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→ Auch Anti-Eurozentrismus kann zur Ideologie werden – Interview mit Jürgen Osterhammel | Das 19. Jahrhundert in Perspektive

Mareike König interviewt Jürgen Osterhammel

Frankfurter Buchmesse 2009

Die Frankfurter Buchmesse ist ohne Frage eine Institution von Rang für die Literatur, die Autoren, die Leser, die Verlage, die Gewerbe, die Stadt, die Medien, die Politik usw.. Doch professionelle Berichterstattung von diesem Ereignis hat auch etwas merkwürdige Seiten: neben der routinierten Schreibe über die Neuerscheinungen und dosierten Einblicken in die Verlagswelt findet man immer häufiger vor allem Berichte über die Empfänge und Parties (traurig, traurig, kaum noch Freigetränke) und andere Nebensächlichkeiten einer solchen Messe; enttäuschte Schnorrer und gelangweilte Groupies zeigen Zynismus, lassen Frust ab. Mit Verachtung blickt man auf die gemeinen Besucher, die die Hallen am Wochenende stürmen. [1]

Ich war gestern nach 2008 zum zweiten Mal dabei, samstags. Es begann in der übervollen S-Bahn nach Frankfurt, hier wie später dort dann die zahlreichen Gruppen der teils aufwändig kostümierten und geschminkten Manga- und Fantasy-Verehrer. Der erste Handzettel auf dem Fußweg vom Bahnhof zur Messe will mir von Polizisten in die Hand gedrückt werden: Sicherheitshinweise. (Wie auf Bahnhöfen derzeit begegnet man auch in den Messehallen einigen Polizei-Patrouillen; wird man sich daran gewöhnen müssen?) An der Kasse ist erstaunlich wenig los, in den Hallen später dann kommt es mir so vor, als wäre etwas weniger Andrang als im Vorjahr. Doch um dorthin zu gelangen, muss man sich erst noch den Weg durch das Spalier der teils verzweifelt, teils bemüht wirkenden Zettelverteiler bahnen.

So bunt und grell und gemischt wie das Angebot in den Filialen der Buchhandelsketten scheinen auch die Dispositionen des Publikums zu sein. Manche kommen nur, um Promis zu schauen. Die Ratgeber-Branche und die Fernsehsender sind mit ihren Podien auch da, um dieses Bedürfnis zu befriedigen. Ich schlendere von einem mir bekannten Verlag zum nächsten, entdecke einige mir unbekannte, nehme viele Bücher in die Hand, lese mich bei einigen mitten im Messetrubel fest, freue mich über sehr gut gemachte Editionen sowie Konstanten auf dem Buchmarkt: die Manesse-Büchlein und die Salto-Reihe von Wagenbach zum Beispiel.

Osterhammels 19. Jahrhundert

„Das Restaurant demokratisierte den guten Geschmack. […] ein relativ prosaischer Vorgang: Die Französische Revolution […] machte eine große Zahl von Privatköchen der enteigneten und geflohenen Aristokratie arbeitslos. So entstand ein neues Angebot auf einem neuen Markt: Die Kochkunst wurde einem zahlungskräftigen städtischen Bürgertum zugänglich.“
Jürgen Osterhammel, »Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts«


Warum nur kann man sich in diesen Zeiten mit dem 19. Jahrhundert beschäftigen? Oft genug blickte ich in verständnislose Gesichter, erzählte ich von meiner Lektüre. Vielleicht hätte Name dropping überzeugt, die Liste ist ziemlich beeindruckend…

Jürgen Osterhammel hat im Verlaufe der Jahre 2002 bis 2008 mit »Die Verwandlung der Welt« eine mehr als beeindruckende Weltgeschichte des 19. Jahrhunderts erarbeitet. Das materialsatte Epochenporträt, das der Autor als Interpretationsangebot versteht, ist bei C. H. Beck in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung erschienen. Die Ausgabe ist technisch durchaus von hoher Qualität, man erfreut sich z.B. an exakten Registerverweisen und zwei praktischen Lesebändchen (zumindest in der 2. Auflage).

