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Wochenende in München (Architekturfilmtage)

Ein langes Wochenende in München mit vollem Programm. Nach langer Zeit traf es sich gut, zu den 12. Architekturfilmtagen dort zu sein. Die Tagen standen unter dem Motto »Architektur | Reflexion | Transparenz«. Dieses Mal haben wir fünf der sechs Vorstellungen gesehen:

»Mies« (Regie+Buch: Michael Blackwood) sowie »Hearst Tower, New York« und »Torre Agbar, Barcelona« (Regie+Buch: Sabine Pollmeier, Joachim Haupt) in der ersten Vorstellung. Später dann noch »Les Mysteres du Château du De (Die Geheimnisse des Würfelschlosses)« (Regie+Buch: Man Ray) sowie erste Bilder (work in progress) des spannenden Projektes »Haus Tugendhat« (Regie+Buch: Dieter Reifarth) am ersten Abend; Dieter Reifarth beantwortete dann noch zahlreiche Fragen ausführlich.

Am Samstag dann (für uns) nur der Spielfilm »Chloe« von Atom Egoyan – der Film spielt zu großen Teilen im von Drew Mandel gebauten gläsernen Ravine House (siehe auch dort).

Am Sonntag dann zunächst »La Villa Santo Sospir« (Regie+Buch: Jean Cocteau) und »Aita (Vater)« (Regie+Buch: José María de Orbe) sowie »If Buildings Could Talk« (Regie+Buch: Wim Wenders) und »Le Paysage Interieur (Die innere Landschaft)» (Regie+Buch: Michel Wintsch). Die beiden letztgenannten Filme zeigten das futuristische Rolex Learning Center der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL).

Was bleibt: Wieder einmal ein den Kult um Mies van der Rohe mehrender Film (von 1985), interessante filmische Berichte über zwei nicht gewöhnliche Hochhäuser, eine spannende Vorschau auf den für 2013 zu erwartenden Tugendhat-Film von Reifarth, ein visuell und akustisch sehr beeindruckender Film des Basken de Orbe (»Aita«) sowie eine spannende Reportage über den Bau des Rolex Learning Centers in Lausanne. (Wenders‘ manierierte 3D-Etüde kann man getrost vergessen.)

Das Programm mit einem Feature von Fritz Göttler: PDF beim Veranstalter, oder hier.

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Und dann noch: Erneut zum Staunen den Lepanto-Zyklus von Cy Twombly im Museum Brandhorst besehen. Die Entdeckung des Wochenendes war der obere Raum in der Buchhandlung Lentner am Marienplatz – der schönste Literaturraum Münchens. Das ist Eigenwerbung, die stimmen könnte.


Der Bart von Lepanto

Indem wir Euch das Königreich Zypern entrissen haben, haben wir Euch einen Arm abgetrennt. Indem Ihr unsere Flotte besiegt habt, habt Ihr uns nur den Bart abrasiert. Der Arm wächst nicht wieder nach, aber der Bart wächst nun umso dichter.
Der Großwesir zum venezianischen Botschafter in Konstantinopel, zitiert nach Wikipedia


Manchmal, eher selten, wird man durch zufällige Begegnungen innerhalb einer kurzen Zeitspanne auf ein und dasselbe historische Ereignis hingewiesen, von dem man bis dato gar nichts wusste. Mir passierte es kürzlich in München, Regensburg und im Veneto, und ich bekenne, die Seeschlacht von Lepanto war für mich bis dahin ein mir nicht bekanntes Ereignis.

Die Republik Venedig gehörte 1571 zu den katholischen Alliierten, die es fertigbrachten, ihre Privatfehden eine Weile ruhen zu lassen, um sich der expansiven türkisch-islamischen Seemacht entgegenzuwerfen, um den befürchteten Ruin abzuwenden. Kurzum, das gigantische Gemetzel war für die Alliierten erfolgreich, blieb aber strategisch folgenlos. Nicht jedoch für die Produktion von Mythen, bis in die heutige Zeit wird der Jahrestag der Schlacht gefeiert, werden Bilder produziert.

