Posts Tagged: Geschichte

Merkantilmuseum Bozen

Das Merkantilgebäude war alter Sitz des Merkantilmagistrats, d.h. des Messegerichts, das Bozen mit Privileg des Landesfürstin Claudia de‘ Medici 1635 erhielt, um den Handel in der Stadt zu neuer Blüte zu verhelfen. Der Magistrat konnte außerordentliche Maßnahmen ergreifen, um in kurzer Zeit Streitigkeiten zwischen den Handelnden aus verschiedene Städten zu regeln.

Das aktuelle Gebäude wurde zwischen 1708 und 1727 von den Gebrüder Architekten Giovanni und Giuseppe Delai nach den Plänen des Veroneser Architekten Francesco Perotti erstellt.

(Quelle: bolzano.net)

Im Merkantilmuseum Bozen:

Wege des Geldes

Am 14. April 2014 erscheint Alexander Kluges neues Buch, das von den VOLLTEXTlern vorab schon als sein wichtigstes, als unser — der Deutschen — wichtigstes Buch bezeichnet wird. (Sie mögen Recht haben, aber Kluges Produktion von Büchern und Filmen, die Frequenz der Neuerscheinungen überfordert mich als Gelegenheitsleser, das zu prüfen.)
Eine sehr kurze Geschichte hat es mir angetan und wird hier nach dem Vorabdruck in VOLLTEXT 1/2014 zitiert:

Wege des Geldes
Wie auf einer Insel amtierte in der Stadt Schneidemühl, weit hinter den Fronten der Roten Armee, noch eine Telefonvermittlung und, örtlich davon getrennt, in einem Nebengebäude des Geldhauses ein Referent der Deutschen Bank. So wurden vom Konto einer Holzgroßhandlung 300.000 Reichsmark telegrafisch nach Minden transferiert, das bereits britisch besetzt war, und auf dem Konto des Bruders des Kontoinhabers, der ebenfalls Holzgroßhändler war, gutgeschrieben. Das Kapital floß ungegenständlich, und ohne Waffenwirkung durchquerte es elektrisch sieben militärische Machtzonen (da weit vorgestoßene sowjetische Kolonnen mit Widerstandsnestern deutscher Truppen und mit alliierten Gruppierungen abwechselten) über Drähte, die noch aus der Friedenszeit an Eisenbahntrassen entlangführten.

Alexander Kluge, 30. April 1945. Der Tag, an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann.

Bücher aus französischem Säkularisationsgut

Begleitschreiben_Fischer

Gestern bekam die Wissenschaftliche Stadtbibliothek Mainz ein neues Digitalisat:

Verzeichnis der ersten drei Lieferungen von Büchern aus französischem Säkularisationsgut mit Begleitschreiben G. Fischers an den Maire Macké vom 1.10.1801 (9 Vendemiaire X)

StB Mainz, Sig.: Hs III 84

(via H. J. Neuhaus)

Platz der Mainzer Republik

„Tocqueville gab mit L’Ancien régime et la révolution, 1856, den Anstoß zu einer großräumigen Betrachtung, in der die Französische Revolution keinen absoluten Bruch, geschweige denn einen Ursprung bedeutete, ausgenommen den des egalitären Mythos. Vielmehr wäre sie eine Episode in einem längeren Prozeß gewesen, der schon bei Richelieu und Louis XIV. Kontur gewonnen hatte: Dieser zielte auf die Herausbildung eines modernen Verwaltungsstaats, zu dessen wohlverstandenem Funktionieren eine bürgerliche, in Maßen demokratische Gesellschaft gehören sollte. Folglich lag die revolution auf der Linie der besseren Ancien régime, genauer der Herrschaft der großen Kardinäle und Louis‘ Quatorze.“
Peter Sloterdijk über Tocqueville in »Zeilen und Tage, Notizen 2008-2011«, S. 580/581


PlatzMZ-Republik

Am 18. März 2013 wurde der kleine Teil des Deutschhausplatzes vor dem rheinland-pfälzischen Landtag in Platz der Mainzer Republik umbenannt. Ein Kompromiss.

Die Umbenennung und die damit Gewürdigte – französischer Revolutionsexport, deutscher Demokratieversuch und Eingliederung in den französischen Jakobinerstaat – sind in der Stadt sehr umstritten.

