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Platz der Mainzer Republik

„Tocqueville gab mit L’Ancien régime et la révolution, 1856, den Anstoß zu einer großräumigen Betrachtung, in der die Französische Revolution keinen absoluten Bruch, geschweige denn einen Ursprung bedeutete, ausgenommen den des egalitären Mythos. Vielmehr wäre sie eine Episode in einem längeren Prozeß gewesen, der schon bei Richelieu und Louis XIV. Kontur gewonnen hatte: Dieser zielte auf die Herausbildung eines modernen Verwaltungsstaats, zu dessen wohlverstandenem Funktionieren eine bürgerliche, in Maßen demokratische Gesellschaft gehören sollte. Folglich lag die revolution auf der Linie der besseren Ancien régime, genauer der Herrschaft der großen Kardinäle und Louis‘ Quatorze.“
Peter Sloterdijk über Tocqueville in »Zeilen und Tage, Notizen 2008-2011«, S. 580/581


PlatzMZ-Republik

Am 18. März 2013 wurde der kleine Teil des Deutschhausplatzes vor dem rheinland-pfälzischen Landtag in Platz der Mainzer Republik umbenannt. Ein Kompromiss.

Die Umbenennung und die damit Gewürdigte – französischer Revolutionsexport, deutscher Demokratieversuch und Eingliederung in den französischen Jakobinerstaat – sind in der Stadt sehr umstritten.

Vermutlich ist es ja so, wie die Feierredner verkündeten, dass die positiven Aspekte überwiegen, dass die Mainzer Republik die Demokratie in Deutschland vorangebracht hat. (Auch dass es eine personelle, familiäre Kontinuität von rheinhessischen Jakobinern hin zu den Akteueren des Hambacher Festes gibt.) Jedoch kann man wahrlich nicht von allgemeinen, freien, demokratischen Abläufen sprechen, jedenfalls nicht unter heutigen Demokratie-Kriterien.

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Ein paar Quellen.

Passendes aus der Schriftenreihe des Landtags Rheinland-Pfalz:
#55 – Franz Dumont, Die Mainzer Republik 1792/93 (mit Jakobiner-Biographien und Exkursen zur gesamten „Franzosenzeit“ in Mainz bis 1814) – PDF
#51 – Anfänge der modernen Demokratie in Mainz – das „Deutschhaus“ als Erinnerungsort – PDF
#25 – „Nur freie Menschen haben ein Vaterland“ – Georg Forster und die Mainzer Republik (Vortrag von Klaus Harpprecht, 2004) – PDF

Artikel von Franz Dumont in der Allgemeinen Zeitung vom 26.06.2012: Mainzer Republik: Franz Dumont sieht Monate des ersten demokratischen Modells auf deutschem Boden unzureichend gewürdigt
Bericht in der Allgemeinen Zeitung vom 26.06.2012: Bürger üben bei Symposium weiter Kritik an Umbenennung des Deutschhausplatzes in „Platz der Mainzer Republik“
Bericht zur Platz-Umbennung in der Allgemeinen Zeitung, 18.03.2013

s.a. hier im Blog (eher Unkritisches)
Mainzer Republik mit Kontra-Kommentar des Stadtführers und Buchautors Helmut Lehr
Liebes- und Produktionsverhältnisse

Mainzer Republik

Manchmal versucht Lokalpolitik über den Tellerrand zu schauen, nach den Rockzipfeln der Geschichte zu greifen.

Der Rheinisch-Deutsche Freistaat, besser bekannt als Mainzer Republik, konstituierte sich im März 1793. Da war, nach zunächst als Befreiung empfundener, begrüßter französischer Besatzung, die Revolutionsbegeisterung der Mainzer schon fast verschwunden. Nur 372 Mainzer, etwa acht Prozent aller Wahlberechtigten, beteiligten sich an der Parlamentswahl. 126 Gemeinden, darunter Speyer, Worms und Bingen schickten ebenfalls Abgeordnete ins Mainzer Parlament. Unter ihnen waren radikale Jakobiner und konservative ehemalige Ratsherren. Gleichwohl werden sie heute als die ersten demokratisch gewählten Parlamentarier im Reich bezeichnet. Dieser erste deutsche Demokratieversuch gilt als die Geburtsstunde bürgerlicher Demokratie in Deutschland.

