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Kaffeehaus #2 und #3

Porto hat mindestens zwei distinguished Kaffeehäuser: Das Café Majestic in der Rua Santa Catarina sowie das Café Guarany in der Avenida dos Aliados. – Während es draußen regnete, in letzterem entspannte fünf Stunden lang gesessen, genossen und gelesen.

  


Du mußt dein Leben ändern | Payback

Dies ist ein mitreißendes, philosophisches Poem von Durs Grünbein: »Vom Schnee oder Descartes in Deutschland«. Es war im Winter 1619, als Descartes und sein Diener in einem Kaff bei Ulm frierend festsaßen, angesichts des später so genannten Dreißigjährigen Krieges. Grünbein lässt Descartes im Selbstgespräch und nach langem Abwägen sagen:

Du mußt, René, dein Leben ändern.

Das war, aus Descartes‘ Perspektive, fast 300 Jahre vor Rainer Maria Rilkes Finale im Gedicht »Archaïscher Torso Apollos«, aus der Grünbeins immer noch gut 6 Jahre vor Sloterdijk und Schirrmacher.

Aber das ist nicht so wichtig, dieser Imperativ soll ja, seit Rilke in den allgemeinen Zeitgeist eingeflossen sein.

Aber in Wahrheit waren es die Mathematiker, die René Descartes‘ Satz »Der Körper wird den Geist immer beim Denken behindern« am meisten zustimmen konnten.

So steht’s in Frank Schirrmachers neuem Buch »Payback«, und das Zitat benennt ganz gut die Voraussetzungen für den aktuellen Wandel in unserem Verhältnis zum / mit dem Computer, mit dem Netz, in das unser Denken immer mehr auswandert, die Übergänge verwischen. Schirrmachers Buch ist kein Pamphlet gegen Computer, im Gegenteil, er sieht die Informationstechnologie als etwas an, dass zum Spannendsten gehört, was unsere Generation erleben kann. Dafür bringt er viele Beispiele. Und da er diagnostiziert: Unsere Werkzeuge verändern unsere Umwelt, vor allem aber verändern sie uns selbst, schreibt er mit der Überzeugung, der zufolge wir heute in den Lehrbüchern der Informatik nachschauen sollten, wenn wir etwas über unsere geistige Abstammung erfahren wollen. Schirrmacher hat mehr als einen Blick in Bücher, Studien und Paper gewagt, hat mit wissenschaftlichen Koryphäen verschiedenster Fakultäten geredet. (Damit ist er gedanklich weiter, sieht mehr Zusammenhänge und potenzielle Entwicklungen als seine meisten Rezensenten, die kaum die Oberfläche der Ich-Erschöpfung durchdringen und den Text spätestens beim Wort Aufmerksamkeitsstörung abhaken. Es ist übrigens auch kein Buch gegen Google, gegen das Internet. Im Gegenteil, man muss nur lesen können.)

Ach ja, im zweiten Teil, nach der Diagnose, kommt dann der Aufruf zum Üben, zum Trainieren, zum Leben-Ändern, damit wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen können. Die Argumentation erscheint mir schlüssig, wenn Schirrmacher zeigt, was nur wir als unvollständige, fehlerhafte und schöpferische Wesen können. Überraschende Perspektivwechsel, Fehlertoleranz, der souveräne Umgang mit Unsicherheiten gehören dazu. Dazu muss man den Muskel, also die Willenskraft stärken. […] Es geht um Krafttraining für den Muskel der Selbstkontrolle. Und es geht um die Bildung der Zukunft, um eine qualitativ andere Bildung, die lehrt, Computer zu nutzen, um durch den Kontakt mit ihnen das zu lehren, was nur Menschen können.

Ob das allein, und wozu eigentlich, hilft?

Kursiver Text: Zitate aus Frank Schirrmacher, Payback, München 2009


Zukunft gestalten

Man muss nicht mit allem einverstanden sein, wofür Frank Schirrmacher mit seinem Denken und Publizieren steht. [1] Auch das, was er aktuell für seine Zeitung tut und verantwortet, was er dort an „neuen“ Themen und Diskussionen platziert, verdient Achtung. Es ist nicht nur spannend, es ist in meinen Augen über-relevant für unsere Gesellschaft, für unsere Zeit. So z.B. neben „Die Zukunft des Kapitalismus“ [2] nun die neue Serie „Digitale Intelligenz“.

