Arbeit)

Quo vadis, Informatik(-ausbildung)?

Die Wirtschaftsinformatik-Professoren Elisabeth Heinemann (FH Worms) und Erich Ortner (TU Darmstadt) beklagen das Ungleichgewicht, die in ihren Augen falsche Schwerpunktsetzung bei der Informatikausbildung an deutschen Hochschulen. In ihrem Memorandum konstatieren sie ein Verhältnis von 1:10 zwischen daten- / systemzentrierter zu prozessorientierter Informatik in der Wirtschaft, dem ein umgekehrtes Verhältnis von 20:1 in der universitären Ausbildung gegenüberstehe. Dieses Memorandum schließt mit den markigen Worten

Wer heute noch reine Informatik studiert, scheint „mit dem Klammersack“ gepudert zu sein oder daran interessiert, in absehbarer Zeit zum neuen Präkariat zu gehören. […] Überspitzt formuliert sind viele Systeminformatiker in einer ähnlichen Lage wie ein T-Com-Mitarbeiter und gehören somit mittelfristig wohl zu den Verlierern.

Diese Denkschrift bleibt natürlich nicht unerwidert. Die Gegenpositionen der Professoren Oberweis (Karlsruhe), Nagl (Achen), Mayr und Broy (München) kann man unter der Überschrift „Konzentration des Informatikstudiums auf Anwendungsbereiche wäre fatal“ nachlesen.

[UPDATE:] Dazu passt diese Meldung zum Stand der Dinge nach dem Wechsel der „Technischen Informatik“ von Mannheim nach Heidelberg und der Zusammenlegung mit dem Heidelberger Studiengang „Anwendungsorientierte Informatik“.

Weltall Erde Mensch

Der DDR-Jugendweihe-Klassiker „Weltall Erde Mensch“ erlebt ein Revival! Nicht mehr nur lassen sich antiquarische Exemplare via ZVAB finden, das Neue Leben scheint auch noch nicht verloschen zu sein und bringt die Zukunftsprognosen der 1960er neu heraus. Oder doch nicht.

Anyway, Sascha „Wir nennen es Arbeit“ Lobo bringt seine Zukunftsvisionen in „2036“ auf den Punkt. Sehr lesenswert. Und das Lächeln nicht vergessen!

(UPDATE: Postcards Show The Year 2000 [ca 1900], via Haken)

Glücksproduktion

Ich habe das Buch von Holm Friebe | Sascha Lobo: »Wir nennen es Arbeit, Die digitale Bohème oder Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung« gelesen & bedacht und sondere jetzt hier ‚mal so etwas wie ein erstes Resümee ab. Ein erstes nur, denn da ist nichts abzuhaken, das Thema bleibt evident.

Das Buch hat etwas von einem Manifest, einer Bestandsaufnahme, einer Versicherung hinsichtlich des Standes der Dinge. Die Autoren verorten sich und die gesamte digitale Bohème in der Geschichte & im Heute, wissen um die Relevanz ihrer Position in und für die Gesellschaft. Der Text ist eine einzige Feier des Ideals vom selbstbestimmten Leben und Arbeiten, der Aufhebung des Gegensatzes zwischen Leben und Arbeit. Eines Gegensatzes, der meiner Meinung nach die Ursache für viel Unzufriedenheit ist und manch psychische Unbill sein kann. Es kommt im Text zu notwendigen Überspitzungen, die weitgehende Beschränkung auf die digitale Sphäre verstellt nicht den Blick auf die gesamte auch herkömmlich analog bestimmte Sphäre.

Bei der Suche nach Lösungen für die nachindustrielle Arbeitsgesellschaft ist die digitale Bohème schon ‚mal ein Stück vorangegangen, auf Erkundung. Ich bin versucht, dafür den etwas altmodischen Begriff „Avantgarde“ hervorzuholen. Dabei erscheinen die Bobos von einer arrivierten Position aus sicher als unreif, als ewige Kinder, suspekt wegen ihrer zur Schau getragenen Weigerung, „normal“ zu werden und sich einzuordnen. Insofern sind sie auch ein Spiegel, eine wandelnde Kritik an der festgefahrenen und unproduktiven Situation. Dabei, bei dieser Kritik, kommen Muster, Prototypen heraus, die jeder für sich auf Tauglichkeit begutachten mag.

»Wir nennen es Arbeit« ist ein sehr gut geschriebenes Buch, der Text macht Spaß, der dramaturgische Aufbau der Kapitel hat Sogkraft, der häufige Bezug auf aktuelle und historische Quellen bringt oft interessante historische Referenzen zu Tage. Das Spektrum des digitalen Lebens heutzutage wird flächendeckend ausgeleuchtet.

Zum Ende hin, im letzten Kapitel, lässt die Spannung etwas nach. Dort findet sich auch die einzige, unverzeihliche bullshit-artige Worthülse (S. 269)

[…] ist die digitale Bohème in jedem Fall gut aufgestellt.


Arbeiten, wie man leben will

Aus Anlass meines vor 5 Jahren abgebrochenen Selbstexperiments kommt jetzt hier – mit doch etwas Wehmut & Reue – Werbung: Wir nennen es Arbeit. Tusch!

Selbstständigkeit als Subversion?

Ich gestehe, ich war nah dran, mir »Wir nennen es Arbeit. Die digitale Bohème oder: Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung.« von Holm Friede und Sascha Lobo zu kaufen und zu lesen. Mich störte der missionarische Eifer der Kampagne, das Deja vú, wenn ich an die Endneunziger denke und an meinen gescheiterten Selbstversuch. Und so ließ ich es sein.

Es bleibt nach der zufälligen Lektüre von Roman Schmidts Anmerkungen (Lesebefehl!) und Ingo Arends Rezension dabei, ich verkneif‘ mir auch jegliche Polemik.

So richtig Lobos und Friebes Idee ist, dass im Postfordismus die Voraussetzungen gegeben sein könnten, um die ewige Alternative von Lohnarbeit oder Prekarisierung zu durchkreuzen, so richtig bleibt, dass sich derlei schlecht in der künstlerischen Ich-AG herbeibloggen lässt.

Claudia Klinger bloggt über Selbstständig arbeiten: Rationalisierung als Abenteuer jenseits von Bohème.