Posts Tagged: Frank Schirrmacher

Loslabern

Ja, ja, »Loslabern« ist ein alter Hut – in Anbetracht der Halbwertzeit feuilletonesker Texte. Den Herbst 2008 behandelnd, im Herbst 2009 erschienen, kurz danach im Begleitschreiben aufgefallen (als die Rezension noch kommentarlos da stand), verschwand es aus meinem Radar. Warum sollte ich einen Rainald Goetz lesen, warum Zeit mit einer literarisch daherkommenden Bedeutungshuberei, mit einer an den zwielichtigen Bereich zwischen gedrucktem Boulevard und Life Style – Hauptsache Pop – verschwendeten Text-Produktion vertändeln? Aber Goetz‘ Büchlein ist dann unlängst (doch wieder) durch des Umblätterers Verweis auf die 10 Minuten bei Harald Schmidt in meinen Fokus geraten. Goetz‘ merkwürdiges, hyperaktiv-überreizt vorgetragenes, doch ehrfürchtig erscheinendes Labern über und gegen die „maßgebende Stelle“, die da spricht – das FAZ-Feuilleton – machte mich neugierig.

Es ist, wie schon gesagt, ein Bericht über den Herbst 2008, konkret über seine Erlebnisse auf der Frankfurter Buchmesse und auf dem FAZ-Herbstempfang in Berlin. Alles, fast jeder Satz, ist vom Rauschen der Großen Krise überlagert, natürlich. Und, um das vermutlich für sich historisch einzuordnen, palavert Goetz penetrant und angewidert über die auf die schreckliche Zeitenwende 99/00 folgenden Nullerjahre. Man wundert sich einerseits, dass er sie überlebt hat. Andererseits, vielleicht braucht er dieses obsessive Aufpumpen der Nullerjahre mit Bedeutung, mit Metaphysik auch, für sein Ego, sein Selbstbild? (Dass da ein paar Komplexe mitschwingen, merkt man, wenn es in »Loslabern« um den anderen schreibenden Arzt und dessen Turm geht…)

Ich gebe zu, die Schlüssellochperspektive seines Textes über den FAZ-Herbstempfang mit Genuss goutiert zu haben. Das Hotel de Rome ist natürlich nicht mit Ostrom zu verwechseln, die maßgebende Stelle, die da in ersterem Hof hält im Herbst 2008, spricht facettenreicher und ist intellektuell anpassungsfähiger als die untergegangene im Ostrom Tellkamps je dachte und sein konnte bzw. sein wollte.

Es bleibt der Eindruck, »Loslabern« ist ein feuilletoneskes Kabinettstückchen, ein Thomas-Bernhard-fixiertes, also wütendes Traktat. Und es ist wohl literarisch belanglos.

Dolmetscher der technologischen Intelligenz

Es ist an der Zeit, die digitale Revolution […] in ihrer ganzen Wucht zu erkennen. […] Die Informatiker müssen aus den Nischen in die Mitte der Gesellschaft geholt werden. Sie müssen die Scripts erklären, nach denen wir handeln und bewertet werden. Was ist voraussagende Suche und was kann sie? Was ist „profiling“? Wer liest uns, während wir lesen? Technologien sind neutral, es kommt darauf an, wie wir sie benutzen. Um das zu können, brauchen wir Dolmetscher aus der technologischen Intelligenz.

Quelle: Frank Schirrmacher, FAZ vom 23.01.2010, faz.net


Short Cuts #8

Rudolf Maresch beklagt die Scheindebatte Schirrmacher & edge.org vs. selbsternannte Internet-Avantgarde. Man redet noch immer aneinander vorbei. Auch für Maresch scheint es letztlich nur eine deutsche Debatte über Medien, eine Frage von Filtertechniken zu sein. Phantasie zur Dystopia? Fehlanzeige.
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R.I.P. Eric Rohmer! Seine »Marquise von O.« von 1976 erschien mir damals, mit Anfang 20, als die erste interessante, mich „nicht langweilende“ Literaturverfilmung.
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Wer isländische Filme oder skandinavische Landschaften oder überhaupt Schnee mag: »Nord« ist ein sehenswertes norwegisches Roadmovie.
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Übrigens: »Global Warming« heißt jetzt »Climate Change«.