Für die 49. Biennale di Venezia 2001 bekam Cy Twombly den Auftrag, einen Raum zu gestalten. Und so schuf Twombly einen 12-teiligen Zyklus großformatiger Bilder: »Lepanto« [1]. Beim Betreten des Lepanto-Saales im Münchner Brandhorst-Museum – dort hängen die Bilder nun – stockte mir fast der Atem. Twombly schafft es, mit abstrakten Gemälden, die auch eine Nuance Gegenständliches (die Schiffe) enthalten, eine solche Stimmung, auch Beklemmung zu erzeugen.

In Regensburg soll der deutsche Kaiser Karl V. 1546 seine letzte große Liebe getroffen haben. Der 46 Jahre alte, nicht mehr so ganz fitte Kaiser und die 18 Jahre alte bürgerliche Barbara Blomberg zeugten einen Sohn: Don Juan de Austria. [2] Regensburg feiert diesen unehelichen Sohn, in der Altstadt, auf dem Zieroldsplatz, steht eine Kopie des barocken Denkmals für den Helden von Lepanto. Don Juan de Austria war der Oberkommandierende der christlichen Flotte.

Im Veneto feiert man alljährlich wie anderswo auch am 7. Oktober das Rosenkranzfest. Im Dorf Galzignano Terme in den Euganeischen Hügeln spielt man dabei die Seeschlacht von Lepanto mangels Schiffen auf Eseln reitend nach, so erzählte es die Reiseführerin. Danach werden die Esel geschlachtet und – eine lokale Spezialität – mit weißer Polenta (Achtung: Anagramm-Alarm!) gegessen.

Es war einmal eine Zeit, die brauchte Helden, damit man von ihr erzählt.

[1] Historienbilder erzählen: Cy Twomblys „Lepanto“, Ceryx.de
[2] So steht’s jedenfalls im Reiseführer: Heidemarie Böcker, Regensburg, Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2009


Summer Madness

„Es gibt keine Idyllen in dieser Welt. Nirgendwo. Ein Idylle ist ein Gefühl von Menschen, das ist alles Täuschung.“
Peter Handke, im Interview


Wenn das Gelbe und das Braune sich unter das Grüne mischt, langsam unübersehbar wird, dann beginnt der Sommer zu sterben.

Von München aus kann man komfortabel und schnell in verschiedene Richtungen in die nahen Berge fahren. Das macht man, um die auch »Münchner Hausberge« genannten Gipfel zu besteigen, wobei man von landestypischem Personal am Wegesrand angefeuert wird.

    

Auf den Gipfeln haben Gipfelkreuzerrichtungsvereine, z.B. der im Trachtenverein Miesbach, ihre durchweg hässlichen Kreuze aufgestellt. [*] Diese stehen meist auf einem Sockel, der mit vaterländischen Gedenktafeln bepflastert und ein Hohelied der Pflichterfüllung ist.

Manchem, der ziemlich atemlos oben ankommt, mag dieser Anblick Trost und Ansporn oder auch Belohnung oder von jedem etwas sein. Die Aussicht – meist ein bis drei Seen in den Tälern und andere, höhere Bergwände vis-à-vis – kann einem schon ‚mal fast den übrig gebliebenen Atem nehmen.

Der Sommer dort oben wehrt sich, es blüht, summt, wimmelt und krabbelt, wohin man auch schaut. Wer wie ich das Frühjahr dort nicht erlebt hat, kann versucht sein, dies fälschlich für das Optimum zu halten.

Cy Twombly: 'Summer Madness', 1990; Foto: Sammlung Udo und Anette Brandhorst

Im Museum Brandhorst in München dann Cy Twomblys »Summer Madness«, eine unverhoffte Entdeckung und Belohnung für mich.

[*] Jedenfalls habe ich bei den bisherigen drei (1, 2) Exkursionen noch kein ansehnliches gesehen.