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Biolumineszierte Städte

„Das Neandertal-Experiment war zugleich der Höhe- und der Tiefpunkt der genetischen Revolution. Ein Erfolg war es insofern, als es gelang, diesen längst ausgestorbenen Cousin des Homo sapiens zurückzuzüchten, gleichzeitig aber auch ein Fehlschlag, weil die Wissenschaftler […] nicht weitsichtig genug gewesen waren, um zu begreifen, dass eine neue menschliche Spezies erhebliche soziale Probleme in der Welt auslösen musste, die solche Wesen seit dreißigtausend Jahren nicht mehr gesehen hatte […] Der Homo sapiens erwies sich als höchst un-sapiens.“
Gerhard von Squid, »Neandertaler. Rückkehr nach kurzer Abwesenheit«
Jasper Fforde, »In einem anderen Buch«


Die EDGE Foundation hat eine Summer Class zu Systembiologie, zu synthetischer Genomik abgehalten. Das ist sicher ein spannendes Thema, man kann sich dort auf der EDGE-Website schlau machen, worum es geht. FAZ und SZ berichteten ausführlich, haben offensichtlich überhaupt ihr Ohr an der Leitung. In der FAZ beschreibt Ed Regis unter der etwas reißerischen Überschrift „Der aktuelle Katalog der Schöpfung ist da“ ziemlich sachlich und unaufgeregt angedachte, auf der Konferenz vorgestellte und durchaus vorstellbare Szenarien. Wollhaarmammuts und Neandertaler gehören dazu. – Die meisten Bedenkenträger sind offensichtlich in den Ferien, der Aufschrei (Es kömmt darauf an, die Welt zu interpretieren, nicht sie zu verändern!) hielt sich in Grenzen.

Jasper Fforde imaginiert mit seinen Thursday-Next-Romanen ein Großbritannien, in dem Mammutherden durch die Lande ziehen und bestaunt werden, in dem Neandertaler – die Rückzüchtung war zwar ein wissenschaftlicher Erfolg, die vorgesehene Nutzung als Versuchsobjekt ethisch aber nicht durchsetzbar – als billige Arbeitskräfte und beliebtes Steuerabschreibungsobjekt fungieren. Das war Anfang des Jahrtausends.

Gestern nun lese ich einen sehr interessanten, von Sebald (»The Rings of Saturn«) sowie Glühwürmchen inspirierten Beitrag von Geoff Manaugh in seinem BLDGBLOG: The Bioluminescent Metropolis. Er fragt sich, was wäre, was sein könnte, wenn Architekten, Landschaftsarchitekten und Industriedesigner das Potenzial biolumineszierender Organismen in ihre Entwürfe und zu realisierenden Projekte einbeziehen würden.

Perhaps there really will be a way to using glowing vines on the sides of buildings as a non-electrical means of urban illumination.

Eine biolumineszierende Tabakpflanze, Bild via Wikivisual

Wer jemals in einer Höhle war und dort die leuchtenden Kolonien von Pilzmücken (glow worms) erlebt hat, versteht vielleicht auch die abschließende Vision des Manaughs:
But what if a city, particularly well-populated with fireflies (so much more poetically known by their American nickname of lightning bugs) simply got rid of its public streetlights altogether, being so thoroughly drenched in a shining golden haze of insects that it didn’t need them anymore? You don’t cultivate honeybees, you build vast lightning bug farms. How absolutely extraordinary it would be to light your city using genetically-modified species of bioluminescent nocturnal birds, for instance, trained to nest at certain visually strategic points – a murmuration of bioluminescent starlings flies by your bedroom window, and your whole house fills with light – or to breed glowing moths, or to fill the city with new crops lit from within with chemical light. An agricultural lightsource takes root inside the city. Using bioluminescent homing pigeons, you trace out paths in the air, like GPS drawing via Alfred Hitchcock’s »The Birds«. An office lobby lit only by vast aquariums full of bioluminescent fish! Bioluminescent organisms are the future of architectural ornament.

Irgendwie ist mir das viel sympathischer als Mammuts und Neandertaler.

Das Lustprinzip

Seit mindestens 2006 beobachte ich Geoff Manaugh’s BLDGBLOG, erfreue mich an zahlreichen Beiträgen in Sachen »architectural conjecture :: urban speculation :: landscape futures«. [1] Jetzt ist das Buch zum Blog erschienen, und es ist ein Genuss, darin zu blättern und zu lesen!

In der Einleitung des Buches erklärt Manaugh natürlich auch, wie es dazu kam, warum er das BLDGBLOG startete.