Vermutlich ist es ja so, wie die Feierredner verkündeten, dass die positiven Aspekte überwiegen, dass die Mainzer Republik die Demokratie in Deutschland vorangebracht hat. (Auch dass es eine personelle, familiäre Kontinuität von rheinhessischen Jakobinern hin zu den Akteueren des Hambacher Festes gibt.) Jedoch kann man wahrlich nicht von allgemeinen, freien, demokratischen Abläufen sprechen, jedenfalls nicht unter heutigen Demokratie-Kriterien.

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Ein paar Quellen.

Passendes aus der Schriftenreihe des Landtags Rheinland-Pfalz:
#55 – Franz Dumont, Die Mainzer Republik 1792/93 (mit Jakobiner-Biographien und Exkursen zur gesamten „Franzosenzeit“ in Mainz bis 1814) – PDF
#51 – Anfänge der modernen Demokratie in Mainz – das „Deutschhaus“ als Erinnerungsort – PDF
#25 – „Nur freie Menschen haben ein Vaterland“ – Georg Forster und die Mainzer Republik (Vortrag von Klaus Harpprecht, 2004) – PDF

Artikel von Franz Dumont in der Allgemeinen Zeitung vom 26.06.2012: Mainzer Republik: Franz Dumont sieht Monate des ersten demokratischen Modells auf deutschem Boden unzureichend gewürdigt
Bericht in der Allgemeinen Zeitung vom 26.06.2012: Bürger üben bei Symposium weiter Kritik an Umbenennung des Deutschhausplatzes in „Platz der Mainzer Republik“
Bericht zur Platz-Umbennung in der Allgemeinen Zeitung, 18.03.2013

s.a. hier im Blog (eher Unkritisches)
Mainzer Republik mit Kontra-Kommentar des Stadtführers und Buchautors Helmut Lehr
Liebes- und Produktionsverhältnisse

Meek’s Cutoff

»Meek’s Cutoff« ist den Kinobesuch auf jeden Fall wert. Gestern waren fast so viele Besucher im Mainzer Palatin, wie im Film Darsteller spielten. Immerhin.

Die amerikanische Indie-Regisseurin Kelly Reichardt hat einen intensiven Film über Aspekte des Oregon Trails 1840f. gedreht. Das traditionelle 4:3-Format erweist sich für die Konzentration als förderlich. Das Licht, die Farben, der Sound, die Story, die Figuren – alles ist treffsicher arrangiert und keine Sekunde langweilig. (Vielleicht ist Michelle Williams als Emily Tetherow schon ein klein wenig zu viel „Star“.) Es geht um Vertrauen, um konkurrierende Vorstellungen über den zu gehenden Weg. Dass diese konkreten Konflikte zwar eskalieren, aber nicht gelöst werden sondern offen bleiben, gefiel mir.

In den Jahren 1840 bis 1870 durchquerten mehr als eine Viertelmillion Menschen den amerikanischen Kontinent, um den Westen der USA zu besiedeln. Lillian Schlissel, 1982 bei Erscheinen des Buches Direktorin des Seminars für American Studies am Brooklyn College in New York, hat die Tagebücher von westwärts gehenden Frauen zusammengetragen, kommentiert und mit zeitgenössischen Photos versehen: »Frauentagebücher aus dem Wilden Westen«. Darin, auf Seite 45, findet sich folgendes Zitat der damals 13jährigen Lucy Hall Bennett, das den Hintergrund der Story des Filmes erläutert:

Wir trafen Steve Meek, der uns von einer besseren Route nach Willamette Valley erzählte. Ein Teil des Zuges weigerte sich, diese Abkürzung zu nehmen, und zog auf der alten Emigrantenstrecke weiter, aber viele folgten Meek auf dem Weg, der seither ‚Meeks Abkürzung‘ heißt… Die Route war zuvor von den Pelzhändlern der Hudson Bay Company benutzt worden und war vielleicht für Lastpferde geeignet, aber sicher nicht für Emigranten auf Ochsenkarren. Das Wasser war voller Alkali, man konnte es kaum trinken. Es gab nur wenig Gras, und nach kurzer zeit hatte all unser Vieh wunde Füße von dem spitzen, steinigen Untergrund. Nachdem mehrere aus unserer Reisegruppe gestorben waren, wurde deutlich, daß Meek absolut nichts über die Route wußte.

s.a. die Rezension auf ZEIT-Online, Christoph Hochhäuslers virtuellen Meek’s Cuttoff Filmclub, Thomas Grohs Besprechung beim Perlentaucher (zweite Hälfte des Textes)