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Zukunft gestalten

Man muss nicht mit allem einverstanden sein, wofür Frank Schirrmacher mit seinem Denken und Publizieren steht. [1] Auch das, was er aktuell für seine Zeitung tut und verantwortet, was er dort an „neuen“ Themen und Diskussionen platziert, verdient Achtung. Es ist nicht nur spannend, es ist in meinen Augen über-relevant für unsere Gesellschaft, für unsere Zeit. So z.B. neben „Die Zukunft des Kapitalismus“ [2] nun die neue Serie „Digitale Intelligenz“.

Das Denken und die Technologie um Informatik und Genetik, prononciert in dieser Verbindung, wird in mehreren in letzter Zeit erschienen Artikeln thematisiert. Als erstes zu nennen wäre da die Berichterstattung zu EDGE, zur „Edge Master Class 2009 – A Short Course on Synthetic Genomics“ [3]. Schirrmacher kommentiert wie folgt :

This is breathtaking. The Edge Master Class must have been spectacular and frightening. Now DNA and computers are reading each other without human intervention, without a human able to understand it. This is a milestone, and adds to the whole picture: we don’t read, we will be read. What Edge has achieved collecting these great thinkers around is absolutley spectacular. Whenever I find an allusion to great writers or thinkers, I find out that they all are at Edge.

Dann, am vergangenen Sonntag – eine Woche vor der Bundestagswahl, aber weit darüber hinaus weisend – der überaus treffsichere und ausführliche Artikel »Aufstieg der Nerds: Die Revolution der Piraten«. Schirrmacher:

Nerds haben die Drehbücher unserer Kommunikation, […] mittlerweile unseres Denkens geschrieben. Sie sind die größte Macht der modernen Gesellschaft. Ihre Texte verstehen Außenstehende nicht, obwohl sich alle nach ihnen richten […] Was wir erleben, ist der Übertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik. Ob durchweg zum Guten, das lässt sich heute noch nicht sagen. […] Sie, die die Systeme kennen, müssen, wie seinerzeit die Renegaten der Atomspaltung, in politische Sprache übersetzen, was technisch möglich ist, was es aus uns macht und wie wir uns dagegen wehren können.


Lesen, heute

Die Brille

Korf liest gerne schnell und viel;
darum widert ihn das Spiel
all des zwölfmal unerbetnen
Ausgewalzten, Breitgetretnen.

Meistens ist in sechs bis acht
Wörtern völlig abgemacht,
und in ebensoviel Sätzen
läßt sich Bandwurmweisheit schwätzen.

Es erfindet drum sein Geist
etwas, was ihn dem entreißt:
Brillen, deren Energieen
ihm den Text – zusammenziehen!

Beispielsweise dies Gedicht
läse, so bebrillt, man – nicht!
Dreiunddreißig seinesgleichen
gäben erst – Ein – – Fragezeichen!!

Christian Morgenstern, »Galgenlieder«, 1905 [1]


Am Gutenberg-Museum Mainz

Der Berg gekaufter und zu lesender Bücher auf dem Regal wird immer größer, statt kleiner. Und das trotz selbst auferlegter Beschränkung beim Anschaffen und entspanntem Bemühen beim Lesen. Was soll man machen, gibt es doch überall Links, die einen dann zu weiteren Entdeckungen führen…

Doch das ist ein persönliches Luxusproblem. Ein Leidens- oder die Sinnfrage stellendes Problem könnte es für beruflich, wissenschaftlich mit Literatur befasste Menschen sein. Jedenfalls insofern sie sich nicht den neuen Möglichkeiten stellen (wollen): Literatur rechnen, statt lesen. Wie soll man eine Geschichte der Weltliteratur schreiben können, ohne alles, wirklich alles gelesen zu haben? Selbst für Literaturgeschichten einzelner Sprachkreise stellt sich diese Frage; der von wem auch immer aufgestellte Kanon reicht nicht als Datenbasis.

Warum also nicht von der Genetik lernen? Wissenschaftler wie J. Craig Venter sequenzieren „ins Blaue hinein“ das Meer, die Luft – und finden Spezies, die wahrscheinlich niemals ein Mensch als Individuum wird sehen können. Es sind spezifische Muster im Text. Und, alles ist Text! Und, die Menge der Daten macht herkömmliches wissenschaftliches Arbeiten unmöglich. [2]

Was kann man konkret tun? – Zum Beispiel gibt es das Projekt MONK, erläutert in einem spannenden Arbeitspapier [3], das ein Schlaglicht auf die Arbeit, von Computerlinguisten usw. in Sachen Literature Mining wirft.

