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Arno Schmidt 100

Aus Anlass des einhundertsten Geburtstages von Arno Schmidt am 18.01.2014 einige Links:

Aus dem Leben eines Fauns

Aus Anlässen blättere ich in einem immerhin 350-Seiten-Paperback:

Arno Schmidt, »Aus dem Leben eines Fauns«. Kurzromane
Reclams Universal-Bibliothek Band 794, 1. Auflage 1981, DDR 2,50 Mark

Mein erster und für noch lange Zeit einziger Schmidt-Band. Drauf gebracht hatte mich im Erscheinungsjahr ein Literaturinstitut-Student im Schlafsaal einer Leipziger Jugendherberge. Damals hatte »Seelandschaft mit Pocahontas« Eindruck hinterlassen – der sich übrigens fast 20 Jahre später mit Theweleits Buch bestätigte.

In einem Nachwort von 25 Seiten bemüht sich Hubert Witt um Vermittlung: Arno Schmidt für Leser.

Von der Seelandschaft zum Schauerfeld

… Paddler Schmidt & Pocahontas have a rather new affair … on the Dümmer Water…
Klaus Theweleit, »Pocahontas IV«, S. 65


Ich lese gerade, nicht immer und mit Pausen, »Zettel’s Traum«. Das Schauerfeld steht im Titel des ersten Buches, schauerfeld ist auch der Titel eines Blogs: Schriftsteller, Kritiker, Wissenschaftler lesen Arno Schmidts »Zettel’s Traum«. Das Ganze hat noch einen gewissen spektakulären Hauch, ist doch Schmidts 1970 veröffentlichtes Hauptwerk im Oktober erstmals in gesetzter Form erschienen. Die Blog-Posts auf schauerfeld sind sehr unterschiedlich, teils euphorisch bis zur Nachahmung des Schreibstils, teils distanziert und / oder ratlos, teils ablehnend und von Unverständnis getragen. „Mief der Sechzigerjahre“ ist ein auftauchender Kampfbegriff.

Ich bin neugierig, habe aber keine Ahnung. Und ich habe, mit einer Ausnahme, keine Sekundärliteratur zu Arno Schmidt gelesen. Doch meine ich ganz konservativ, dass man einen Text zu allererst im Kontext der Entstehungszeit sehen sollte, ehe man ein möglicherweise fortdauerndes oder anhaltendes Wirken vermessen will.

Die Ausnahme ist: »„you give me fever“: Arno Schmidt. Seelandschaft mit Pocahontas. Die Sexualität schreiben nach WW II«. Klaus Theweleit (und Martin Langbein) analysierte(n) Ende der 90er Jahre Schmidts 1955 erschienene Erzählung vor dem im Untertitel genannten Hintergrund. Für ihn demonstriert Schmidt in »Seelandschaft mit Pocahontas« exzellent,

daß es in der Politik der Körper allein die Wiederaufnahme der von den Nazis unterbrochenen sexuellen Emanzipation ist, die den Nazismus „auslöschen“ kann.

Klaus Theweleit sieht Arno Schmidt gar an Heinrich von dem türlîn anknüpfen, und so zitiert er allen Kritikern die da meinen, Schmidt könne eher schlecht als recht über Sexuelles schreiben, dessen seiner Meinung nach „zärtlichste aller Körperberührungsstücke aller Literaturen“ – die erzählte Situation des „Einkremens nach dem Sonnenbrand“.

(…da iss er nich so gut drin? – dann mach ma besser!…)


Frankfurter Buchmesse 2010

Unser Lebm besteht, weitgehend, in der Verarbeitung von Initial=Torheitn in End=Unvernünftijes
Arno Schmidt, »Zettel’s Traum«, S. 495


Wieder ist ein Jahr ’rum, wieder war Buchmessezeit, also stand am samstäglichen Publikumstag ein kleiner Rundgang an. Gespannt auf manches Gesuchte und auf Unvorhergesehenes, mäanderte ich eigentlich nur zwischen den Hallen 3 und 4 hin und her. Eine ganz subjektive Auslese, in etwa dieser zeitlichen Reihenfolge erlebt.