Das Denken und die Technologie um Informatik und Genetik, prononciert in dieser Verbindung, wird in mehreren in letzter Zeit erschienen Artikeln thematisiert. Als erstes zu nennen wäre da die Berichterstattung zu EDGE, zur „Edge Master Class 2009 – A Short Course on Synthetic Genomics“ [3]. Schirrmacher kommentiert wie folgt :

This is breathtaking. The Edge Master Class must have been spectacular and frightening. Now DNA and computers are reading each other without human intervention, without a human able to understand it. This is a milestone, and adds to the whole picture: we don’t read, we will be read. What Edge has achieved collecting these great thinkers around is absolutley spectacular. Whenever I find an allusion to great writers or thinkers, I find out that they all are at Edge.

Dann, am vergangenen Sonntag – eine Woche vor der Bundestagswahl, aber weit darüber hinaus weisend – der überaus treffsichere und ausführliche Artikel »Aufstieg der Nerds: Die Revolution der Piraten«. Schirrmacher:

Nerds haben die Drehbücher unserer Kommunikation, […] mittlerweile unseres Denkens geschrieben. Sie sind die größte Macht der modernen Gesellschaft. Ihre Texte verstehen Außenstehende nicht, obwohl sich alle nach ihnen richten […] Was wir erleben, ist der Übertritt einer anderen Intelligenzform in den Bereich der Politik. Ob durchweg zum Guten, das lässt sich heute noch nicht sagen. […] Sie, die die Systeme kennen, müssen, wie seinerzeit die Renegaten der Atomspaltung, in politische Sprache übersetzen, was technisch möglich ist, was es aus uns macht und wie wir uns dagegen wehren können.


Liebes- und Produktionsverhältnisse

„All You Need Is Love.“
John Lennon, 1967


Keiner hat, soweit ich bisher sah und las, die Verschränkung von Liebes- und Produktionsverhältnissen so wort- und bildreich und zugleich analytisch beschrieben, wie Klaus Theweleit im unvollendeten »Buch der Könige«: Benn, Brecht, Freud, Hamsun, Kafka, … und die mediale, ihre Produktion befeuernden Frauen. (Dazu gehört die strategische Partnerwahl. Dieser »Objektwahl« widmet sich Theweleit speziell auch in der gleichnamigen Arabeske zum »Buch der Könige«.) So weit, so gut – im 20. Jahrhundert.

Caroline Schlegel, porträtiert von J. F. A. Tischbein, 1798 © Tischbein / Quelle: Wikipedia (s.u.)

Barbara Sichtermann beschreibt in ihrem gerade in der ZEIT veröffentlichten, kurzen Essay den Fall einer Frau, die weitgehend ihrem Lebensentwurf folgt. Dazu gehört die Wahl des passenden Mannes, und das war für das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert gewiss nicht üblich. Sie heißt Caroline Michaelis, besser bekannt unter den Namen ihrer Männer: Böhmer, Schlegel, Schelling [1].

Caroline wuchs in einem Akademikerhaushalt in Göttingen auf, war ein Mädchen mit Geist, das leben wollte wie ein Geistesmensch, der sich niemals verlieben will:

Fern von mir sei jede romanhafte Idee. Ich würde, wenn ich ganz mein eigener Herr wäre, weit lieber gar nicht heiraten und auf andere Art der Welt zu nutzen suchen.

Es kommt jedoch die erste Ehe, mit dem Arzt Böhmer, da ist sie 21 Jahre alt und sagt:

Man schätzt ein Frauenzimmer doch immer nur nach dem, was es als Frauenzimmer ist.

Also als Gattin, Hausfrau, Mutter [2]. So eine Existenz ist nicht an ein Liebesverhältnis zum Manne gebunden.

Der Mann stirbt, die junge Witwe und Mutter ist in Göttingen sehr begehrt. Zum Beispiel vom jüngeren August Wilhelm Schlegel, den sie aber abblitzen lässt. Es ist 1789, sie bekommt „französisches Fieber“, sucht den Flirt mit den Jakobinern und geht 1792 nach Mainz zu Georg Forster, dem Naturforscher, der mit Cook um die Welt segelte. Sie freut sich auf die im gleichen Jahr Mainz erobernden Franzosen, verliebt sich in einen jungen Offizier, der »schön wie ein Götterbild« ist.

