Posts Tagged: Cecilia Bartoli

Aus dem Olymp

Gestern Abend saß ich im Olymp, weit oben. Von dort aus betrachtet ist das Gewusel da unten ziemlich weit weg. Die Musiker und die Sängerin schrumpfen optisch auf Streichholzgröße, man erkennt die Gesichter nicht mehr. – Andererseits: so weit weg sind sie nun auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass der Weg dort hoch in den Olymp vor ziemlich genau fünf Monaten begann.

Entsprechend ihrer Profession produzieren sie einen Ton, der tatsächlich bis nach oben durchdrang und dort Freude auslöste. Ich finde das erstaunlich.

Aber ich war dort oben nicht allein. Auch hatte ich anfangs, mindestens bis zur Pause, einige Probleme mit dem Ausfiltern der vielfältigen Störgeräusche: Menschen können auf jeweils sehr verschiedene Arten Husten, Räuspern, Schniefen, Schmatzen, Stöhnen, Niesen, Rülpsen. (Man könnte versucht sein, das zu zählen und zu klassifizieren, es galt, dem zu widerstehen.) Der Nachbar zur Rechten zerschlug, wenn andere Beifall klatschten, neben meinem Ohr Knalltüten. Das Gestühl knarzte. – Das unvermeidliche Handy zumindest hatte gestern Abend frei.

Und der großartige Ton überstrahlte doch alles, was Stören konnte. Ein Genuss.

»Sacrificium«, Cecilia Bartoli mit dem kammerorchesterbasel, Alte Oper Frankfurt, 04. März 2010; s.a.


Klangartistik




Dieser Oktober überrascht mich mit toller Musik: erst Keith Jarrett mit »Testament Paris/London«, dazu gab es wohlwollende bis emphatische („Die rechte Hand Gottes“) Kritiken zum, wie man auch lesen kann, gar nicht so überragenden Berliner Konzert, letzten Montag.

Seit einiger Zeit entwickele ich eine Affinität für Vokales, konkret: Sopran. Wie bei Jarrett begeistert mich das Artistische, hier eben die Stimmakrobatik. Es ist einfach erstaunlich anzuhören, was Spitzensopranistinnen an Dynamik und Stimmgewalt aufbieten, um zum Beispiel neapolitanische Opernarien des 18. Jahrhunderts darzubieten. Ein Blog-Tipp brachte mich auf die Lava-Spur von Simone Kermes. (Das Sony-Design beleidigt zwar mein ästhetisches Empfinden: billige Plastik, billige Fotos – unvorteilhaft mit Photoshop glatt getrimmt, aber manchmal muss man über seine Grenzen gehen.) Es lohnt sich!

Bildquelle: ceciliabartolionline.com

Von ganz anderem Kaliber ist die Aufmachung von und das Konzept hinter Cecilia Bartolis »Sacrificium«! Für das gleiche Geld gibt es eine wahre Luxusedition, die CD samt Bonus-CD in einem aufwändig gestaltetem und ausführlichem „Buch“. »Sacrificium« hat offensichtlich Projektcharakter, man schaue sich nur die Website an.

In den Feuilletons erscheinen derweil ausführliche Artikel zur Kulturgeschichte des Kastrierens. Die Kastration erfolgte in Europa ganz sicher nicht zum Wohle der Opfer, aber im Interesse der Stimme, des reinen Klanges, der Wirtschaftlichkeit der Ausbildung, nicht zuletzt auch im Interesse der Kirche. Anderswo war die Kastration Voraussetzung, um am Hofe arbeiten zu dürfen. (Siehe dazu zum Beispiel diesen Text: Ein tiefer Schnitt für den Wohlklang.)

Und wirklich, unabhängig von diesem Hintergrund, auf »Sacrificium« ist Erstaunliches zu hören. Die Soundschnipsel im Web sind zwar ganz nett, aber ob diese, über PC-Quäker gehört, zum „Anfixen“ ausreichen? Das bezweifle ich, da müssen richtige Boxen her, der Regler gehört weit aufgedreht!

Leider macht einem »Sacrificium« und das, was man über die menschliche Stimme in diesem Zusammenhang lesen kann, auch die begrenzte Zeit deutlich, die Cecilia Bartoli als aktive Mezzosopranistin noch bleibt…