Los ging es in Halle 4, dort, wo zumeist die kleinen unabhängigen Verlage das Bild bestimmen. Der Schweizer Nimbus-Verlag hatte in seiner Koje ein Buch zu stehen, dass mich sofort fesselte: Karl Corino, »Erinnerungen an Robert Musil«. Es sind unglaublich viele Texte von Musil-Augenzeugen, die in diesem dicken Band (512 Seiten) versammelt sind und in der Summe ein facettenreiches, authentisches Bild des Mannes mit den vielen Eigenschaften zeichnen.

Am Stand des Schweizer Buchhändler- und Verlegerverbandes geriet ich in eine Buchvorstellung, in ein sehr interessantes Gespräch, das ein Moderator mit Thomas Maissen und Bernd Roeck über die »Geschichte der Schweiz« führte. Die Übersichtsdarstellung stammt vom Schweizer Maissen, der Professor für neuzeitliche Geschichte an der Uni Heidelberg ist, der Gesprächspartner Roeck kommt aus Süddeutschland und ist Professor für neuere Geschichte an der Uni Zürich. Und so war es eine gute Gelegenheit, Gründe für immer ’mal wieder aufbrechende gegenseitige Ressentiments, Projektionen, Missverständnisse usw. zwischen Deutschen und (Deutsch-)Schweizern erklärt zu bekommen, ansatzweise zu verstehen.

Der Kulturverlag Kadmos feiert derzeit sein 15jähriges Bestehen mit einem Special: Für jedes Jahr wird ein »Buch des Jahres« präsentiert. Für das Jahr 1997 ist es Charles Babbages Autobiografie, »Passagen aus einem Philosophenleben«. Die Bedeutung des britischen Gelehrten und Erfinders für die Mathematik und Computerwissenschaften kann man nicht bezweifeln, zumindest in diesem Buch jedoch kann man der Darstellung der Rolle seiner Mitarbeiterin und Programmiererin Lady Ada Lovelace (Augusta Ada King Byron, Countess of Lovelace) für seine Arbeiten an der ersten mechanischen Rechenmaschine eine beträchtliche Ignoranz zuschreiben. Sie wird nur einmal, nur in einem Zusammenhang erwähnt – das Buch hat über 320 Seiten. (Dafür kann Kadmos nichts.)

Auch Suhrkamp hat seinen Messestand in Halle 4, vielleicht ist das noch ein Fixpunkt des Verlages. Und dort fällt natürlich das Fest auf, das die Bargfelder Arno Schmidt Stiftung im Suhrkamp Verlag feiert, ist doch »Zettel’s Traum« endlich in gesetzter Form erschienen! Längeres ehrfürchtiges, amüsiertes, freudiges, kopfschüttelndes Blättern und An-Lesen, Kennenlernen des Apparates, ein kurzes Anheben des 7kg-Werkes waren also angesagt. Das war’s dann aber auch schon, schließlich kommt bald eine reale Ausgabe ins Haus…

Daten Räume

Daten brauchen Platz, ihnen zugewiesene Räume. Dabei spielt es keine Rolle, ob man diese Daten wirklich braucht. Wer will das schon zu gegebener Zeit für alle anderen Zeiten entscheiden? Das hat architektonische Folgen, die BLDGBLOG im Fokus hat:

Wir brauchen Textbunker, gigantische Lagerhallen für Bücher: The Future Warehouse of Unwanted Books. Und auch die digitalen Daten brauchen mehr und mehr Platz: Server Rooms and the Future of Humanism. – Und beide Speicher verbrauchen Energie…

Wie bescheiden stellt sich dagegen Luhmanns Zettelkasten dar, der nach jahrelangem Erben-Streit nun der Wissenschaft zur Verfügung steht. Das weiß Jürgen Kaube in der gestrigen FAZ über eine Vorbesichtigung zu berichten:

Es sind nur vierundzwanzig unauffällige Schubladen, aber es ist eines der sagenumwobensten Geräte der jüngeren Wissenschaftsgeschichte. Denn Zettelkästen gibt es viele, doch aus diesem ist eine ganze Gesellschaftstheorie hervorgegangen.

Natürlich sind Luhmanns Zettelkästen, oder der von Arno Schmidt, oder selbst der Klassifikationsschrank eines Linné, wegen der Verweise und Verschlagwortung vorweggenommene, in der analogen Welt machbare WissensDatenBanken, eine Art Vorläufer der Wikis.

In diesem Sinne interessiert mich am Blog der Zettelkasten.

(s.a. Desideratum général)