Posts Tagged: Bildung

Digitale Demenz

Martin Lindner zieht auf Google+ eine Zwischenbilanz zu Martin Spitzers »Digitale Demenz«. In überarbeiteter Fassung steht der Text bei CARTA, die Diskussion geht jedoch bei Google+ weiter.
(UPDATE)

Sangrado oder das Konzept Fürstenerziehung

Im letztens hier erwähnten Essay »Sangrado« von J. M. R. Lenz spricht dieser fiktiv die Kardinäle Richelieu und Fleury in ihrer Rolle als „Fürstenerzieher” (Ludwig der XIII. bzw. Ludwig der XVI.) an.

Das erwähnte Zitat im Wortlaut:

Die Erziehung ist seit einiger Zeit die Lieblingsangelegenheit unsers Jahrhunderts geworden, und was ist schmeichelhafter für den menschlichen Eigendünkel und für die menschliche Schwachheit zugleich, als die Triebe und Kräfte vernünftiger Wesen zu lenken, die, an dem Anfange ihrer Entwicklung, den Widerstand noch nicht leisten können, den man bei Wesen von schärferer Einsicht und tätigerem Willen befürchten muß. Da der Mensch von Natur eher befehlen als gehorchen mag, so tritt er mit einer Menge moralischer Maximen, die meist nicht durch eigene Erfahrung erworben worden, über und über gepanzert auf die Bühne, und der schmeichelhafte Wahn, der Gesetzgeber einer Nachwelt zu werden, sollte er sie auch gleich, wie Lysander, nur durch Spiele und Eidschwüre betrügen, lässt ihn über alle Urteile einsichtsvoller Zeitgenossen stolz hinaussehen. Diese Helden der Erziehung würde ich gerne in ihrem Werte lassen, wenn sie uns einen bestimmten und vernünftigen Zweck anzugeben wüssten, nach welchem sie erziehen. Da es aber scheint, daß sie nur das Ideal ihrer eigenen Person zu diesem Zwecke erheben, […] Der Erzieher eines Prinzen zu werden, ist freilich eine sehr schmeichelhafte Idee, da der Prinz im Grunde der Erzieher eines ganzen Volkes, einer halben Welt ist. Was kann kühner sein, als durch moralische und metaphysische Kräfte das Primum movens einer Maschine zu werden, deren Wirkungen unendlich sind.

Quelle: Jakob Michael Reinhold Lenz, Sangrado. In: J. M. R. Lenz, Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Franz Blei. Band 5. München: Müller 1913, S. 305-306

Sangrado

»Sangrado« von J. M. R. Lenz soll nach Heinrich Bosse ein „obskurer Bildungsessay“ sein. Das klingt schon ‚mal interessant. Im Interview (Merkur 759) macht er folgende Aussage zu seinen im Herbst 2012 erscheinenden Aufsätzen »Bildungsrevolution 1770-1830« und gibt en passant den erklärenden Hinweis:

[…] ein Grundthema dieser Aufsätze ist: Erziehung zum Fortschritt. Ich sehe Fortschritt als eine Veranstaltung der Erziehungseinrichtungen und Bildungsdiskurse. Ich habe mich manchmal gefragt, ob man nicht doch die Frage stellen sollte, warum sich die aufgeklärten Autoren so willfährig beteiligen. Es klingt vielleicht wie Hosentaschenpsychologie, aber im Grunde geht es um die Frage nach der Macht, die wir von Foucault gelernt haben, nach der Macht der Beamten und Autoren. Ich denke, indem die aufgeklärten Männer Bücher schreiben und ihren Lesern die Bereitschaft zum Fortschritt einimpfen, erhalten sie eine ungeheure menschenformende Kraft. Das ist viel besser als Regieren. Aber der einzige Autor, von dem ich weiß, dass er das auch sagt, ist J. M. R. Lenz in einem obskuren Erziehungsessay. Ich denke jedenfalls, es ist eine Machterweiterung der Intellektuellen oder Autoren, den Leuten sagen zu können, wie sie sich verhalten oder fühlen sollten, um den Fortschritt zu bewirken.

Bosse nennt als Quelle: Jakob Michael Reinhold Lenz, Sangrado. In: J. M. R. Lenz, Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Franz Blei. Band 5. München: Müller 1913.

