Posts Tagged: Bologna-Prozess

Anmerkungen zu Dahrendorf

Zwei kurze Anmerkungen aus Anlass des Todes von Ralf Dahrendorf in der zu Ende gehenden Woche, mit Bezug zur Diskrepanz zwischen der medialen Huldigung einerseits sowie der Ignoranz gegenüber den von ihm vertretenen Ideen andererseits.

1. Auch mit sprachlicher Verwirrung hat es zu tun, dass man in Dahrendorf einen großen Liberalen ehrt, die Denkrichtung Liberalismus aber alltäglich und fast überall denunziert. Während das Sozialdemokratische und das Konservative in beiden größeren Parteien sich munter durchmischt und kaum noch auseinanderzuhalten ist, leugnen das die Protagonisten mit einer kaum unterdrückten Tendenz zum Lagerwahlkampf. Einig ist man sich aber im verbalen Einschlagen auf den Liberalismus, wobei man den 1938 unglücklich gewählten Namen einer der Strömungen zum politischen Schlagwort umfunktioniert hat, alles in einen Topf wirft, ohne eine Ahnung zu haben, was es eigentlich bedeutet. (Und damit nebenbei die eigene Geschichte nach ’45 herabwürdigt.) „Neo“ ist einfach schlecht, wir wissen das von anderen Ismen mit dieser Vorsilbe. – Ach, wenn diese Dummschwätzer doch wenigstens Wikipedia-Bildung hätten!

2. Dahrendorf ist während seiner Konstanzer Zeit auch einer der Architekten des „Hochschulgesamtplanes“ gewesen. Er plädierte schon damals dafür, ein „Bakkalaureus“ genanntes 6-semestriges Kurzstudium einzuführen. – 40 Wochenstunden Workload, Übergang zum „Langstudium“ nur bei guten Prädikaten, Doktor-Studium, frühere Einschulung, kürzere Schulzeit, früherer Übergang ins Berufsleben usw., alles begründet mit den gleichen oder ähnlichen, durchaus plausiblen Argumenten, die man heute noch für den Reformprozess hört. – „Verblüffende Visionen vor 40 Jahren“ titelt der SpOn seine spannende Zeitreise. Das was man dort Kluges lesen kann, dürfte Wasser auf die Mühlen mancher Bildungsstreiker und naiver Humboldt-Anbeter sein: wussten sie’s doch schon immer , dass die Neoliberalen Schuld an ihrem Dilemma sind.

Auf’m Campus #16 (Was ist Bildung?)

Der AStA startet morgen mit einer Ringvorlesung zum Thema „Was ist Bildung?“, der Untertitel ist „Was heißt und zu welchem Ende studiert man … ??“ – Der Untertitel klingt etwas sperrig, einige der Themen an den nächsten acht Dienstage sind aber sehr interessant. (Klick auf’s Bildchen vom Plakat.)

„Jeder Student und jede Studentin haben ein notwendiges Interesse daran, nicht nur zu wissen, was die Hochschule zum Zweck hat, sondern auch, auf welcher Theorie dieser Zweck steht. Schließlich stehen auch sie vor der Frage, was ist Bildung und was heißt es, zu studieren?“


Humboldt in Bologna?

Bologna ist der namengebende Ort für einen europäischen Prozess, der die Hochschullandschaften radikal verändert (hat): Umstellung auf Bachelor / Master, studienbegleitende Prüfungen, Credit Points, Konzeption der Studiengänge vom Workload her, Ausrichtung auf die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen, auf „employability“ sowie schließlich ein etwas merkwürdiges qualitätssicherndes Akkreditierungssystem. Wilhelm von Humboldt prägte Anfang des 19. Jahrhunderts die klassische deutsche Universitätsidee, wozu auch die Rede von der „Einheit von Forschung und Lehre“ gehört. Der Bologna Prozess soll dafür sorgen, dass die Hochschulen dem Umstand Rechnung tragen können, dass heute weitaus mehr Studenten einen Abschluss begehren als noch in den 60er Jahren1), vor allem um im späteren Berufsleben eine größere Chance zu haben. Hinter Humboldt verschanzen sich die Bewahrer einer alten elitären Idee, die funktioniert hat, als man noch weitgehend „unter sich“ war, als fast nur Kinder aus bildungsbürgerlichem Hause studierten, vornehmlich um im Bildungswesen Berufskarriere zu machen, als die kulturelle Hegemonie des Bildungsbürgertums noch ungebrochen war.

