Posts Tagged: Lars von Trier

Das weiße Band

»Das weiße Band« ist der erste Haneke, der mich einigermaßen enttäuscht das Kino verlassen lässt. Nach »Wolfzeit« und dem famosen »Caché«, nach der Goldenen Palme von Cannes in diesem Jahr für den Film, kommt das für mich doch überraschend. Was stört mich?

Da ist zunächst der Erzähler aus dem Off, was mich sofort an »Dogville« erinnert. Während jedoch Lars von Trier sein Lehrstück mit teils minimalistischen Mitteln des Theaters inszeniert und so die Distanz des Beobachters, Analyse ermöglicht, schwelgt Haneke in auch kitschigen Bildern von Wäldern, wogenden Getreidefeldern und Landarbeit, lässt den Erzähler auch das noch einmal erzählen, was man sehen kann. Auch wird mit dem erzählenden Lehrer eine Objektivität vorgegaukelt, die diese Figur gar nicht haben kann.

Der Film hat Längen, die Szenen haben Längen, dauern immer ein paar Sekunden zu lange, so dass es peinlich wird, noch hinzusehen. Ich kann mir vorstellen, dass es Hanekes Absicht ist, es soll auch wehtun, das Hinsehen und Begreifen. Vielleicht liegt hier ein Zielgruppenkonflikt vor: wer in Hanekes Filme geht, hat in der Regel schon begriffen, reagiert empfindlich auf durchsichtige Belehrungen. Die, die er erziehen will, werden trotz Goldener Palme sich den Film wohl nicht ansehen.

Vor Jahrzehnten schon schrieb Klaus Theweleit seine zweibändigen »Männerphantasien« über Voraussetzungen und Werden des soldatischen Körpers, über den Typus der weißen Krankenschwester auch, die unentbehrlich für das Lazarett und als Braut für den besten Freund ist. Michael Haneke hat jetzt und mit erhobenem Zeigefinger eine filmische Illustration zu Theweleits Thesen abgeliefert.

Short Cuts #4

Mehrere Ziegelsteine liegen diesen Herbst in den Buchläden, darunter zwei Romane. Ich habe den dickeren – »Unendlicher Spaß« – erst einmal liegen lassen und mich für »2666« von Roberto Bolaño entschieden, vor allem deswegen. Zu beiden gibt es übrigens auch Blog-Projekte, da und da.

Aber vorerst noch muss ich mich durch den Sloterdijk hindurch üben.
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Apropos „Leben ändern müssen“: wir sollten vor allem fehlertoleranter werden! Nur so können wir überleben, jetzt schon, nicht erst wenn unsere Daten einmal alle in der Cloud liegen werden. Aber bei T-Mobile hat man zumindest im Call Center noch Humor, wie ich eben beim Versuch, mich zum Tarifwechsel zu überreden, erleben durfte. Aber vermutlich können sich die Agentinnen dort unter einem Backup auch nicht vorstellen, was es sein oder wozu es gut sein sollte: T-Mobile Sidekick Users Get Kicked in the Teeth (via)
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Noch einmal zum »Antichrist«. Ich muss da etwas Grundsätzliches nicht mitbekommen haben. Denn Lars von Trier wechselt mit der Ankündigung seines neuen Films erst 2010 ins unromantische Fach:

No more happy endings!


Short Cuts #2

"She" and the Three Beggars, Film Still "Antichrist", © MFA+ FilmDistribution e.K.

Nach überreichlicher Lektüre – von Suchsland über Kehlmann bis zu Jelinek – habe ich nun endlich Lars von Triers »Antichrist« sehen können. Das vorherrschende Gefühl beim Sehen ist Angst. Das Böse in der Welt – die Natur. Der Horror des Geschlechterkampfes. Die Frau als Heilige und / oder Hexe. Chaos regiert, sagt der Fuchs.

Wie unsinnig ist Daniel Kehlmanns Frage? [1]

Was, wenn die Hexenverbrennungen berechtigt waren? Wenn es den Teufel gibt und wenn böse Frauen existieren, die mit ihm im Bunde sind?

Kein eindeutiges Urteil ist mir vorerst das einzig angemessene Urteil für diesen Film, der visuell zumindest große Kunst ist und eine Zumutung auch.
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Gerade frisch erschienen: Uwe Tellkamp, »Reise zur blauen Stadt«, ein Gedicht in 40 Kapiteln. Die namenlose blaue Stadt borgt sich Gebäude, Wasser und Flair von Venedig, die handelnden Personen arbeiten im Serapionstheater, Nautischer Akademie, Stadtverwaltung und Schloß; das Kapitel mit den Tagebuchaufzeichnungen eines gewissen Münchhausen steht an zentraler Stelle des Textes.

Der Inselband ist ein ästhetisches Kontrastprogramm zu seinem ausschweifendem Dresden-Roman »Der Turm«. Für mich als Leser ist’s hinsichtlich Genre eine Übung.
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Sarrazin hat hier Recht. [2] (Lettre International bringt zum Glück nicht zum ersten Mal abweichende Meinungen [3], pfeift auf die Gesinnungspolizei.)

[1] „Die Natur ist Satans Kirche“, DIE ZEIT, 03.09.2009 Nr. 37
[2] „Klasse statt Masse“, Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten, Thilo Sarrazin im Gespräch, Lettre International Nr. 86 (Berlin auf der Couch), S. 197-201; online nur ein kleiner Auszug
[3] Der im Juli 2009 verstorbene Peter Krieg z.B., er schrieb im Dezember 2008 mit größtmöglichem Abstand zum Mainstream aka Keynesianismus und in Anlehnung an die großen österreichischen Nationalökonomen über „Krankes Geld“, Lettre International Nr. 83, online nur ein kleiner Auszug.


Wie ein weißes Blatt Papier

Ein Film muss wehtun wie ein Stein im Schuh. Es gibt doch keinen anderen Grund, ins Kino zu gehen. Wenn man was Schöneres erleben will, ist Sex besser. Oder Kanufahren.

(Lars von Trier, vor der augenblicklichen und hoffentlich bald überwundenen Schaffenskrise)

Europäischer Filmpreis 2003

»Good Bye, Lenin!« bekommt die meisten Preise bei der Verleihung des Europäischen Filmpreises. – Schade. Denn Lars von Triers »Dogville« hätte m.M. nach die Trophäe verdient! Nicht nur den Kamera- und den Regiepreis! Zwar war Nicole Kidman nie so gut wie in »Dogville«, aber Charlotte Rampling ist halt Europäerin – und war in »Swimming Pool« wirklich super.

Informationen: spiegel online kultur