Wie es endete wissen wir. Mainz wird von preußischen, sächsischen, österreichischen, hessischen Truppen umzingelt, belagert, in Brand geschossen. (Goethe war dabei.) Die unterlegenen Franzosen ziehen ab. Nachdem das Gebiet wieder zum Reich gehört, wagt sich auch der Erzbischof Erthal aus seiner Zweitresidenz Aschaffenburg zurück. Während in Frankreich die Revolution in die blutige Diktatur des Wohlfahrtsausschusses umkippt, werden verbliebene deutsche Republikaner für Jahre inhaftiert; die Revolution, die nur durch die Franzosen zustande kam, die Revolution, die vor allem von den Intellektuellen getragen wurde, scheiterte. (Das sollte sich wiederholen)

Georg Forster war so einer, in erster Reihe. Der Geograph, Naturforscher und Literat, der mit James Cook die Welt umsegelte, der vom Erzbischof zum Leiter der Universitätsbibliothek Berufene war Vorsitzender des Mainzer Jakobinerklubs, später Vizepräsident des Parlaments und Überbringer der „Reunionsadresse“ an das französische Parlament.

Auf den heutigen Straßen und Plätzen in Mainz erinnert sehr zu meiner Verwunderung nichts, kein Denkmal, kein Straßen- oder Platzname, wahrscheinlich auch keine Gedenktafel an das bedeutende Ereignis oder an Georg Forster.

Doch das könnte sich im kommenden Jahr ändern. Der Ortsbeirat Altstadt hat sich am 28.10.2009 fraktionsübergreifend und einstimmig für die Umbenennung des Deutschhausplatzes und des Ernst-Ludwig-Platzes in „Platz der Mainzer Republik“ ausgesprochen (Bericht). Auch aus dem Landtag kommt Unterstützung, sogar ein Georg-Forster-Denkmal soll es geben.

Auf einmal sind alle dafür. – Besser spät, als nie. Genau wie im Falle Gutenbergs.

Liebes- und Produktionsverhältnisse

„All You Need Is Love.“
John Lennon, 1967


Keiner hat, soweit ich bisher sah und las, die Verschränkung von Liebes- und Produktionsverhältnissen so wort- und bildreich und zugleich analytisch beschrieben, wie Klaus Theweleit im unvollendeten »Buch der Könige«: Benn, Brecht, Freud, Hamsun, Kafka, … und die mediale, ihre Produktion befeuernden Frauen. (Dazu gehört die strategische Partnerwahl. Dieser »Objektwahl« widmet sich Theweleit speziell auch in der gleichnamigen Arabeske zum »Buch der Könige«.) So weit, so gut – im 20. Jahrhundert.

Caroline Schlegel, porträtiert von J. F. A. Tischbein, 1798 © Tischbein / Quelle: Wikipedia (s.u.)

Barbara Sichtermann beschreibt in ihrem gerade in der ZEIT veröffentlichten, kurzen Essay den Fall einer Frau, die weitgehend ihrem Lebensentwurf folgt. Dazu gehört die Wahl des passenden Mannes, und das war für das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert gewiss nicht üblich. Sie heißt Caroline Michaelis, besser bekannt unter den Namen ihrer Männer: Böhmer, Schlegel, Schelling [1].

Caroline wuchs in einem Akademikerhaushalt in Göttingen auf, war ein Mädchen mit Geist, das leben wollte wie ein Geistesmensch, der sich niemals verlieben will:

Fern von mir sei jede romanhafte Idee. Ich würde, wenn ich ganz mein eigener Herr wäre, weit lieber gar nicht heiraten und auf andere Art der Welt zu nutzen suchen.

Es kommt jedoch die erste Ehe, mit dem Arzt Böhmer, da ist sie 21 Jahre alt und sagt:

Man schätzt ein Frauenzimmer doch immer nur nach dem, was es als Frauenzimmer ist.

Also als Gattin, Hausfrau, Mutter [2]. So eine Existenz ist nicht an ein Liebesverhältnis zum Manne gebunden.

