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Liebes- und Produktionsverhältnisse

„All You Need Is Love.“
John Lennon, 1967


Keiner hat, soweit ich bisher sah und las, die Verschränkung von Liebes- und Produktionsverhältnissen so wort- und bildreich und zugleich analytisch beschrieben, wie Klaus Theweleit im unvollendeten »Buch der Könige«: Benn, Brecht, Freud, Hamsun, Kafka, … und die mediale, ihre Produktion befeuernden Frauen. (Dazu gehört die strategische Partnerwahl. Dieser »Objektwahl« widmet sich Theweleit speziell auch in der gleichnamigen Arabeske zum »Buch der Könige«.) So weit, so gut – im 20. Jahrhundert.

Caroline Schlegel, porträtiert von J. F. A. Tischbein, 1798 © Tischbein / Quelle: Wikipedia (s.u.)

Barbara Sichtermann beschreibt in ihrem gerade in der ZEIT veröffentlichten, kurzen Essay den Fall einer Frau, die weitgehend ihrem Lebensentwurf folgt. Dazu gehört die Wahl des passenden Mannes, und das war für das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert gewiss nicht üblich. Sie heißt Caroline Michaelis, besser bekannt unter den Namen ihrer Männer: Böhmer, Schlegel, Schelling [1].

Caroline wuchs in einem Akademikerhaushalt in Göttingen auf, war ein Mädchen mit Geist, das leben wollte wie ein Geistesmensch, der sich niemals verlieben will:

Fern von mir sei jede romanhafte Idee. Ich würde, wenn ich ganz mein eigener Herr wäre, weit lieber gar nicht heiraten und auf andere Art der Welt zu nutzen suchen.

Es kommt jedoch die erste Ehe, mit dem Arzt Böhmer, da ist sie 21 Jahre alt und sagt:

Man schätzt ein Frauenzimmer doch immer nur nach dem, was es als Frauenzimmer ist.

Also als Gattin, Hausfrau, Mutter [2]. So eine Existenz ist nicht an ein Liebesverhältnis zum Manne gebunden.

Der Mann stirbt, die junge Witwe und Mutter ist in Göttingen sehr begehrt. Zum Beispiel vom jüngeren August Wilhelm Schlegel, den sie aber abblitzen lässt. Es ist 1789, sie bekommt „französisches Fieber“, sucht den Flirt mit den Jakobinern und geht 1792 nach Mainz zu Georg Forster, dem Naturforscher, der mit Cook um die Welt segelte. Sie freut sich auf die im gleichen Jahr Mainz erobernden Franzosen, verliebt sich in einen jungen Offizier, der »schön wie ein Götterbild« ist.

Sie genießt es Geistesmensch zu sein, nun an der Seite Forsters. Als die Mainzer Räterepublik [3] verglüht, wird die Fliehende mit ihrem Kind Auguste (und dem noch ungeborenen des französchen Leutnants) inhaftiert, kommt aber auf Betreiben ihres Bruders hin schließlich frei. – August Wilhelm Schlegel bietet sich als verschwiegener Helfer in der Not an, dessen wiederum jüngerer Bruder Friedrich Schlegel verliebt sich in die werdende Mutter.

Thorwaldsen: Auguste Böhmer, ihrer Mutter Caroline ein Trinkgefäß reichend / Quelle: Wikipedia (s.u.)

Doch Carolines bürgerliche Existenz ist verspielt, sie gilt als Franzosenliebchen und Kebsweib [4] Forsters. Die Brüder Schlegel jedoch retten sie erneut: der jüngere Friedrich überredet seinen Bruder, Caroline zu heiraten. Zumindest aus Carolines Sicht ist es die zweite Vernunftehe.

Von dieser profitiert auch August Wilhelms philologische Arbeit. Sie ist mit den Schlegels in Jena dabei, als die deutsche Frühromantik um die Jahrhundertwende ihren kurzen aber heftigen Frühling hat.

Und nun verliebt sie sich doch wieder, in Friedrich Wilhelm Schelling, zwölf Jahre jünger als sie. Das sprengt den Jenaer Kreis. Und sie steht abermals außerhalb, wird von den Gefährten verstoßen. Das trägt zu den wahnhaften, depressiven Zügen bei, die Caroline und Schelling in ihrer Beziehung vorübergehend erleben.

Scheidung dann von Schlegel und dritte Ehe, die erste Liebesheirat, mit 40. Caroline wirkt mit ihrem Geist auch auf Schellings Arbeit, erst in Würzburg, dann in München. Und zwar so stark, dass Karl Jaspers später urteilen wird :

Unter den großen Philosophen ist es nur Schelling, für den eine Frau durch ihre Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung wurde […], durch ihr geistiges Wesen.


[1] Jahrelang stand in meinem Bücherregal »Begegnung mit Caroline«, ein Band mit Briefen von Caroline Schlegel-Schelling, herausgegeben und bevorwortet von Sigrid Damm, erschienen in Leipzig bei Reclam, 1984. Damals hatte die Deutsche Romantik in gewissen Kreisen fast so etwas wie eine widerständige Aura; nicht, dass ich ihr erlegen gewesen wäre.
[2] Ihre Kinder werden auf Grund von damals üblichen Seuchen, Krankheiten vor ihr sterben.
[3] Goethe – im Dienst der Weimeraner – gehörte zu den Belagerern der alten Reichshauptstadt, schrieb auch darüber. Überhaupt schauten fast alle Bürgerlichen zu, wie Mainz in Schutt und Asche gelegt wurde. – Die Mainzer lieben „ihre“ Räterepublik auch heute nicht; Georg Forster ist abgesehen von einer kleinen Forsterstraße in der Neustadt im Stadtbild nicht präsent.
[4] Hier: verächtlich für diejenige, die in einem eheähnlichen Verhältnis mit einem unverheirateten Mann lebt, bzw. für eine außereheliche Geliebte eines verheirateten Mannes; s. Deutsches Rechtswörterbuch

alle Zitate nach B. Sichtermann, siehe Die Frau, die einzig war, Bilder: Wikimedia Commons, bzw. Wikipedia