Das stimmt mit der Angabe der Forschungsstelle J. M. R. Lenz an der Universität Mannheim überein, wobei dort eine Einzelpublikation genannt wird: Sangrado. Eine Schutzschrift wider Irrthümer und Augenschwächen. An die beyden verkannten grossen Männer unserer Zeit.
In: Für Leser und Leserinnen. Zweyter Band. Siebentes bis Zwölftes Heft. December 1780 bis May 1781. Mitau, gedruckt bey Johann Friedrich Steffenhagen. [Stücktitel:] Für Leser und Leserinnen. Zehntes Heft. März 1781. Mitau, gedruckt bey Johann Friedrich Steffenhagen. S. 249-267.
Mit „L*.“ unterzeichnet. – Der Text wird Lenz zugeschrieben von Franz Blei (Hrsg.): Jakob Michael Reinhold Lenz: Gesammelte Schriften. Bd. 5. München, Leipzig: Müller 1913, S. 299-312, 392. – UZ

Die Mainzer Stadtbibliothek hat die weitaus ältere dreibändige Ausgabe, herausgegeben von Ludwig Tieck, Berlin 1828, im Bestand. Dort ist »Sangrado« leider nicht enthalten.

Aus dem g+-Universum (2) oder University 2.0 – bottom up or not at all

Einige spannende Posts mit teils zahlreichen Kommentaren und weiterführenden Links aus meinem Stream bei Google+ seien hier dokumentiert.

Erneut, weil inzwischen mehr Kommentare enthaltend, der Post von Gunter Dueck über Gegenwart und Zukunft virtueller Universitäten (22.12.2011).

Er spitzt zu: die etablierten Hochschulen sind zu Innovation in der Lehre nicht in der Lage, deren Versuche sind ohne Biss, hilflos. – Ich sehe Einzelbeispiele, die das stützen, denke, er hat Recht.

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Dieser Thread wurde übrigens ursprünglich von Frank Krings angestoßen, auch dort geht die Diskussion weiter. Er fragt in einem anderen Post, auf Apples Initiative abhebend: Kommt jetzt vor der YouTube-University die iTunes University?

Der Research-Professor @ Stanford Sebastian Thrun hat nach den positiven Erfahrungen mit seinen online-Kursen seinen Tenure Track aufgegeben (Jedenfalls sagt er das in diesem Vortrag auf dem DLD 2012) und baut jetzt Udacity.com auf.

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Christoph Kappes: Ich lese immer folgenden Satz „Transparenz schafft Vertrauen“. Stimmt der? (04.01.2012)

Dolmetscher der technologischen Intelligenz

Es ist an der Zeit, die digitale Revolution […] in ihrer ganzen Wucht zu erkennen. […] Die Informatiker müssen aus den Nischen in die Mitte der Gesellschaft geholt werden. Sie müssen die Scripts erklären, nach denen wir handeln und bewertet werden. Was ist voraussagende Suche und was kann sie? Was ist „profiling“? Wer liest uns, während wir lesen? Technologien sind neutral, es kommt darauf an, wie wir sie benutzen. Um das zu können, brauchen wir Dolmetscher aus der technologischen Intelligenz.

Quelle: Frank Schirrmacher, FAZ vom 23.01.2010, faz.net


Du mußt dein Leben ändern | Payback

Dies ist ein mitreißendes, philosophisches Poem von Durs Grünbein: »Vom Schnee oder Descartes in Deutschland«. Es war im Winter 1619, als Descartes und sein Diener in einem Kaff bei Ulm frierend festsaßen, angesichts des später so genannten Dreißigjährigen Krieges. Grünbein lässt Descartes im Selbstgespräch und nach langem Abwägen sagen:

Du mußt, René, dein Leben ändern.

Das war, aus Descartes‘ Perspektive, fast 300 Jahre vor Rainer Maria Rilkes Finale im Gedicht »Archaïscher Torso Apollos«, aus der Grünbeins immer noch gut 6 Jahre vor Sloterdijk und Schirrmacher.

Aber das ist nicht so wichtig, dieser Imperativ soll ja, seit Rilke in den allgemeinen Zeitgeist eingeflossen sein.

Aber in Wahrheit waren es die Mathematiker, die René Descartes‘ Satz »Der Körper wird den Geist immer beim Denken behindern« am meisten zustimmen konnten.

