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Sonntagslektüren #2

Das Feuilleton der FAS macht mit einem großen, pixeligen Foto von Ai Weiwei auf. Drunter ein Text von Niklas Maak zum von ihm so bezeichneten Skandal der deutschen Ausstellung »Kunst der Aufklärung« in Beijing: »Ausgestreckte Hand, blutig«. Ich will die zynische Haltung des Dresdner Museumsdirektor Roth zur Verhaftung Ai Weiweis gewiss nicht verteidigen. Aber der ethische Rigorismus des Artikels und einer ganzen Reihe von „Kulturbloggern“ nervt, blendet dieser doch die Sicht ganz normaler chinesischer Ausstellungsbesucher aus. – Persönlich fand ich z.B. die Ausstellungen der Bundesrepublik Deutschland in der DDR, »Stadtpark Parkstadt« 1982 oder »Joseph Beuys: Frühe Arbeiten aus der Sammlung van der Grinten« (70.000 Besucher!, Zeichnungen, Aquarelle, Ölstudien, Collagen) 1988 sowie das Bob-Dylan-Konzert 1987, oder auch die Ausstellungen des französischen Kulturzentrums in Berlin Unter den Linden eher hilfreich. Gerade weil sie nichts mit der alltäglichen Realität zu tun hatten, wirkten diese…

Und dann war da noch, im Wirtschaftsteil, ein toller Text von Ralph Bollmann zur historischen und gegenwärtigen Angst der deutschen Liberalen (aller Parteien) vor dem Markt und dem freien Wettbewerb: »Staatsfreunde«.

Nachtrag: Hans Ulrich Gumbrecht über die Universitätskarriere des Romanisten Hans Robert Jauss, seines Professors in Konstanz: »Mein Lehrer, der Mann von der SS«. (Die Zeit)

Karl-Markus Gauß: Im Wald der Metropolen

Der Fortschritt macht aus Gefängnissen am Ende Museen.
Karl-Markus Gauß, »Im Wald der Metropolen«, S. 123


»Im Wald der Metropolen« (Paul Zsolnay Verlag Wien, 2010) ist der erste Text, das erste Buch von Karl-Markus Gauß, das ich gelesen habe. Den Anstoß gab die Rezension in der NZZ vom 3. September, gelesen auf dem Rückflug aus Barcelona. Am liebsten hätte ich das Buch noch an Bord bestellt.

Gauß macht eine imaginäre und zugleich reale Reise durch die Landschaften, die Kulturen und Literaturen Mitteleuropas, er reist durch sein Bücherregal und durch Bibliotheken, durch ein Mitteleuropa aus österreichischer Perspektive. Das schließt aus historischen und geografischen Gründen schon einmal Orte und Personen ein, die aus deutscher Sicht nicht unbedingt naheliegend sind. Hinzu kommt als Leseanreiz, für mich jedenfalls, sein ausgeprägtes Interesse für und sein Fokus auf Randständiges, auf nicht genügend Beachtetes oder Vergessenes, auf Arabesken. Gauß erklärt es mit seinem schon frühen Faible, eine Literaturgeschichte des Scheiterns – eine “imaginäre Geschichte der gescheiterten Bücher, der aufgegebenen Projekte, der Erfolge mit bösen Folgen, der untergegangenen Talente” – schreiben zu wollen. (S. 256)

Was ist das nun für ein Buch, was ist das für eine Sorte Text? Spannende Reisebeschreibung, biografische Bruchstücke, anschauliche Geschichte, interessante Miniaturen zur Literatur-, Sprach-, zur Kulturgeschichte, gar Ethnografisches kann ich identifizieren, alles wird vom Autor gekonnt gemixt; der Klappentext nennt es zutreffend “eine Kulturgeschichte Europas, wie wir sie bisher noch nicht gekannt haben, geschrieben in einer Prosa, für die es keinen Vergleich gibt”. Zumindest habe ich derartiges noch nicht in solcher Perfektion gelesen. (Klaus Theweleit schaffte manches Mal eine ähnlich gelungene Verquickung, aber das ist lange her.) Gauß gliedert einerseits den Text in 13 Kapitel, die wiederum mehrseitige Abschnitte enthalten. Diese jedoch sind vom Ganzen nicht isoliert, Motive und Personen und Orte tauchen später erneut auf. Das kam mir gelegentlich wie wohlüberlegt gesetzte, medienuntypische Hyperlinks vor. Es gibt zur Freude des Lesers sehr elegante Übergänge zwischen den Kapiteln und Abschnitten. Und so wird der Lesefluss nicht beeinträchtigt, auch wenn Gauß die Kapitel gerne mit Abschnitten anreichert, die in der Überschrift als Apropos, Addendum, Postskriptum, Epitaph, Fußnote, oder gar als Noch ein Schritt zur Seite gekennzeichnet sind. – Das Buch ist voller Seitensprünge, kleiner Schritte zur Seite – wie schon bei Karl von Ligne, einem seiner Protagonisten. (S. 295) Dabei kommt Gauß, egal ob er auf Seiten des gemeinen Lesers voraussetzbar Bekanntes oder vermutlich nur Spezialisten Geläufiges erzählt, völlig ohne didaktischen Zeigefinger aus; der detailreiche und atmosphärisch dichte Text liest sich so unterhaltsam, dass es, wie schon gesagt, eine Freude ist.

