Posts Tagged: Heinz von Foerster

Information, Kommunikation

Vor über einem Jahr hatte ich einen Braindump in Sachen Daten, Informationen, Wissen. Mir stieß und stößt die häufig ungenaue Verwendung dieser Kategorien im Alltag auf. Damals zitierte ich Heinz von Foerster mit

Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage.

und eben dies kam mir in den Sinn, als ich in der Zeit ein kurzes Interview zum Thema Kommunikation und Information las.

Der Interviewte, ein Herr Krotz, bezeichnet als einen der größten Irrtümer, dass man lange Zeit ein zu schlichtes Modell von Kommunikation hatte, diese als Informationstransport betrachtet habe: Wer sagt was zu wem über welchen Kanal? Der Fokus lag auf beobachtbaren Prozessen, die entscheidenden, in uns ablaufenden Prozesse wurden ignoriert.

Es kommt nicht so sehr darauf an, wer was sagt, sondern wer was versteht.

Dies all denen ins Stammbuch, die meinen, sie informieren doch, also hätten sie keinerlei Kommunikationsdefizite.

Daten, Informationen, Wissen

Menschen kreieren auf Grund individueller Relevanzkriterien aus Daten Informationen. Aus diesen wiederum können sie mit Hilfe ihrer gleichfalls individuellen Erfahrungsmuster Wissen generieren.

Individuelle Relevanzkriterien und Erfahrungsmuster können maßgeblich durch die Gesellschaft geprägt, aber (zum Glück) nie identisch sein. Dazu passt, was Heinz von Foerster als hermeneutisches Prinzip formulierte:

Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage.

Für n=2 Individuen könnte das schematisch so dargestellt und die Frage gleich mitformuliert werden:

Ist unsere anhaltende Rede vom Informations- und Wissenstransfer, Semantiken und Ontologien zum Trotz, Bullshit?

Wahrheit

Der Physiker Heinz von Foerster schlug vor bzw. praktizierte es mit seinen Studenten, dass jeder, der ein Wort wie „Realität“, „tatsächlich“, „Wahrheit“, „Objektivität“ verwendet, ein paar Dollar in eine Kasse einzahlt, deren Inhalt dann irgendwann für eine gemeinsame Unternehmung verwendet wird.

Derzeit würde da ziemlich viel zusammenkommen. Geld, dass man sinnvoll, zum Beispiel für sparsameren Umgang mit den Ressourcen, ausgeben könnte.

(zur „Wahrheit“ s.a. bei Side Effects)

Organisation? Management?

Ich lese gerade teils wunderbare da nachdenklich machende und dabei auch amüsierende Essays des Soziologen und Wirtschaftswissenschaftlers Frank. E. P. Dievernich: »Achtung Organisation! Vorsicht Management!« Der erste Essay, „Der Kunde ist die Katastrophe“, bescheibt das Entgleiten des Kunden, wie dieser sich von Unternehmen löst, eigene Entscheidungen trifft, zum Verdammnis wird.

Der zweite Essay, „Re-Activate the Management – Zur Verantwortung des Beobachters“ hat mich dann völlig in den Bann gezogen. Dievernich beruft sich hier auf Heinz von Foerster, auf dessen Figur des Beobachters. Alles was wir beobachten, sind Beobachtungen eines Beobachters, nicht die (objektive) Realität! Wir konstruieren uns die Wirklichkeit, spielen unsere Beobachtungen in das System (Unternehmen, Organisation) ein – und sollten dafür, für die geschaffene Wirklichkeit die Verantwortung übernehmen. Und da, wo im System qua rationaler Logik sich die Entscheidungen nicht selbst treffen können, da sind wir gefragt. Nach von Foerster können wir eh nur die unentscheidbaren Fragen entscheiden. – Die Wiederbegegnung (1, 2, 3) mit von Foerster’schen konstruktivistischen, kyber(n)et(h)ischen Ideen ist für mich ein Genuss.

Weitere Essays, deren Titel neugierig machen, sind u.a. „Unternehmen suchen den Superstar“, „Kommunikationsangst in Unternehmen“, „Leidenschaftslose Organisationen“, „Emotionen als Grundlage von Organisationen“ und „Entakademisierende Organisationen“ – zu letzteren gehören übrigens auch diejenigen Organisationen, die sich genuin der Bildung und Wissenschaft verschrieben haben, und sich zunehmend dem ökonomischen Paradigma der kurzfristigen, auf Effizienz bedachten Anschlussfähigkeit unterwerfen. Das Schlagwort von der „Lernende Organisation“ ist so etwas wie ein unfreiwilliger Witz, denn „Lernende Organisationen“ scheitern regelmäßig an der Haltung des einzelnen „Insassen“ der Organisation, die da lautet: „Das haben wir noch nie so gemacht, das war schon immer so und da kann ja jeder kommen.“

In den insgesamt 14 Essays auf 157 Seiten stecken viele interessante Beobachtungen (sic!), Anregungen, Lesevergnügen.

Das Netz & Die paranoide Maschine

Im April hatte ich den sehr interessanten Film »Das Netz« von Lutz Dammbeck gesehen (und hier darüber geschrieben). Es geht um Technik- und Wissenschaftsgeschichte des Computers, der Informationstechnik und Kybernetik, insbesondere an den Schnittstellen zur Biologie, es geht um die Ein- und Angebundenheit dieser in der Gesellschaft und an Persönlichkeiten. Es geht um das Phantasma von Technokraten, Alles und Jeden kontrollieren zu können. Es geht darum, wie sich Wissenschaftler dem aus mir verständlichen Ehrgeiz hingeben – oder eben verweigern. (Wobei nicht jeder Verweigerer zum Unabomber wird.) Dammbeck betrachtet die Sache mit dialektisch geschultem Blick, kritisch aber ganz und gar nicht technik- oder wissenschaftsfeindlich.

Dieses jedoch unterstellt ihm ein anderer Autor: Peter Krieg, über dessen Buch »Die paranoide Maschine« ich mich vor kurzem hier ausführlich ausgelassen habe. Lutz Dammbeck per Mail:

Die Sache mit Peter Krieg, den ich als Filmemacher immer schätzte, hat insofern einen ironischen Aspekt, weil er bisher die schärfste Kritik an mir + Film formuliert hat (nach einer Vorführung Ende 2003 im Wittgenstein-Haus in Wien zum HvFoerster-Kongress:“.. war entsetzt ueber die talibanistische Technikkritik, die eigentlich voellig die Position des Unabombers uebernimmt…eine paranoide Darstellung der Geschichte der Kybernetik…das ganze war wie die Auferstehung des guten alten DDR-Propagandafilms aus den Zeiten des Kalten Krieges…“usw.)

Ich kenne die Motive des Herrn Krieg für diesen Rundumschlag nicht. Egal, sein Buch »Die paranoide Maschine« bleibt bemerkenswert. Und der Film »Das Netz« zieht weiter seine Wirkungskreise, ist in den Seminaren einiger Hoch- und Fachschulen und Kunstakademien angekommen, führt zu Folgeprojekten. Interessant finde ich vor allem Travestien der Kybernetik – Die Macy-Konferenzen und ihr Einfluss an der FU Berlin.

s.a. die Website zum Film »Das Netz«