Und für diese computerisierte Art des Herangehens an die Textmenge können sich offensichtlich auch deutsche Philologen begeistern, wie ich – den Berufststand doch etwas vorurteilsbehaftet sehend – heute lesen konnte! Der Göttinger Philologe Gerhard Lauer schrieb einen sehr lesenswerten Artikel [4], dem wiederum alle anderen hier zitierten Quellen entnommen sind:

Nur Computer sind die zukünftigen Leser, die Millionen Bücher distanziert lesen, verblüffenderweise so, dass sie dabei etwas entdecken können, was wir beim „dichten Lesen“ so nicht erkennen können.

Das wird mir beim Abarbeiten meines Bücherstapels nicht helfen. Die Größenordnung dieser Texte liegt aber auch nur im Mega-, nicht im Petabyte-Bereich.

[1] zitiert nach »Die Deutsche Gedichte-Bibliothek«
[2] »The End of Theory: The Data Deluge Makes the Scientific Method Obsolete«, Chris Anderson, Wired, 23. Juni 2008
[3] »How Not to Read a Million Books«, Tanya Clement u. a., Graduate School of Library and Information Science, Illinois Informatics Institute, University of Illinois
[4] »Lektüre im Computerzeitalter«, Gerhard Lauer, FAZ, 26.08.2009, Seite N3


Biolumineszierte Städte

„Das Neandertal-Experiment war zugleich der Höhe- und der Tiefpunkt der genetischen Revolution. Ein Erfolg war es insofern, als es gelang, diesen längst ausgestorbenen Cousin des Homo sapiens zurückzuzüchten, gleichzeitig aber auch ein Fehlschlag, weil die Wissenschaftler […] nicht weitsichtig genug gewesen waren, um zu begreifen, dass eine neue menschliche Spezies erhebliche soziale Probleme in der Welt auslösen musste, die solche Wesen seit dreißigtausend Jahren nicht mehr gesehen hatte […] Der Homo sapiens erwies sich als höchst un-sapiens.“
Gerhard von Squid, »Neandertaler. Rückkehr nach kurzer Abwesenheit«
Jasper Fforde, »In einem anderen Buch«


Die EDGE Foundation hat eine Summer Class zu Systembiologie, zu synthetischer Genomik abgehalten. Das ist sicher ein spannendes Thema, man kann sich dort auf der EDGE-Website schlau machen, worum es geht. FAZ und SZ berichteten ausführlich, haben offensichtlich überhaupt ihr Ohr an der Leitung. In der FAZ beschreibt Ed Regis unter der etwas reißerischen Überschrift „Der aktuelle Katalog der Schöpfung ist da“ ziemlich sachlich und unaufgeregt angedachte, auf der Konferenz vorgestellte und durchaus vorstellbare Szenarien. Wollhaarmammuts und Neandertaler gehören dazu. – Die meisten Bedenkenträger sind offensichtlich in den Ferien, der Aufschrei (Es kömmt darauf an, die Welt zu interpretieren, nicht sie zu verändern!) hielt sich in Grenzen.

Jasper Fforde imaginiert mit seinen Thursday-Next-Romanen ein Großbritannien, in dem Mammutherden durch die Lande ziehen und bestaunt werden, in dem Neandertaler – die Rückzüchtung war zwar ein wissenschaftlicher Erfolg, die vorgesehene Nutzung als Versuchsobjekt ethisch aber nicht durchsetzbar – als billige Arbeitskräfte und beliebtes Steuerabschreibungsobjekt fungieren. Das war Anfang des Jahrtausends.

Gestern nun lese ich einen sehr interessanten, von Sebald (»The Rings of Saturn«) sowie Glühwürmchen inspirierten Beitrag von Geoff Manaugh in seinem BLDGBLOG: The Bioluminescent Metropolis. Er fragt sich, was wäre, was sein könnte, wenn Architekten, Landschaftsarchitekten und Industriedesigner das Potenzial biolumineszierender Organismen in ihre Entwürfe und zu realisierenden Projekte einbeziehen würden.

