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Feuilleton

Hans Ulrich Gumbrecht heute in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, 04.09.2011, Nr. 35 / Seite 29:

Außer Frage steht, dass das deutschsprachige Feuilleton Teil einer – im wörtlichen Sinn – außergewöhnlichen Bewegung geworden ist. In eigener Sache will ich hinzufügen, dass es eine Überlebensfrage für die sogenannten „Geisteswissenschaften“ werden könnte, ob sie sich auf diese Bewegung einzustellen vermögen. Andernfalls droht der Erstickungstod an einer Gründlichkeit, die heute nicht einmal mehr akademische Kollegen erreicht.


Wild Girls

Lettre International 89Ich habe mir ‚mal wieder eine »Lettre International« gegönnt. Friedrich Kittler, Werner Schroeter sind ja (fast) schon Grund genug, aber es gibt Interessantes mehr. Auch sind da meist die großformatigen und gut reproduzierten Fotografien; dieses Mal zusätzlich auch einige, meine Sinne kitzelnde Aquarelle von der in Berlin lehrenden Japanerin Leiko Ikemura.

Diese Aquarelle werden im Inhaltsverzeichnis von einer anonym bleibenden Person – einfach nur genießen reicht ja nicht – wie folgt annonciert:

Die japanische Künstlerin liebt das Wasser. Die femininen Wesen ihrer Aquarelle entstammen einer Sphäre aus Licht, Farbe und fließender Musikalität. Zwischen Rebellion und Zartheit, energischer Behauptung und halluzinatorischer Verflüchtigung bewegen sich ihre transparenten Figurationen in entmaterialisierter Farbigkeit. Spukhaft aufscheinende Antlitze, die zwischen körperlicher Manifestation und geisterhafter Auflösung schweben. Sie verwehren sich dem Ausdruck einer unangefochtenen Identität. Konturen und Flächen bringen transpersonale, fluide Wesen aus dem universalen Repertoire der Gefühlsbewegungen zur Erscheinung, archaisch und elegant, bedrohlich und verletzlich, gegenwärtig und zeitlos. Es sind Metamorphosen der Weiblichkeit, in denen sich auch Ikemuras Verständnis manifestiert, daß „Ich“ kein festes Konstrukt ist, sondern eher ein facettiertes, durchlöchertes, wandelbares, vielgestaltiges, poetisches Etwas, in dem die Unfaßbarkeit von Werden und Vergehen spürbar wird.

Alles klar?

Lettre International hat offiziell keine Rubrik Satire.

Zitat: Lettre International, #89, Sommer 2010, S. 5. Die beiden „ß“ stehen da so im Original, also auch hier.


Loslabern

Ja, ja, »Loslabern« ist ein alter Hut – in Anbetracht der Halbwertzeit feuilletonesker Texte. Den Herbst 2008 behandelnd, im Herbst 2009 erschienen, kurz danach im Begleitschreiben aufgefallen (als die Rezension noch kommentarlos da stand), verschwand es aus meinem Radar. Warum sollte ich einen Rainald Goetz lesen, warum Zeit mit einer literarisch daherkommenden Bedeutungshuberei, mit einer an den zwielichtigen Bereich zwischen gedrucktem Boulevard und Life Style – Hauptsache Pop – verschwendeten Text-Produktion vertändeln? Aber Goetz‘ Büchlein ist dann unlängst (doch wieder) durch des Umblätterers Verweis auf die 10 Minuten bei Harald Schmidt in meinen Fokus geraten. Goetz‘ merkwürdiges, hyperaktiv-überreizt vorgetragenes, doch ehrfürchtig erscheinendes Labern über und gegen die „maßgebende Stelle“, die da spricht – das FAZ-Feuilleton – machte mich neugierig.

Es ist, wie schon gesagt, ein Bericht über den Herbst 2008, konkret über seine Erlebnisse auf der Frankfurter Buchmesse und auf dem FAZ-Herbstempfang in Berlin. Alles, fast jeder Satz, ist vom Rauschen der Großen Krise überlagert, natürlich. Und, um das vermutlich für sich historisch einzuordnen, palavert Goetz penetrant und angewidert über die auf die schreckliche Zeitenwende 99/00 folgenden Nullerjahre. Man wundert sich einerseits, dass er sie überlebt hat. Andererseits, vielleicht braucht er dieses obsessive Aufpumpen der Nullerjahre mit Bedeutung, mit Metaphysik auch, für sein Ego, sein Selbstbild? (Dass da ein paar Komplexe mitschwingen, merkt man, wenn es in »Loslabern« um den anderen schreibenden Arzt und dessen Turm geht…)

Ich gebe zu, die Schlüssellochperspektive seines Textes über den FAZ-Herbstempfang mit Genuss goutiert zu haben. Das Hotel de Rome ist natürlich nicht mit Ostrom zu verwechseln, die maßgebende Stelle, die da in ersterem Hof hält im Herbst 2008, spricht facettenreicher und ist intellektuell anpassungsfähiger als die untergegangene im Ostrom Tellkamps je dachte und sein konnte bzw. sein wollte.

Es bleibt der Eindruck, »Loslabern« ist ein feuilletoneskes Kabinettstückchen, ein Thomas-Bernhard-fixiertes, also wütendes Traktat. Und es ist wohl literarisch belanglos.

Opferkonkurrenz

Auf den Beitrag von Thierry Chervel – Das Behagen an der Unkultur – hinzuweisen, ist mir ein Bedürfnis.

Basis und Überbau

Ich kann mich noch an eine oft auf Reisen beobachtete Gepflogenheit erinnern: Reisende mit einer großen, dicken Tageszeitung unterm Arm betreten das ICE-Abteil oder sortieren sich in der Sitzreihe im Flieger, greifen die Zeitung so, dass oben die Rubrik der jeweiligen „Bücher“ zu sehen ist, und holen mit einem geübten, souveränen Griff bestimmte Teile heraus. Um sie wegzulegen, gelesen wird das andere. Für die einen war das Aussortierte das Feuilleton, für die anderen der Wirtschafts- oder Finanzteil. (Manchmal machte es Spass, dies vorherzusagen.)

Dieses sortierende, ignorante Verhalten war natürlich immer schon kultur-banausig, ist heutzutage aber ohnehin obsolet. Nirgends gibt’s derzeit soviel breitgetretene „Wirtschaft“ wie im Feuilleton, dessen Redakteure schwadronieren äußerlich selbstsicher über Wirtschafts- und Finanzpolitik, wobei das, was richtig ist, ganz klar auf der Hand liegt. Keine Kulturrezension ohne Seitenhieb in Richtung Banker, kein Interview, kein Essay ohne Bezug zum augenblicklichen Finanzdebakel; ganz nebenbei wird für die Dauer eines Espresso eine neue, die einzig richtige Gesellschaftsordnung skizziert.

Dabei handeln alle Akteure, wirklich alle, im Zustand des Nicht-Wissens. (Ulrich „Risiko“ Beck)