Der Soziologe Uwe Schimank entlarvt in einem ausführlichen, lesenswerten Diskussionsbeitrag den Streit Bologna vs. Humboldt als Interessenskonflikt zwischen gesellschaftlichen Gruppen: „Humboldt: Falscher Mann am falschen Ort“.

Zusammengefasst: Humboldt lieferte die Ideologie derer, die ihren gesellschaftlichen Statuserhalt als relativ privilegierte Gruppe sichern wollten; Bologna hingegen ist die Ideologie derer, die sozialen Aufstieg durch akademische Bildung bewerkstelligen wollen. Doch dieser Konflikt ist bis heute von den ihn austragenden gesellschaftlichen Gruppen ebenso wie von den sie repräsentierenden politischen Kräften weitgehend unthematisiert geblieben. Man hat von Anfang an so getan, als gebe es ihn gar nicht.

Nebenbei kennzeichnet Schimank übrigens die Rede von der „Einheit von Forschung und Lehre“, dieses oft bemühte Humboldt-Ideal, als Euphemismus: niemand war an guter Lehre interessiert, weder die Professoren noch die Studenten. Unverständlichkeit etc. galt als Zeichen von Wissenschaftlichkeit, stärkte das Zugehörigkeitsgefühl, hatte systemerhaltende Funktion.

Wieder spricht also ein Soziologe mit demokratischem Gesellschaftssinn über die Hochschulreform; vor etwas über einem Jahr las und zitierte ich hierzu schon Dirk Baecker zur „nächsten Hochschule“2).

Pragmatiker sagen zum Bologna Prozess übrigens: nur kein roll back, aber ein paar Jahre Ruhe zur Konsolidierung sind unabdingbar!

1) 1966, in dem Jahr als die Beatles ihr letztes Konzert in den USA gaben, begann der Wissenschaftsrat eine Hochschulreform zu fordern. Mit dem Bologna Prozess wurde etwa 30 Jahre später diese gestartet.
2) Dirk Baecker, Studien zur nächsten Gesellschaft, Suhrkamp, stw1856, 2007, S. 98-115


Bildung der Zukunft

Eigentlich wäre es ja nicht schlecht, wäre die Bildung der Gegenwart nicht schlechter als die Bildung der Vergangenheit. Und die Bildung der Zukunft besser, als Erstere. Das sind so Allgemeinplätze, aber diese Plätze sind im Zeitalter des Lean Brain Managements (Gunter Dueck) verwaist; einzig Effizienz zählt noch: Abiquoten, Übergangsquoten hoch, Durchlaufzeiten ‚runter. Das ist Mainstream.

Am letzten Freitag, das Jahr noch jung, steht ein lesens- und empfehlenswerter Text von Jürgen Kaube in der FAZ. Kaube polemisiert zu Recht gegen die bildungspolitischen Sonntagsreden, die Bildung fast immer nur unter dem Aspekt sehen, für die Wirtschaft passgenaue Arbeitskräfte zu modellieren. Solche Allgemeinplätze reden vom „Investieren“ in „unsere Köpfe“ und sehen „Handlungsbedarf“, um diverse „Kompetenzen“ zu fördern, die ja alle „wichtiger denn je“ seien – und Schüler doch nur zur Karrierefähigkeit dressieren sollen. Wie wichtig Bildung den Politikern ist, sieht man auch daran:

Herzblut und Bologna

Studiengebühren werden von Befürwortern als Regelgröße angesehen, über die man Einiges beeinflussen kann. Neben fragwürdigen Effekten wie die Selektion, wirken Gebühren im Allgemeinen und vor allem bei den Studierenden, die es „nicht so happig“ haben, auch auf die Intensität, mit der studiert wird. Man kann sich ein spätes Umorientieren oder ein Bummeln nicht mehr leisten.

