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Überraschung in Schwarz / Weiß

»Persepolis« ist wirklich ein herzerwärmender Film, für mich einigermaßen erstaunlich, weil eine Comic-Verfilmung.

Wahrscheinlich ist der Verfremdungseffekt notwendig, um solch‘ starken Tobak unterhaltsam zu erzählen.

Wie Holger empfand ich die Story von Marjane Satrapi sehr authentisch erzählt, die Familiengeschichten, die Geschichten einer Kindheit und Jugend, die Geschichte des Iran. (Hinsichtlich des Irak-Iran-Krieges bleibt mir anzumerken, dass nicht nur der Westen beide Seiten mit Waffen beliefert hat. Auch der Osten. – Aber vielleicht haben die kleinasiatischen Parteien das gar nicht unterschieden, die kalten europäischen Kriegsparteien: alles Westen.)

Novembersätze

Nach Nummern ohne wirkliche Glanzlichter entschädigt mich die Zeit diesmal mit einigen wirklich guten Beiträgen. Merkwürdigerweise im Feuilleton.

Die Exil-Iranerin Marjane Satrapi (»Persepolis«) unterläuft mehrmals im Interview die Erwartungen der Fragerin, weist die westliche Deutungshoheit hinsichtlich korrektes Gebaren zurück. Und: sie hat „immer noch Sterne in den Augen“.

Der rumänische Film »4 Monate. 3 Wochen. 2 Tage.« von Christian Mungiu, eine ungeschönte „subjektive Bestandsaufnahme des Kommunismus in Rumänien“ gewann überraschenderweise in diesem Jahr die Goldene Palme. – Frau Radisch meint, vermutlich zutreffend:

Dass im glitzernden Cannes ausgerechnet dieser nackte, ganz auf die menschlichen und filmischen Grundbausteine reduzierte Film die Goldenen Palme gewann, erzählt nebenbei noch von einer anderen, ernst zu nehmenden Tragödie: vom Überdruss des Westens an sich selber, von der Sehnsucht nach einem Leben jenseits der Mattscheibe.

Dumm baut gut. So ist der Artikel über den Dresdner Elbbrückenbau-Skandal überschrieben. Dieser handelt von der typisch sächsischen Melange aus Korruption, Naivität, Obrigkeitsglauben und Hemdsärmeligkeit, handelt von eigenartigen Rechenkünsten, dem Betrug an den Bürgern sowie der Verweigerung eines Santiago Calatrava oder Norman Foster. – Evelyn Finger bringt für mich in diesem Artikel das gegenwärtige Ostdeutschland mit seinem Drang zu sinnlosen infrastrukturellen Großprojekten auf den Punkt, und zwar mit der Feststellung:

Weil auch die Brücke ein Symbol ist. Sie steht für Beschleunigung, Zweckoptimismus und Wachstumswahn im schrumpfenden Ostdeutschland. Sie ist eine Chiffre der trügerischen Hoffnung, dass man die real existierende Stagnation durch einen utopischen Kapitalismus beheben könne. Wo der Euro nicht mehr richtig rollt, wird künstlich Bewegung erzeugt. Denn das sind die großen Ängste der Brückeneuphoriker: vom Fortschritt abgehängt zu werden. Im Grünen Gewölbe hocken zu bleiben.


Offside

Coole Mädels und tumbe Jungs vom Lande in Uniform, erstere wollen ins Stadion und danach mit der iranischen Mannschaft nach Deutschland zur WM, letztere wissen gar nicht so richtig, worum es da drinnen im Stadion eigentlich geht: Fussball, Gesellschaft in Absurdistan – das geht nur, das geht sehr gut als Komödie. Offside.


Aus einem Kommentar in der IMDB:

However, thinking now about Offside, it’s hard to imagine it as anything other than a comedy, because the situation it presents is so obviously ridiculous. As the women demand to know why they can’t watch the soccer match and their captors struggle to answer, the only possible outcome is comedy. What makes Offside most affecting is that the young women are not portrayed as activists attacking the system. They are simply soccer fans and patriots, and despite the fact that they are clearly being treated unfairly, they never lose their focus on the match and the historic victory that is within their nation’s grasp.


Schanghai-Connection

Soweit ich lese, ist die NZZ die einzige Zeitung, die sich in einem Kommentar dem jüngsten Treffen der Schanghai-Connection genannten Staatenverbindung widmet. Der Bericht ist distanziert bis skeptisch: weil die teilnehmenden Länder zum Teil Autokratien, Militärdiktaturen, Theokratien und mehr oder weniger schwache Demokratien – also so ganz und gar anders als „wir“ – sind, sollen China, Russland, Indien, Iran, … geopolitisch bedeutungslos sein?

Wenn sich dies ‚mal nicht, über kurz oder lang, als fahrlässiger Irrtum herausstellt!