Short Cuts #7

Was war und ist und mir wichtig bleibt kann man – auch wenn hier lange Funkstille ist – natürlich immer in den Clips rechts im Blog sehen, bei den „bookmarks@delicious“ und den „Empfehlungen“. Trotzdem füttere ich jetzt hier kurz das Netz: Schirrmachers »Payback« (Das hatten wir hier schon.) wird anderswo nicht nur (von den üblichen Verdächtigen) nicht verstanden und heruntergemacht. Es gibt auch tolle Rezensionen und Diskussionen in den Kommentaren, auf Qualitätsseiten eben: Begleitschreiben und weissgarnix. Wobei bei Letzterem einige Kommentatoren ziemlich ruppig sind und hauptsächlich um ihrer selbst willen kommentieren und trollen. #55 bringt’s auf den Punkt, im schlechtesten Fall sind

Internetdiskurse […] komischerweise völlig linear, sie löschen aus, was sie kommentieren, weil es ums kommentieren geht, nicht um die source.

Schirrmacher selbst scheint das Bornierte kaum ertragen zu können; er legt nach.
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Bolaño bleibt mir 2010 erhalten: »2666« geht, »Die wilden Detektive« kommen!
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Die Wintersonnenwende ist geschafft.

Du mußt dein Leben ändern | Payback

Dies ist ein mitreißendes, philosophisches Poem von Durs Grünbein: »Vom Schnee oder Descartes in Deutschland«. Es war im Winter 1619, als Descartes und sein Diener in einem Kaff bei Ulm frierend festsaßen, angesichts des später so genannten Dreißigjährigen Krieges. Grünbein lässt Descartes im Selbstgespräch und nach langem Abwägen sagen:

Du mußt, René, dein Leben ändern.

Das war, aus Descartes‘ Perspektive, fast 300 Jahre vor Rainer Maria Rilkes Finale im Gedicht »Archaïscher Torso Apollos«, aus der Grünbeins immer noch gut 6 Jahre vor Sloterdijk und Schirrmacher.

Aber das ist nicht so wichtig, dieser Imperativ soll ja, seit Rilke in den allgemeinen Zeitgeist eingeflossen sein.

Aber in Wahrheit waren es die Mathematiker, die René Descartes‘ Satz »Der Körper wird den Geist immer beim Denken behindern« am meisten zustimmen konnten.

So steht’s in Frank Schirrmachers neuem Buch »Payback«, und das Zitat benennt ganz gut die Voraussetzungen für den aktuellen Wandel in unserem Verhältnis zum / mit dem Computer, mit dem Netz, in das unser Denken immer mehr auswandert, die Übergänge verwischen. Schirrmachers Buch ist kein Pamphlet gegen Computer, im Gegenteil, er sieht die Informationstechnologie als etwas an, dass zum Spannendsten gehört, was unsere Generation erleben kann. Dafür bringt er viele Beispiele. Und da er diagnostiziert: Unsere Werkzeuge verändern unsere Umwelt, vor allem aber verändern sie uns selbst, schreibt er mit der Überzeugung, der zufolge wir heute in den Lehrbüchern der Informatik nachschauen sollten, wenn wir etwas über unsere geistige Abstammung erfahren wollen. Schirrmacher hat mehr als einen Blick in Bücher, Studien und Paper gewagt, hat mit wissenschaftlichen Koryphäen verschiedenster Fakultäten geredet. (Damit ist er gedanklich weiter, sieht mehr Zusammenhänge und potenzielle Entwicklungen als seine meisten Rezensenten, die kaum die Oberfläche der Ich-Erschöpfung durchdringen und den Text spätestens beim Wort Aufmerksamkeitsstörung abhaken. Es ist übrigens auch kein Buch gegen Google, gegen das Internet. Im Gegenteil, man muss nur lesen können.)

Ach ja, im zweiten Teil, nach der Diagnose, kommt dann der Aufruf zum Üben, zum Trainieren, zum Leben-Ändern, damit wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen können. Die Argumentation erscheint mir schlüssig, wenn Schirrmacher zeigt, was nur wir als unvollständige, fehlerhafte und schöpferische Wesen können. Überraschende Perspektivwechsel, Fehlertoleranz, der souveräne Umgang mit Unsicherheiten gehören dazu. Dazu muss man den Muskel, also die Willenskraft stärken. […] Es geht um Krafttraining für den Muskel der Selbstkontrolle. Und es geht um die Bildung der Zukunft, um eine qualitativ andere Bildung, die lehrt, Computer zu nutzen, um durch den Kontakt mit ihnen das zu lehren, was nur Menschen können.

Ob das allein, und wozu eigentlich, hilft?