Eine andere Regelgröße sei Herzblut, Leidenschaft. Das meint Gunter Dueck in seiner Kolumne Dueck-ß-Inside (Dezemberheft Informatik Spektrum, online [non-public] im Oktober publiziert). Darinnen geht es um die vielerorts gezogene, ernüchterte Zwischenbilanz im Bologna Prozess.

Die Professoren wollten das Projekt nie, weil sie sich vorher und hinterher nicht für die Lehre stark interessieren. Die Studenten wollten eine bessere Ausbildung und interessante Vorlesungen. Die Wirtschaft schimpfte damals, dass die Studenten durchschnittlich 15 Semester bis zum Diplom brauchten. „Wenn im Durchschnitt 7,5 Jahre an etwas gearbeitet wird, wofür theoretisch 4,5 Jahre gebraucht werden – was können wir dann an Leistung im Betrieb erwarten? Soll alles erst in 166 Prozent der Zeit gelingen?“

Kann mehr Herzblut die Leiche beleben?

Studiengebühren

Da, wo ich seit kurzem bin, gibt es ja (noch dem geltendem Landesrecht entsprechend) Studiengebühren: 500 Euro pro Semester werden fällig. Die Einnahmen werden zur Verbesserung der Lehre verwendet, wofür konkret, das wird mit den studentischen Fachschaften in den Fachbereichen gerade zum zweiten Male ausgehandelt und umgesetzt.

Im öffentlichen Raum und auf dem Campus nimmt man seitens der Studierenden ausschließlich solche Standpunkte wahr, die sich gegen Studiengebühren wenden. (Ein radikal-populistisches nicht unterzeichnetes Flugblatt fordert die Abschaffung und Rückzahlung jeder Art von Studiengebühren und darüber hinaus die Abschaffung jeglicher die Individualität einschränkender Reglementierungen des Studiums; aber das führt jetzt und hier zu weit.)

Doch die wirkliche Lage hinsichtlich des Meinungsbildes der Studierenden in Deutschland ist vielfältig bis paradox, wie die Untersuchung „Kredite zur Studienfinanzierung“ (HISBUS-Kurzinformation Nr. 19) aufzeigt.

Etwa ein Drittel der Studierenden lehnt eine Finanzierung ihres Studiums über Kredite rundweg ab. Gleichzeitig fühlen sich 80% der Studierenden in einer finanziellen Situation, die sie als okay, sprich gut aber nicht entspannt, empfinden. Über die Hälfte der Studierenden findet, dass sie selbst für die Finanzierung des Studiums verantwortlich sind. Aber gleichzeitig sind fast zwei Drittel der Ansicht, dass Bildung eine öffentliche Aufgabe sei. Über zwei Drittel der Studierenden haben noch nicht darüber nachgedacht, ihr Studium per Studienkredit zu finanzieren, nur 6 % haben einen solchen aufgenommen. „Lieber“ jobben zwei Drittel der Studierenden neben dem Studium und verpulvern „nebenbei“ unnötig Studienzeit (womit sich weiter Studiengebühren aufsummieren), obwohl sie via Studienkredit die Chance auf eine relativ günstige Finanzierung hätten. Dabei wird die berufliche resp. wirtschaftliche Perspektive optimistisch gesehen: nur 9 bis 14 Prozent der Studierenden hat größere Bedenken, den Kredit nicht zurückzahlen zu können.

[UPDATE:] siehe auch Rolle rückwärts (Die ZEIT)

[noch ein UPDATE:] siehe auch Unis lassen Gebühren ungenutzt (DerWesten: WAZ-Portal)

Fachhochschulen (1)

SpOn thematisiert die essenzielle Rolle der Fachhochschulen: vor dem Hintergrund zunehmender Studierendenzahlen und Qualität in der Lehre kommt es neben dem Studienplatzausbau auf Profilbildung an – um im alles nivellierenden Bologna Prozess sichtbar zu bleiben.

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