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Sangrado oder das Konzept Fürstenerziehung

Im letztens hier erwähnten Essay »Sangrado« von J. M. R. Lenz spricht dieser fiktiv die Kardinäle Richelieu und Fleury in ihrer Rolle als „Fürstenerzieher” (Ludwig der XIII. bzw. Ludwig der XVI.) an.

Das erwähnte Zitat im Wortlaut:

Die Erziehung ist seit einiger Zeit die Lieblingsangelegenheit unsers Jahrhunderts geworden, und was ist schmeichelhafter für den menschlichen Eigendünkel und für die menschliche Schwachheit zugleich, als die Triebe und Kräfte vernünftiger Wesen zu lenken, die, an dem Anfange ihrer Entwicklung, den Widerstand noch nicht leisten können, den man bei Wesen von schärferer Einsicht und tätigerem Willen befürchten muß. Da der Mensch von Natur eher befehlen als gehorchen mag, so tritt er mit einer Menge moralischer Maximen, die meist nicht durch eigene Erfahrung erworben worden, über und über gepanzert auf die Bühne, und der schmeichelhafte Wahn, der Gesetzgeber einer Nachwelt zu werden, sollte er sie auch gleich, wie Lysander, nur durch Spiele und Eidschwüre betrügen, lässt ihn über alle Urteile einsichtsvoller Zeitgenossen stolz hinaussehen. Diese Helden der Erziehung würde ich gerne in ihrem Werte lassen, wenn sie uns einen bestimmten und vernünftigen Zweck anzugeben wüssten, nach welchem sie erziehen. Da es aber scheint, daß sie nur das Ideal ihrer eigenen Person zu diesem Zwecke erheben, […] Der Erzieher eines Prinzen zu werden, ist freilich eine sehr schmeichelhafte Idee, da der Prinz im Grunde der Erzieher eines ganzen Volkes, einer halben Welt ist. Was kann kühner sein, als durch moralische und metaphysische Kräfte das Primum movens einer Maschine zu werden, deren Wirkungen unendlich sind.

Quelle: Jakob Michael Reinhold Lenz, Sangrado. In: J. M. R. Lenz, Gesammelte Schriften. Herausgegeben von Franz Blei. Band 5. München: Müller 1913, S. 305-306