Der Mann stirbt, die junge Witwe und Mutter ist in Göttingen sehr begehrt. Zum Beispiel vom jüngeren August Wilhelm Schlegel, den sie aber abblitzen lässt. Es ist 1789, sie bekommt „französisches Fieber“, sucht den Flirt mit den Jakobinern und geht 1792 nach Mainz zu Georg Forster, dem Naturforscher, der mit Cook um die Welt segelte. Sie freut sich auf die im gleichen Jahr Mainz erobernden Franzosen, verliebt sich in einen jungen Offizier, der »schön wie ein Götterbild« ist.

Sie genießt es Geistesmensch zu sein, nun an der Seite Forsters. Als die Mainzer Räterepublik [3] verglüht, wird die Fliehende mit ihrem Kind Auguste (und dem noch ungeborenen des französchen Leutnants) inhaftiert, kommt aber auf Betreiben ihres Bruders hin schließlich frei. – August Wilhelm Schlegel bietet sich als verschwiegener Helfer in der Not an, dessen wiederum jüngerer Bruder Friedrich Schlegel verliebt sich in die werdende Mutter.

Thorwaldsen: Auguste Böhmer, ihrer Mutter Caroline ein Trinkgefäß reichend / Quelle: Wikipedia (s.u.)

Doch Carolines bürgerliche Existenz ist verspielt, sie gilt als Franzosenliebchen und Kebsweib [4] Forsters. Die Brüder Schlegel jedoch retten sie erneut: der jüngere Friedrich überredet seinen Bruder, Caroline zu heiraten. Zumindest aus Carolines Sicht ist es die zweite Vernunftehe.

Von dieser profitiert auch August Wilhelms philologische Arbeit. Sie ist mit den Schlegels in Jena dabei, als die deutsche Frühromantik um die Jahrhundertwende ihren kurzen aber heftigen Frühling hat.

Und nun verliebt sie sich doch wieder, in Friedrich Wilhelm Schelling, zwölf Jahre jünger als sie. Das sprengt den Jenaer Kreis. Und sie steht abermals außerhalb, wird von den Gefährten verstoßen. Das trägt zu den wahnhaften, depressiven Zügen bei, die Caroline und Schelling in ihrer Beziehung vorübergehend erleben.

Scheidung dann von Schlegel und dritte Ehe, die erste Liebesheirat, mit 40. Caroline wirkt mit ihrem Geist auch auf Schellings Arbeit, erst in Würzburg, dann in München. Und zwar so stark, dass Karl Jaspers später urteilen wird :

Unter den großen Philosophen ist es nur Schelling, für den eine Frau durch ihre Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung wurde […], durch ihr geistiges Wesen.


[1] Jahrelang stand in meinem Bücherregal »Begegnung mit Caroline«, ein Band mit Briefen von Caroline Schlegel-Schelling, herausgegeben und bevorwortet von Sigrid Damm, erschienen in Leipzig bei Reclam, 1984. Damals hatte die Deutsche Romantik in gewissen Kreisen fast so etwas wie eine widerständige Aura; nicht, dass ich ihr erlegen gewesen wäre.
[2] Ihre Kinder werden auf Grund von damals üblichen Seuchen, Krankheiten vor ihr sterben.
[3] Goethe – im Dienst der Weimeraner – gehörte zu den Belagerern der alten Reichshauptstadt, schrieb auch darüber. Überhaupt schauten fast alle Bürgerlichen zu, wie Mainz in Schutt und Asche gelegt wurde. – Die Mainzer lieben „ihre“ Räterepublik auch heute nicht; Georg Forster ist abgesehen von einer kleinen Forsterstraße in der Neustadt im Stadtbild nicht präsent.
[4] Hier: verächtlich für diejenige, die in einem eheähnlichen Verhältnis mit einem unverheirateten Mann lebt, bzw. für eine außereheliche Geliebte eines verheirateten Mannes; s. Deutsches Rechtswörterbuch

alle Zitate nach B. Sichtermann, siehe Die Frau, die einzig war, Bilder: Wikimedia Commons, bzw. Wikipedia