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Ver-rückt

Christoph Hochhäusler will darüber nachdenken, aus dramaturgischen Gründen dem Sichtbaren gegebenenfalls ein Voice-Over [1] hinzuzufügen. Altmeister Alain Resnais hat in »Les herbes folles – Vorsicht Sehnsucht« genau das und noch viel mehr Ungewöhnliches gemacht. Alle Figuren sind normal und stehen doch ausreichend weit neben dem Erwartbaren, Durchschnittlichem. Die Kamera tanzt mindestens so wie die Dialoge springen, Farbe ist nicht einfach bunt [2] und rund um das Kino im Film wird „natürlich“ eine Kulissenwelt gebaut. – Resnais beweist mehr Mut und sein Film zeugt von mehr Kreativität als z. B. alle mir bekannten Wettbewerbsfilme der letzten großen Festivals zusammen.

Lukas Foerster nennt den Film in seiner sehr treffenden Rezension Free Jazz. Mir rutschte unmittelbar beim Verlassen des Kinos seit langen wieder einmal das mir offenbar spontan höchst mögliche Lob heraus: Toll.

[1] Natürlich nicht so einen altmodischen Off-Kommentar, der erklären muss was nicht zu sehen ist und noch dazu nervend oberlehrerhaft daherkommt. Wie es Michael Haneke in »Das weiße Band« macht.
[2] Man schaue sich dazu diesen Trailer an.


Das weiße Band

»Das weiße Band« ist der erste Haneke, der mich einigermaßen enttäuscht das Kino verlassen lässt. Nach »Wolfzeit« und dem famosen »Caché«, nach der Goldenen Palme von Cannes in diesem Jahr für den Film, kommt das für mich doch überraschend. Was stört mich?

Da ist zunächst der Erzähler aus dem Off, was mich sofort an »Dogville« erinnert. Während jedoch Lars von Trier sein Lehrstück mit teils minimalistischen Mitteln des Theaters inszeniert und so die Distanz des Beobachters, Analyse ermöglicht, schwelgt Haneke in auch kitschigen Bildern von Wäldern, wogenden Getreidefeldern und Landarbeit, lässt den Erzähler auch das noch einmal erzählen, was man sehen kann. Auch wird mit dem erzählenden Lehrer eine Objektivität vorgegaukelt, die diese Figur gar nicht haben kann.

Der Film hat Längen, die Szenen haben Längen, dauern immer ein paar Sekunden zu lange, so dass es peinlich wird, noch hinzusehen. Ich kann mir vorstellen, dass es Hanekes Absicht ist, es soll auch wehtun, das Hinsehen und Begreifen. Vielleicht liegt hier ein Zielgruppenkonflikt vor: wer in Hanekes Filme geht, hat in der Regel schon begriffen, reagiert empfindlich auf durchsichtige Belehrungen. Die, die er erziehen will, werden trotz Goldener Palme sich den Film wohl nicht ansehen.

Vor Jahrzehnten schon schrieb Klaus Theweleit seine zweibändigen »Männerphantasien« über Voraussetzungen und Werden des soldatischen Körpers, über den Typus der weißen Krankenschwester auch, die unentbehrlich für das Lazarett und als Braut für den besten Freund ist. Michael Haneke hat jetzt und mit erhobenem Zeigefinger eine filmische Illustration zu Theweleits Thesen abgeliefert.

Haneke und Huppert

Das Filmfestival mit dem besten Plakatmotiv ist zu Ende gegangen, und die sehr geschätzte Jurypräsidentin Isabelle Huppert zeichnete den ebenfalls sehr geschätzten Michael Haneke mit der Goldenen Palme aus.

Na, da freuen wir uns doch sehr!

Und vielleicht machen die Beiden nach der »Klavierspielerin« und der »Wolfzeit« bald wieder etwas zusammen!?

(mehr Infos)

Kino im Januar

Das Jahr fing ja gut an, habe schon drei sehr gute Kinofilme gesehen: Erst Allens »Match Point«, dann Mereilles »Der ewige Gärtner« und zuletzt Hanekes »Caché«. Die genannte zeitliche Abfolge ist auch eine der Wirkungs-Steigerung, »Caché« trifft am meisten. Und Kino muss weh tun, sonst kann man sich die Zeit besser vertreiben.

Was ich erzählen will, ist die Irritation der Zuschauer. Nur eine Irritation bewirkt wirklich etwas. Man will ja aus dem Kino nicht so rauskommen, wie man reingegangen ist – das wäre verlorene Zeit. (Michael Haneke)



Ein Film muss wehtun wie ein Stein im Schuh. Es gibt doch keinen anderen Grund, ins Kino zu gehen. Wenn man was Schöneres erleben will, ist Sex besser. Oder Kanufahren. (Lars von Trier)



»Caché« bei der Wikipedia und Telepolis
»Der ewige Gärtner« bei der Wikipedia und Telepolis
»Match Point« bei der Wikipedia und Telepolis