Posts Tagged: Deutschland

Zukunftsaussichten

Wenn ich in etwa 16 Jahren so durch Mainz walken schlurfen und mich auf der einen oder anderen Bank von dieser Anstrengung ausruhen werde, dann werde ich mich gleichzeitig darüber freuen können, in der jüngsten Großstadt Deutschlands zu wohnen!

Zugleich werden die Städte Mainz und München mit einem statistischen „Medianalter“ von jeweils 42,1 Jahren die jüngsten Großstädte Deutschlands sein.

Dies und mehr berichten unzählige Medien (z.B., jetzt auch dort) heute vorab aus einer Bertelsmann-Studie („Wegweiser Kommune“) zur demographischen Entwicklung bis zum Jahr 2025.

Bildung: Deutschland und die OECD

Deutschland verliert bei der Ausbildung von Hochqualifizierten international weiter an Boden.

So titelte unlängst das Berlin Center der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Einige Fakten:

Novembersätze

Nach Nummern ohne wirkliche Glanzlichter entschädigt mich die Zeit diesmal mit einigen wirklich guten Beiträgen. Merkwürdigerweise im Feuilleton.

Die Exil-Iranerin Marjane Satrapi (»Persepolis«) unterläuft mehrmals im Interview die Erwartungen der Fragerin, weist die westliche Deutungshoheit hinsichtlich korrektes Gebaren zurück. Und: sie hat „immer noch Sterne in den Augen“.

Der rumänische Film »4 Monate. 3 Wochen. 2 Tage.« von Christian Mungiu, eine ungeschönte „subjektive Bestandsaufnahme des Kommunismus in Rumänien“ gewann überraschenderweise in diesem Jahr die Goldene Palme. – Frau Radisch meint, vermutlich zutreffend:

Dass im glitzernden Cannes ausgerechnet dieser nackte, ganz auf die menschlichen und filmischen Grundbausteine reduzierte Film die Goldenen Palme gewann, erzählt nebenbei noch von einer anderen, ernst zu nehmenden Tragödie: vom Überdruss des Westens an sich selber, von der Sehnsucht nach einem Leben jenseits der Mattscheibe.

Dumm baut gut. So ist der Artikel über den Dresdner Elbbrückenbau-Skandal überschrieben. Dieser handelt von der typisch sächsischen Melange aus Korruption, Naivität, Obrigkeitsglauben und Hemdsärmeligkeit, handelt von eigenartigen Rechenkünsten, dem Betrug an den Bürgern sowie der Verweigerung eines Santiago Calatrava oder Norman Foster. – Evelyn Finger bringt für mich in diesem Artikel das gegenwärtige Ostdeutschland mit seinem Drang zu sinnlosen infrastrukturellen Großprojekten auf den Punkt, und zwar mit der Feststellung:

Weil auch die Brücke ein Symbol ist. Sie steht für Beschleunigung, Zweckoptimismus und Wachstumswahn im schrumpfenden Ostdeutschland. Sie ist eine Chiffre der trügerischen Hoffnung, dass man die real existierende Stagnation durch einen utopischen Kapitalismus beheben könne. Wo der Euro nicht mehr richtig rollt, wird künstlich Bewegung erzeugt. Denn das sind die großen Ängste der Brückeneuphoriker: vom Fortschritt abgehängt zu werden. Im Grünen Gewölbe hocken zu bleiben.


Digitale Bohème und Grundeinkommen

Holm Friebe hat als Sprecher der Digitalen Bohème Forderungen in Sachen „Von der Grundsicherung zum Grundeinkommen“ formuliert. Er bezeichnet ein bedingungsloses Grundeinkommen als gebotenen zivilisatorischen Standard, ohne das damit ein gutes Leben abgesichert wäre. Das Dilemma sei, dass das Grundeinkommen für die emanzipatorische Politik so etwas sei, wie die „Blaue Blume“ für die Romantik es war: fast alle finden es erstrebenswert – aber gleichzeitig nicht durchsetzbar und praktikabel.