Perhaps there really will be a way to using glowing vines on the sides of buildings as a non-electrical means of urban illumination.

Eine biolumineszierende Tabakpflanze, Bild via Wikivisual

Wer jemals in einer Höhle war und dort die leuchtenden Kolonien von Pilzmücken (glow worms) erlebt hat, versteht vielleicht auch die abschließende Vision des Manaughs:
But what if a city, particularly well-populated with fireflies (so much more poetically known by their American nickname of lightning bugs) simply got rid of its public streetlights altogether, being so thoroughly drenched in a shining golden haze of insects that it didn’t need them anymore? You don’t cultivate honeybees, you build vast lightning bug farms. How absolutely extraordinary it would be to light your city using genetically-modified species of bioluminescent nocturnal birds, for instance, trained to nest at certain visually strategic points – a murmuration of bioluminescent starlings flies by your bedroom window, and your whole house fills with light – or to breed glowing moths, or to fill the city with new crops lit from within with chemical light. An agricultural lightsource takes root inside the city. Using bioluminescent homing pigeons, you trace out paths in the air, like GPS drawing via Alfred Hitchcock’s »The Birds«. An office lobby lit only by vast aquariums full of bioluminescent fish! Bioluminescent organisms are the future of architectural ornament.

Irgendwie ist mir das viel sympathischer als Mammuts und Neandertaler.

Listen, Listen, Listen

Foto: Time Magazine

So auch beim TIME Magazine: The Best Inventions of the Year 2008. Einige davon haben wirklich das Zeug dazu, unser Leben, unser Wissen darüber umzukrempeln.

23andMe’s Retail DNA-Test auf Platz 1 (der Liste). Der Large Hadron Collider, obwohl er Startschwierigkeiten hatte. Jede Menge intelligente Prothesen und „soziale“ Roboter sowie Innovationen mit energiewirtschaftlichem Hintergrund. (Da fällt mir Updating Germany – 100 Projekte für eine bessere Zukunft –, die noch bis Februar laufende, sehr sehenswerte Ausstellung im DAM Frankfurt ein.)

Dagegen wirkt die Entdeckung von so etwas „altem“ wie einer Primzahl zunächst etwas merkwürdig, ist aber gut begründet, und hat für Platz 29 auf der Liste gereicht. Konkret: der neue Primzahl-Rekord ist 243112609-1. Diese Zahl hat 12,9 Millionen Stellen und ist damit die erste Primzahl mit mehr als 10 Millionen Stellen. (Mehr dazu dort und dort im Mathlog.)

(Die komplette Liste umfasst 50 Positionen.)

Das Taschenbuch des Lebens

Die Taschenbuchausgabe soll einmal etwa 1.000 USD kosten. Das meldete die Zeit schon im Juni 2006 („Genetik für alle„). Mit einem Ausriss dieses Artikels sowie einem Hinweis auf den unten referenzierten Wired-Artikel begann Christina Brandt heute ihren Vortrag „Die Sprache der Gene? Metaphern in den Biowissenschaften“. (Der letzte Vortrag im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Im Reich der Wörter – Gespräche über Sprache“ der Max-Planck-Gesellschaft anlässlich des Wissenschaftsjahres der Geisteswissenschaften.)

Ich fand den Vortrag etwas mau, für meinen Geschmack wurde zu viel behauptet (z. B. die Wechselbeziehung zwischen Metaphern und Entwicklung der Forschung) statt an Beispielen bewiesen, sowie die religiös-spirituelle Grundierung der meisten Metaphern nicht gedeutet. Vielleicht eine Frage der verfügbaren Zeit. Die kleine Fallstudie zu metaphernreichen Texten von Gerhard Schramm war gleichwohl interessant.

Wie Antje letztens schon festgestellt hat, purzeln die Preise für Personal Genome Services. In ein paar Jahren wird die Tausendermarke erreicht sein. – Was werden wir mit den Ergebnissen anfangen?

Im Lifestyle-Organ der Techies und Geeks ist das Thema inzwischen übrigens auch angekommen: „23AndMe Will Decode Your DNA for $1,000. Welcome to the Age of Genomics„.

UPDATE: Gentest 2.0 kommt nach Deutschland