While my initial impulse might have been to complain – noting every little thing about the world that bothered me – I decided, in fact, to do the opposite: I made a conscious decision to write only about the things that interested me. […] BLDGBLOG is organized around one thing only: the pleasure principle. […] Talk about Chinese urban design, the European space program, and landscape in the films of Alfred Hitchcock in the span of three sentences – because it’s fun, and the juxtapositions might take you somewhere. Most importantly, follow your lines of interest.

Wenn das kein Erfolgsrezept ist, was dann?

[1] Man kann das überprüfen.


The BLDGBLOG Book

Ich erwarte nach langer Vorbestellzeit ein Buch. Ein spezielles Buch, denn es ist die gedruckte Ausgabe eines Webprojektes, des BLDGBLOGs von Geoff Manaugh, dass ich seit ein paar Jahren beobachte. Ich bin überzeugt, dass es nicht redundant zum Web ist, dass es sich lohnt, das Buch in die Hand zunehmen und dazu im Web die Inhalte verfügbar zu haben. In der englischsprachigen Welt scheint die Auslieferung zu laufen, amazon.uk, wo bleibt mein Exemplar?

Daten Räume

Daten brauchen Platz, ihnen zugewiesene Räume. Dabei spielt es keine Rolle, ob man diese Daten wirklich braucht. Wer will das schon zu gegebener Zeit für alle anderen Zeiten entscheiden? Das hat architektonische Folgen, die BLDGBLOG im Fokus hat:

Wir brauchen Textbunker, gigantische Lagerhallen für Bücher: The Future Warehouse of Unwanted Books. Und auch die digitalen Daten brauchen mehr und mehr Platz: Server Rooms and the Future of Humanism. – Und beide Speicher verbrauchen Energie…

Wie bescheiden stellt sich dagegen Luhmanns Zettelkasten dar, der nach jahrelangem Erben-Streit nun der Wissenschaft zur Verfügung steht. Das weiß Jürgen Kaube in der gestrigen FAZ über eine Vorbesichtigung zu berichten:

Es sind nur vierundzwanzig unauffällige Schubladen, aber es ist eines der sagenumwobensten Geräte der jüngeren Wissenschaftsgeschichte. Denn Zettelkästen gibt es viele, doch aus diesem ist eine ganze Gesellschaftstheorie hervorgegangen.

Natürlich sind Luhmanns Zettelkästen, oder der von Arno Schmidt, oder selbst der Klassifikationsschrank eines Linné, wegen der Verweise und Verschlagwortung vorweggenommene, in der analogen Welt machbare WissensDatenBanken, eine Art Vorläufer der Wikis.

In diesem Sinne interessiert mich am Blog der Zettelkasten.

(s.a. Desideratum général)

Berlin 2071

Noch ist der Winter in Berlin ziemlich kalt, zumindest für deutsche Verhältnisse. Der sibirische Einfluss ist deutlich spürbar, besonders wenn der Wind einem in den Straßenschluchten um die Ohren pfeift. (Ich hab’s noch nicht vergessen.)

Aber das ändert sich ja, so viel ist gewiss. Wieviel es wann sein wird, weiß natürlich niemand – aber alle publizieren fleißig Prognosen. Die folgende, kühne hat es mir wegen der Visualisierung angetan:


Bildquelle: guardian.co.uk

Die europäischen Hauptstädte sind von Wissenschaftlern der Bremer Universität entsprechend ihrem prognostizierten Klima neu platziert worden.

We wanted to translate the information we get from climate models in a way that is easy to understand. It can be hard to appreciate what a three degree rise means, but people can look at this and really grasp the scale of some of the changes.

Berlin in Nordafrika, unglaublich.

(via BLDGBLG)

Spaghetti-Kreuzungen

Oh, das ist ganz nach meinem Geschmack!



This is a set of 25 ceramic tiles. The patterns are based on satellite imagery of major highway interchanges that have been built worldwide. These interchanges are some of the most expensive public works projects that take place which we simply take for granted. However, as seen from space they are beautifully complex and graceful. Materials: 15″ x 15″ white ceramic tiles with black glaze. The set includes of the largest interchanges worldwide.

Quelle: 100% tiles von Jim Termeer bei designboom.com, via BLDGBLOG

Tativille

Tilda Swinton stellt Jacques Tati an den Anfang ihres The State of Cinema. Und wer „Playtime“ gesehen hat, wird, muss das – Tatis Rang – verstehen.

BLDGBLOG brachte unlängst einige Fakten über den eigentlichen Star des Films, den aufwändig gebauten Set. (Man achte auf die vielleicht eine Sekunde dauernde „Spiegelung des Eifelturmes“ in der Glastür.) Tatis Akribie und Perfektion, der schonungslose aber nicht diffamierende Blick auf Mensch und Architektur…

Ich muss ‚mal wieder die DVD einlegen.