Auffällig sind auch solche Nebenhandlungsstränge wie »Die Neulateiner I-V«, in diesen Abschnitten werden kurz Literaten, Aufklärer, Wissenschaftler der Zeitgeschichte mit, das ist entscheidend, Affinität zum Lateinischen als Lingua franca der Zeit, porträtiert. Oder die plötzlich gehäuft auftretenden Erwähnungen der Kategorie Schönheit, zum Beispiel auf den Seiten 68/69, über den slowenischen Schriftsteller Ivan Cankar schreibend:

Es ist nicht die Hoffnung auf politische Veränderung, die das Dunkel erhellt, sondern die Sehnsucht des Menschen nach Schönheit. […] Ein Kind der Armut, hat Ivan Cankar im Dreck und Elend, im Schlammtal des versehrten Lebens, niemals die Überzeugung verloren, dass es die Menschen nicht nur nach Brot und Gerechtigkeit, sondern auch nach Schönheit hungert. […] Über jedwede soziale und nationale Forderung hinaus behauptet er in der Anrufung von Vrzdenec den Anspruch des Menschen auf Schönheit. Die Schönheit ist weder eine akademische Frage, für die Professoren der Ästhetik zuständig, noch ein Reiz, auf den Dandys abonniert sind. Sie ist nichts anderes als ein Anrecht des Menschen, gleich dem auf Brot, Behausung, Bildung, und dieses Anrecht muss er sich durch keine Verdienste erwerben, es fällt einem jedem schon durch seine Geburt zu.

Was porträtiert, verknüpft Karl-Markus Gauß im Einzelnen? Eine sicherlich unvollständige Auflistung der Gaußschen Reisestationen und Themen…

Kaffeehaus #2 und #3

Porto hat mindestens zwei distinguished Kaffeehäuser: Das Café Majestic in der Rua Santa Catarina sowie das Café Guarany in der Avenida dos Aliados. – Während es draußen regnete, in letzterem entspannte fünf Stunden lang gesessen, genossen und gelesen.

  


Pablo Neruda. Der Reisende

Der Vers fällt auf die Seele wie der Tau auf das Grasland.
(Y el verso cae al alma como al pasto el rocío)

Pablo Neruda, »20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung (Viente poemas de amor y una cancion desesperada)«, 1924


Noch eine Reise in die Vergangenheit, zu einstigen Helden, nach PPP nun Pablo Neruda. »Pablo Neruda. Der Reisende. Dichtung und Musik« hieß das Programm im Antiquariat am Ballplatz in Mainz. Hermann Heiser rezitierte, Thomas Humm (Piano), Florian Werther (Bass), Axel Grote (Blasinstrumente) sorgten für den musikalischen Part. „Dichtung und Musik“ muss man hier wörtlich nehmen: das, was zu Hören war, war eine Vertonung der Gedichte, Musik und Text verschieden eng verzahnt, manchmal nur Klangmuster, manchmal Improvisationen, manchmal durchkomponierte, jazzige Songs. Also war es ein Quartett. – Neruda selbst soll übrigens seine eigenen Gedichte sehr melodisch gesprochen haben.

Das ausgewählte Programm enthielt keine Liebesgedichte, keine politischen Texte. Es ging einzig um Nerudas Reiseerfahrungen und seine Poetik, also um Landschaften (Ozean, Wüste), Tiere (Hunde, Vögel), Häfen usw. und um das Schreiben (»Ars Poetica«).

Die Geschichte im sehr empfehlenswerten Film »Il Postino« von 1994 basiert auf einer authentischen Episode aus dem Leben Nerudas in den 50er Jahren; Poesie verändert das Leben des ungebildeten Aushilfsbriefträgers…

Programmänderung

Das ist eine ganz neu erlebte Art, eine sehr direkte Art, eine Programmänderung bzw. -kürzung anzukündigen: Unmittelbar vor dem ersten Ton des Konzerts von der Bühne herab kurz und für die in den hinteren Reihen Sitzenden schwer verständlich mitteilen, dass der erste Programmpunkt entfällt, man beginne nun gleich mit dem zweiten. Das Publikum heute im vollbesetzten Parkett des Wiesbadener Kurhauses hatte keine Zeit zum Murren, den Saal zu verlassen oder anders seinen Unmut freien Lauf zu lassen. Statt Webern und Beethoven gab’s nur und ohne finanziellen Ausgleich Letzteren.

Dafür war der Abend so spätsommerlich warm, dass die „gewonnene“ Zeit am Kasteler Rheinufer noch gut angelegt werden konnte.