So steht’s in Frank Schirrmachers neuem Buch »Payback«, und das Zitat benennt ganz gut die Voraussetzungen für den aktuellen Wandel in unserem Verhältnis zum / mit dem Computer, mit dem Netz, in das unser Denken immer mehr auswandert, die Übergänge verwischen. Schirrmachers Buch ist kein Pamphlet gegen Computer, im Gegenteil, er sieht die Informationstechnologie als etwas an, dass zum Spannendsten gehört, was unsere Generation erleben kann. Dafür bringt er viele Beispiele. Und da er diagnostiziert: Unsere Werkzeuge verändern unsere Umwelt, vor allem aber verändern sie uns selbst, schreibt er mit der Überzeugung, der zufolge wir heute in den Lehrbüchern der Informatik nachschauen sollten, wenn wir etwas über unsere geistige Abstammung erfahren wollen. Schirrmacher hat mehr als einen Blick in Bücher, Studien und Paper gewagt, hat mit wissenschaftlichen Koryphäen verschiedenster Fakultäten geredet. (Damit ist er gedanklich weiter, sieht mehr Zusammenhänge und potenzielle Entwicklungen als seine meisten Rezensenten, die kaum die Oberfläche der Ich-Erschöpfung durchdringen und den Text spätestens beim Wort Aufmerksamkeitsstörung abhaken. Es ist übrigens auch kein Buch gegen Google, gegen das Internet. Im Gegenteil, man muss nur lesen können.)

Ach ja, im zweiten Teil, nach der Diagnose, kommt dann der Aufruf zum Üben, zum Trainieren, zum Leben-Ändern, damit wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen können. Die Argumentation erscheint mir schlüssig, wenn Schirrmacher zeigt, was nur wir als unvollständige, fehlerhafte und schöpferische Wesen können. Überraschende Perspektivwechsel, Fehlertoleranz, der souveräne Umgang mit Unsicherheiten gehören dazu. Dazu muss man den Muskel, also die Willenskraft stärken. […] Es geht um Krafttraining für den Muskel der Selbstkontrolle. Und es geht um die Bildung der Zukunft, um eine qualitativ andere Bildung, die lehrt, Computer zu nutzen, um durch den Kontakt mit ihnen das zu lehren, was nur Menschen können.

Ob das allein, und wozu eigentlich, hilft?

Kursiver Text: Zitate aus Frank Schirrmacher, Payback, München 2009


Anmerkungen zu Dahrendorf

Zwei kurze Anmerkungen aus Anlass des Todes von Ralf Dahrendorf in der zu Ende gehenden Woche, mit Bezug zur Diskrepanz zwischen der medialen Huldigung einerseits sowie der Ignoranz gegenüber den von ihm vertretenen Ideen andererseits.

1. Auch mit sprachlicher Verwirrung hat es zu tun, dass man in Dahrendorf einen großen Liberalen ehrt, die Denkrichtung Liberalismus aber alltäglich und fast überall denunziert. Während das Sozialdemokratische und das Konservative in beiden größeren Parteien sich munter durchmischt und kaum noch auseinanderzuhalten ist, leugnen das die Protagonisten mit einer kaum unterdrückten Tendenz zum Lagerwahlkampf. Einig ist man sich aber im verbalen Einschlagen auf den Liberalismus, wobei man den 1938 unglücklich gewählten Namen einer der Strömungen zum politischen Schlagwort umfunktioniert hat, alles in einen Topf wirft, ohne eine Ahnung zu haben, was es eigentlich bedeutet. (Und damit nebenbei die eigene Geschichte nach ’45 herabwürdigt.) „Neo“ ist einfach schlecht, wir wissen das von anderen Ismen mit dieser Vorsilbe. – Ach, wenn diese Dummschwätzer doch wenigstens Wikipedia-Bildung hätten!

2. Dahrendorf ist während seiner Konstanzer Zeit auch einer der Architekten des „Hochschulgesamtplanes“ gewesen. Er plädierte schon damals dafür, ein „Bakkalaureus“ genanntes 6-semestriges Kurzstudium einzuführen. – 40 Wochenstunden Workload, Übergang zum „Langstudium“ nur bei guten Prädikaten, Doktor-Studium, frühere Einschulung, kürzere Schulzeit, früherer Übergang ins Berufsleben usw., alles begründet mit den gleichen oder ähnlichen, durchaus plausiblen Argumenten, die man heute noch für den Reformprozess hört. – „Verblüffende Visionen vor 40 Jahren“ titelt der SpOn seine spannende Zeitreise. Das was man dort Kluges lesen kann, dürfte Wasser auf die Mühlen mancher Bildungsstreiker und naiver Humboldt-Anbeter sein: wussten sie’s doch schon immer , dass die Neoliberalen Schuld an ihrem Dilemma sind.