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Short Cuts #2

"She" and the Three Beggars, Film Still "Antichrist", © MFA+ FilmDistribution e.K.

Nach überreichlicher Lektüre – von Suchsland über Kehlmann bis zu Jelinek – habe ich nun endlich Lars von Triers »Antichrist« sehen können. Das vorherrschende Gefühl beim Sehen ist Angst. Das Böse in der Welt – die Natur. Der Horror des Geschlechterkampfes. Die Frau als Heilige und / oder Hexe. Chaos regiert, sagt der Fuchs.

Wie unsinnig ist Daniel Kehlmanns Frage? [1]

Was, wenn die Hexenverbrennungen berechtigt waren? Wenn es den Teufel gibt und wenn böse Frauen existieren, die mit ihm im Bunde sind?

Kein eindeutiges Urteil ist mir vorerst das einzig angemessene Urteil für diesen Film, der visuell zumindest große Kunst ist und eine Zumutung auch.
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Gerade frisch erschienen: Uwe Tellkamp, »Reise zur blauen Stadt«, ein Gedicht in 40 Kapiteln. Die namenlose blaue Stadt borgt sich Gebäude, Wasser und Flair von Venedig, die handelnden Personen arbeiten im Serapionstheater, Nautischer Akademie, Stadtverwaltung und Schloß; das Kapitel mit den Tagebuchaufzeichnungen eines gewissen Münchhausen steht an zentraler Stelle des Textes.

Der Inselband ist ein ästhetisches Kontrastprogramm zu seinem ausschweifendem Dresden-Roman »Der Turm«. Für mich als Leser ist’s hinsichtlich Genre eine Übung.
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Sarrazin hat hier Recht. [2] (Lettre International bringt zum Glück nicht zum ersten Mal abweichende Meinungen [3], pfeift auf die Gesinnungspolizei.)

[1] „Die Natur ist Satans Kirche“, DIE ZEIT, 03.09.2009 Nr. 37
[2] „Klasse statt Masse“, Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten, Thilo Sarrazin im Gespräch, Lettre International Nr. 86 (Berlin auf der Couch), S. 197-201; online nur ein kleiner Auszug
[3] Der im Juli 2009 verstorbene Peter Krieg z.B., er schrieb im Dezember 2008 mit größtmöglichem Abstand zum Mainstream aka Keynesianismus und in Anlehnung an die großen österreichischen Nationalökonomen über „Krankes Geld“, Lettre International Nr. 83, online nur ein kleiner Auszug.


Kitsch & Avantgarde

„In einer Kultur,
in der niemand mehr Marx liest,
und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehen,
ist das Regietheater
zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Weltanschauung degeneriert.“

Daniel Kehlmann, Rede zur Eröffnung der Salzburger Festspiele, 25.07.2009


Daniel Kehlmann hat mit seiner Rede [1][2] zur Eröffnung der Salzburger Festspiele Mut bewiesen und fast einen Eklat herbeigeführt. Er stellte die Auswüchse des dominierenden Regietheaters: Videowände und Spaghettiessen bloß und verspottete die, die ein solches Theater goutieren.

„Denn wer ein Reihenhaus bewohnen,
christlich oder ökologisch konservative Parteien wählen,
seine Kinder auf Privatschulen schicken will
und es dennoch für zwingend notwendig hält,
sich als aufgeschlossener Bohemien ohne Vorurteil zu fühlen,
was bleibt dem denn anderes als das Theater? „

Es liegt wohl an seiner Profession, dass er die Texte, den Autor vor den Regisseuren in Schutz nimmt. Dies ist auch völlig berechtigt.

Die Unterschrift unter den Heidelberger Appell bleibt für mich allerdings unverständlich.

(via Begleitschreiben)

[1] Video-Stream und Kommentar beim ORF
[2] »Die Lichtprobe« (vollständige Rede)

s.a. CARGO


Mainz und Wikipedia

Mainz leistet sich hat auch eine Akademie der Wissenschaften und Literatur. Diese wurde 1949 zur „Pflege der Wissenschaften und der Literatur und der Bewahrung und Förderung der Kultur“ gegründet.

Das erste Mal hörte ich als Neu-Mainzer von deren Existenz durch einen Hinweis in einem Kurzporträt des Herrn Kehlmann: er sei Mitglied.

Heute meldet Heise, dass die Akademie gemeinsam mit dem Wikimedia-Verein und dem Verlag Spektrum der Wissenschaften die Zedler-Medaille für herausragende Wikipedia-Beiträge in den beiden Bereichen Geistes- sowie Naturwissenschaften ausschreibt.

Gut für die Wikipedia, gut, dass sich eine etablierte Organisation für die freie Wissenssammlung und -vermittlung einsetzt.

Wahnsinn

Seit einiger Zeit bin ich ja sozusagen Spät-Erleuchteter von der literarischen Kunst Daniel Kehlmanns. So nach und nach genieße ich seine Bücher, seit gestern ist’s sein Erstling »Beerholms Vorstellung«.

Der Ich-Erzähler ist zur Zeit der nachfolgend von mir wiedergegebenen Äußerung noch Internats-Schüler; mich amüsiert und fasziniert es auch, weil ich inzwischen ja berufsbedingt von lauter Mathematikern (und Physikern) umgeben bin…

Was mir auffiel, damals, in meiner ersten und vorsichtigen Beschäftigung mit der Zahlenwelt, war jedenfalls das: Daß es im Inneren der Ziffern, Gleichungen und Bruchstriche, schillernd und hart wie die Perle im Fleisch einer schläfrigen Auster, etwas Fremdes gibt. Etwas, bei dessen Betrachtung es einem zumute werden kann wie jemandem, der zwischen zwei Spiegeln steht oder von einem hohen Aussichtspunkt […] in die Tiefe blickt. Glaub mir: Es gibt geringere Ursachen für Alpträume als die Entdeckung, daß im Herz der Mathematik der Keim des Wahnsinns liegt.


Vermessung

Wann immer einen die Dinge erschreckten, es sei eine gute Idee, sie zu messen.

Kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Buch so verschlungen habe.