Kursiver Text: Zitate aus Frank Schirrmacher, Payback, München 2009


Zukunft gestalten

Man muss nicht mit allem einverstanden sein, wofür Frank Schirrmacher mit seinem Denken und Publizieren steht. [1] Auch das, was er aktuell für seine Zeitung tut und verantwortet, was er dort an „neuen“ Themen und Diskussionen platziert, verdient Achtung. Es ist nicht nur spannend, es ist in meinen Augen über-relevant für unsere Gesellschaft, für unsere Zeit. So z.B. neben „Die Zukunft des Kapitalismus“ [2] nun die neue Serie „Digitale Intelligenz“.

Das Denken und die Technologie um Informatik und Genetik, prononciert in dieser Verbindung, wird in mehreren in letzter Zeit erschienen Artikeln thematisiert. Als erstes zu nennen wäre da die Berichterstattung zu EDGE, zur „Edge Master Class 2009 – A Short Course on Synthetic Genomics“ [3]. Schirrmacher kommentiert wie folgt :

This is breathtaking. The Edge Master Class must have been spectacular and frightening. Now DNA and computers are reading each other without human intervention, without a human able to understand it. This is a milestone, and adds to the whole picture: we don’t read, we will be read. What Edge has achieved collecting these great thinkers around is absolutley spectacular. Whenever I find an allusion to great writers or thinkers, I find out that they all are at Edge.

Dann, am vergangenen Sonntag – eine Woche vor der Bundestagswahl, aber weit darüber hinaus weisend – der überaus treffsichere und ausführliche Artikel »Aufstieg der Nerds: Die Revolution der Piraten«. Schirrmacher:

Nerds haben die Drehbücher unserer Kommunikation, […] mittlerweile unseres Denkens geschrieben. Sie sind die größte Macht der modernen Gesellschaft. Ihre Texte verstehen Außenstehende nicht, obwohl sich alle nach ihnen richten […] Was wir erleben, ist der Übertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik. Ob durchweg zum Guten, das lässt sich heute noch nicht sagen. […] Sie, die die Systeme kennen, müssen, wie seinerzeit die Renegaten der Atomspaltung, in politische Sprache übersetzen, was technisch möglich ist, was es aus uns macht und wie wir uns dagegen wehren können.


Missverständnisse

Um das gleich klarzustellen: ich gebe den Herren Schirrmacher (1, 2), Graff (3) und Kaube (4) in der Sache recht. Die Welt der Blogs, und hier sind vor allem die gemeint, die mit einer journalistischen Attitüde daherkommen, hat inklusive der kommentierenden Leser nichts mit der wirklichen öffentlichen Meinung zu tun. Das, was eine Minderheit dort tut, wird außerhalb dieser Sphäre nicht wirklich wahrgenommen, ist dort, in der ungleich größeren Sphäre ziemlich einflusslos.

Das muss natürlich nicht so bleiben, auch wenn ich kaum Chancen für einen Wechsel sehe, ihn mir ehrlich gesagt auch gar nicht wünsche. Wer es aber als Blogger ernst meint mit seinen journalistischen Ambitionen im Web, der sollte die Einwürfe von der anderen Seite des medialen Grabens als Chance zur Reflexion begreifen, z.B. so, wie Jörg es reklamiert:

Die Zeitungsmacher halten uns nur einen Spiegel vor, er mag stumpf sein oder verzerrt, aber er zeigt uns, wie wir von außen im Moment wahrgenommen werden. Das sollte man als Hilfe begreifen und nicht als Angriff.

Denn, so Herr Kaube mit Bezug auf die grassierende Unkultur in den Kommentaren:

Man hat den Eindruck, dass sie unterschätzen, wie abhängig ihre eigene Beachtlichkeit davon ist, dass es das Objekt ihrer Schmähung, einen klassischen Artikel, auf den sie sich alle beziehen können, überhaupt gibt.

Was ich den Herren Graff (SZ) und Kaube (FAZ) indes vorwerfe, ist ihre gleichfalls undifferenzierte Breitseite gegen das Internet, das Web 2.0. Sie schauen nicht über ihren journalistischen Tellerrand und prügeln auf eine Technik ein, die nichts dafür kann, wie sie benutzt wird. (Zeitungen werden gelegentlich auch zu anderen Zwecken benutzt als vorgesehen.) Und sie übersehen dabei, dass mit der gleichen Technik in Unternehmen, Hochschulen, Instituten, Bibliotheken usw. Wissensmanagement und -vermittlung betrieben wird, dass damit Geschäftsprozesse dokumentiert und verbessert werden, kurz: dass auch mit Hilfe dieser Technologie Wertschöpfung passiert.