Die meisten Forderungen zielen auf bessere Rahmenbedingungen für Freiberufler und Selbstständige ab. Alle betreffend sind die mir sehr sympathischen Punkte „Abschied vom Normalarbeitstag“ sowie „Freies W-LAN“:

Am besten im gesamten Stadtgebiet. Insbesondere an sozialen Brennpunkten und in Armutsquartieren macht sich die digitale Spaltung als Bildungsgefälle mit allen sozialen Konsequenzen bemerkbar. Gerade für den Problemstandort Berlin würde eine derartige Initiative – nach dem Vorbild der Luftbrücke oder des 100-Euro-Laptops für Afrika – Sinn ergeben. Es wäre ein Schritt, der siechen Hauptstadt auf die Sprünge zu helfen, an dem Infrastruktur-Anbieter, Grosskonzerne, Stiftungen und die öffentliche Hand gemeinsam guten Willen beweisen könnten. Was Tallinn und Malaga können, können wir schon lange.

(via Wir nennen es Arbeit)

Kultur

Italiener, Iren, Schotten, Norweger, selbst Engländer, und andere sind nicht signifikant klüger als wir Deutschen. Aber ich habe den Verdacht, sie könnten uns kulturell, zivilisatorisch überlegen sein.

Während Mann in Deutschland bei Gelegenheit gern noch öffentlich an Häuserwände pinkelt, hat man dort längst aufgehört, in geschlossenen öffentlichen Räumen wie Pubs oder Zügen zu rauchen. Und es gibt deswegen dort keine Untergangsstimmung, nirgends, zu beobachten.

Ich bin dafür, dass sich jeder gerne berauschen kann wie und womit er will. Aber die Einsicht, dass man andere damit nicht belästigt macht den Unterschied.

Spießer

Christian Rickens hat ein Buch geschrieben, dass vielleicht auch auf den to-read-Stapel kommt: „Die neuen Spießer – Von der fatalen Sehnsucht nach einer überholten Gesellschaft“. Das Buch soll eine fundierte Abrechnung mit den exponierten Vertretern der „neuen Bürgerlichkeit“ (z.B. Paul Nolte, Udo Di Fabio, Frank Schirrmacher, Matthias Matussek) sein, und ohne sich sinnlos an Einzelpositionen abzuarbeiten aufzeigen,

wie über die unterschiedlichen Stationen demographische Panikmache, latente Ausländerfeindlichkeit, angeblichen Werteverfall, angeblichen Ökowahn, die vermeintlich naturwüchsige Rolle von Frauen, Familie und Nation etc. ein allgemeines Backlash-Klima in der Politik vorbereitet wurde, dass es heute ermöglicht, reaktionäre Partikularinteressen als anthropologische Notwendigkeiten auszugeben.

(via Wir nennen es Arbeit; s.a. Klassefrauen)

Vorurteile

Es macht immer wieder Spaß und bringt mir viel, wenn eigene lieb gewordene Vorurteile erschüttert oder hinweggefegt werden. Auf sehr intelligente und informative Weise ist das Rudolf Maresch (Telepolis) und Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford) mit einem vierteiligen Gespräch gelungen, das jetzt endlich vollständig verfügbar ist. (1, 2, 3, 4)
Gumbrecht ist vor Jahren in die USA übergesiedelt, lehrt in Stanford Literaturwissenschaft. In den Gesprächen geht es um Einwanderung und Staatsbürgerschaftsrecht, um Rassismus und Huntingtons »Kampf der Kulturen«, um universitäre Bildung und den Bologna Prozess, um das Verhältnis von Freizeit und Arbeit, um Säkularisierung und Religion im Alltag, um College-Sport und Patriotismus, um das Ansehen Amerikas in der Welt und das Selbstverständnis, um Europa und das Verhältnis zur USA, um das Versagen der Geistes- / Kulturwissenschaftler. Dabei ist immer wieder zu spüren, wie Maresch trotz seiner Offenheit und Symphatie für Gumbrecht mit auch mir vertrauten (europäischen) Vorurteilen bei ihm aufläuft. – Sehr lesenswert!

Mein Punkt ist, dass es auf dem Bildschirm meiner Erfahrungen und Lektüren zu viele europäische Intellektuelle gibt, die glauben [wie du vorhin sagtest], sich in und mit Amerika besser auszukennen als die Amerikaner.