Sie genießt es Geistesmensch zu sein, nun an der Seite Forsters. Als die Mainzer Räterepublik [3] verglüht, wird die Fliehende mit ihrem Kind Auguste (und dem noch ungeborenen des französchen Leutnants) inhaftiert, kommt aber auf Betreiben ihres Bruders hin schließlich frei. – August Wilhelm Schlegel bietet sich als verschwiegener Helfer in der Not an, dessen wiederum jüngerer Bruder Friedrich Schlegel verliebt sich in die werdende Mutter.

Thorwaldsen: Auguste Böhmer, ihrer Mutter Caroline ein Trinkgefäß reichend / Quelle: Wikipedia (s.u.)

Doch Carolines bürgerliche Existenz ist verspielt, sie gilt als Franzosenliebchen und Kebsweib [4] Forsters. Die Brüder Schlegel jedoch retten sie erneut: der jüngere Friedrich überredet seinen Bruder, Caroline zu heiraten. Zumindest aus Carolines Sicht ist es die zweite Vernunftehe.

Von dieser profitiert auch August Wilhelms philologische Arbeit. Sie ist mit den Schlegels in Jena dabei, als die deutsche Frühromantik um die Jahrhundertwende ihren kurzen aber heftigen Frühling hat.

Und nun verliebt sie sich doch wieder, in Friedrich Wilhelm Schelling, zwölf Jahre jünger als sie. Das sprengt den Jenaer Kreis. Und sie steht abermals außerhalb, wird von den Gefährten verstoßen. Das trägt zu den wahnhaften, depressiven Zügen bei, die Caroline und Schelling in ihrer Beziehung vorübergehend erleben.

Scheidung dann von Schlegel und dritte Ehe, die erste Liebesheirat, mit 40. Caroline wirkt mit ihrem Geist auch auf Schellings Arbeit, erst in Würzburg, dann in München. Und zwar so stark, dass Karl Jaspers später urteilen wird :

Unter den großen Philosophen ist es nur Schelling, für den eine Frau durch ihre Persönlichkeit von entscheidender Bedeutung wurde […], durch ihr geistiges Wesen.


[1] Jahrelang stand in meinem Bücherregal »Begegnung mit Caroline«, ein Band mit Briefen von Caroline Schlegel-Schelling, herausgegeben und bevorwortet von Sigrid Damm, erschienen in Leipzig bei Reclam, 1984. Damals hatte die Deutsche Romantik in gewissen Kreisen fast so etwas wie eine widerständige Aura; nicht, dass ich ihr erlegen gewesen wäre.
[2] Ihre Kinder werden auf Grund von damals üblichen Seuchen, Krankheiten vor ihr sterben.
[3] Goethe – im Dienst der Weimeraner – gehörte zu den Belagerern der alten Reichshauptstadt, schrieb auch darüber. Überhaupt schauten fast alle Bürgerlichen zu, wie Mainz in Schutt und Asche gelegt wurde. – Die Mainzer lieben „ihre“ Räterepublik auch heute nicht; Georg Forster ist abgesehen von einer kleinen Forsterstraße in der Neustadt im Stadtbild nicht präsent.
[4] Hier: verächtlich für diejenige, die in einem eheähnlichen Verhältnis mit einem unverheirateten Mann lebt, bzw. für eine außereheliche Geliebte eines verheirateten Mannes; s. Deutsches Rechtswörterbuch

alle Zitate nach B. Sichtermann, siehe Die Frau, die einzig war, Bilder: Wikimedia Commons, bzw. Wikipedia


Kaffeehaus #1

Mindestens 10 überregionale Tageszeitungen, dabei auch eine Reihe nicht-deutschsprachige, darunter gar die russische Известия, dazu »Lettre International«, »Du«, »Die Zeit«, »Brandeins« und mehr. Sehr aufmerksames Personal, das in der Lage ist, den Gast mit Lektüre und Espresso in Ruhe zu lassen, auf einen Wink hin aber fast unverzüglich am Tisch steht. – Gibt es das noch in unseren Straßenschluchten, auf den Boulevards, Promenaden und Plätzen, dort, wo statt der Erbauung und dem Müßiggang der Schnäppchenjägerei und vermeintlicher Effizienz gehuldigt wird?

Das Münchner Stadt-Café am St.-Jakobs-Platz, am Stadtmuseum, ist so ein seltenes Exemplar.