Die Verwandlung der Welt gliedert sich nicht nach Regionen, Nationen, Zivilisationen, Großräumen; auch Kolonialismus und Imperialismus werden nicht in eigenen Kapiteln besprochen, sondern immer mitbedacht. Migration, Ökonomie, Umwelt, internationale Politik und Wissenschaft nehmen als Themen breiten Raum ein. Den herausragenden Stellenwert des 19. Jahrhunderts in der Geschichte verdeutlicht er durch plausible Rück- bzw. Vorgriffe ins 18. bzw. ins 20. Jahrhundert.

Osterhammel sieht das 19. Jahrhundert als ein Jahrhundert Europas:

„Die Geschichte des 19. Jahrhunderts wurde in einem Maße in und von Europa gemcht, wie sich dies weder für das 18. noch für das 20. Jahrhundert sagen lässt, von früheren Epochen ganz zu schweigen. Niemals hat Europa einen ähnlichen Überschuss an Innovationskraft und Initiative, gleichzeitig auch von Überwältigungswillen und Arroganz freigesetzt.“

Trotzdem, trotz einer vorhandenen Europa-Zentriertheit, legt Osterhammel großes Augenmerk vor allem auf den asiatischen Raum, vor allem auf China, aber auch auf Indien und Japan.

Die drei Teile des Buches [1] heißen

  • Annäherungen
  • Panoramen
  • Themen

»Annäherungen« meint hier Voraussetzungen, allgemeine Parameter für

  • Gedächtnis und Reflexion, also
  • Sicht- und Hörbarkeit: z.B. Oper (als europäischer Kulturexport) und Stadtbilder,
  • Erinnerungshorte und Speichermedien: Archive, Bibliotheken, Museen, Weltausstellungen usw. sowie
  • Beschreibungen: Photographie, Soziologie und Statistik
  • Zeit: Kalender, Periodisierungen, Uhr, Beschleunigung
  • Raum: das Raum-Zeit-Verhältnis, Interaktionsräume, Raumordnungen, Grenzen, Frontiers

Schon die 180 Seiten Annäherungen sind unglaublich spannend geschrieben, und machen Lust auf den „Rest“ von reichlich 1100 Seiten (ohne Anhang).

Im »Panoramen« genannten zweiten Teil bietet Osterhammel in acht Kapiteln jeweils einen weltweiten Überblick zu einem Thema. Dazu gehören z.B. die Kapitel

  • Lebensstandards (mit extra Unterkapiteln zur Entstehung der kulinarischen Mobilität, zum Aufkommen von Warenhäusern und Restaurants)
  • Städte (z.B. Pilgerziele, Badeorte, Bergbaustädte, Hauptstädte, Residenzen, Industriestädte, Hafenstädte, Kolonialstädte,…)
  • Imperien und Nationalstaaten

In den sieben Kapiteln der »Themen«, des dritten Teils des Buches, bietet Osterhammel eher essayistisch formulierte Diskussionen einzelner Aspekte an. Wieder einige wenige Beispiel-Kapitel:

  • Energie und Industrie (das Jahrhundert der Kohle!)
  • Netze (u.a. Verkehr, Kommunikation, Handel, Geld)
  • Wissen (z.B. die Universität als europäischer Kulturexport)

nennen.



Alles in Allem ist es eine sehr spannende, soghafte Lektüre – die man auch in kleinen Portionen genießen kann. Tiefgründige und fachkundige Rezensionen kann man in den überregionalen Feuilletons [2] nachlesen.

Für erwähnenswert halte ich noch Osterhammels Aussage zur Entstehungsgeschichte des Werkes:

„Dieses Buch ist auf unzeitgemäße Weise entstanden: als ein Einzelunternehmen abseits von Drittmittelbetrieb und geisteswissenschaftlicher Verbundforschung. Ich […] habe keinen Projektantrag geschrieben, mich daher auch keiner Begutachtung unterzogen und war davon entlastet, Rechenschaftsberichte zu verfassen.“

Dennoch konnte das Buch natürlich nur durch großzügige Förderungen entstehen; wie es sich für ein Nachwort gehört, werden alle diese Förderer aufgelistet.

[1] Eine vollständige Übersicht zur inhaltlichen Gliederung kann man sich auf dieser Seite verschaffen: Osterhammels 19. Jahrhundert
[2] Übersicht zu Buchbesprechungen beim Perlentaucher: Jürgen Osterhammel, Die Verwandlung der Welt